Der tschechische Bankensektor als Problem der Transformation

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Herzlich willkommen bei einer weiteren Ausgabe unserer Magazinsendung mit Themen aus Wirtschaft und Wissenschaft, am Mikrofon begrüßt Sie Rudi Hermann. Bankier, das ist ein Wort, das in Tschechien während der Jahre der Transformation unterschiedliche Reaktionen und Gefühle hervorgerufen hat. Nach der Wende haftete dem Wort der Zauberklang des erfolgreichen Kapitalisten an, was nach Jahrzehnten des staatlich verordneten Sozialismus in der Bevölkerung Prestige und Ansehen garantierte. Doch bald kamen die ersten Zusammenbrüche kleinerer Privatbanken und milliardenschwere Sanierungen der staatlichen Grossbanken. Die Berufsbezeichnung Bankier geriet in Verruf, und nicht viel hätte gefehlt, dass sie mit Betrügern auf eine Stufe gestellt worden wäre. Inzwischen allerdings sind auch die Grossbanken privatisiert oder stehen, im Falle der Komercni banka, kurz vor diesem Schritt, und die neuen Besitzer haben natürlich alles Interesse daran, das Vertrauen der Bevölkerung in den Bankensektor vollständig wieder herzustellen. Einigen prominenten Bankern der tschechischen Wirtschaftstransformation, wo sie waren und was sie wurden, sind die folgenden Minuten gewidmet. Wir wünschen dazu guten Empfang.

Die Banken sind ein spezielles Kapitel der tschechischen Wirtschaftstransformation. Denn im Sozialismus brauchte es zwar auch Institute, wo die Bevölkerung ihre Ersparnisse ablegen und die Unternehmen ihre Konten führen konnten, doch einen Finanzplatz im weiteren Sinn mit untereinander konkurrierenden Subjekten, die finanzielle Produkte anboten, gab es nicht und wurde auch gar nicht benötigt. Der Aufbau eines Bankensystems war deshalb eine der vordringlichsten Aufgaben für die Umgestaltung der Wirtschaft nach der Wende. Banken brauchte es, um die bevorstehende Privatisierung zu finanzieren. Damit war allerdings nicht nur ein finanzieller, sondern auch ein politischer Auftrag verbunden. Die in Tschechien angewendete Methode der Couponprivatisierung streute breites Eigentum im Volk, das damit tatsächlich zu volkseigenem Besitz wurde. Doch die Couponprivatisierung brachte den entstaatlichten Unternehmen kein neues Kapital. Dieses mussten deshalb die Banken vorschiessen. Und weil das Gelingen der Privatisierung ein politischer Auftrag war, mit dem das Vertrauen der Bevölkerung in das neue, unbekannte und von der früheren sozialistischen Garde verunglimpfte kapitalistische Wirtschaftssystem gestärkt werden musste, sollten die Banken hier und da bei den unternehmerischen Plänen, für die sie da Kredite erteilen sollten, ein Auge zudrücken.

Wenn überhaupt genau hingeschaut wurde, denn einerseits fehlte es den Banken natürlich an den personellen Ressourcen für die neuen Aufgaben, vor denen sie plötzlich standen, und andrerseits haftet den Finanzinstituten bis heute der Ruch an, einige ihrer Spitzenvertreter hätten in der Grauzone der Wirtschaftskriminalität mitgemischt oder zumindest die ungenügende Gesetzgebung bis ins letzte ausgereizt.

So erstaunt nicht, dass die höheren Bankkader aus diesen Zeiten heute nicht unbedingt den besten Ruf geniessen. Kein Wunder, denn die Verluste, die der Bankensektor dem Staat verursacht haben, werden über die letzten 10 Jahre auf 400 bis 500 Milliarden Kronen geschätzt. Am meisten im Gerede waren dabei natürlich die vier Grossbanken, die nach der Wende aus den existierenden Finanzinstituten gebildet wurden. Die Tschechische Sparkasse hatte es als Bank fürs Volk schon im Sozialismus gegeben, andere Banken wurden aus verschiedenen Sonderzweigen der früheren Tschechoslowakischen Staatsbank gebildet: Die Komercni banka - Kommerzbank, die tschechoslowakische Handelsbank CSOB und die Investitionsbank IB, die später zur Investitions- und Postbank IPB erweitert wurde.

Als staatlich beherrschte Finanzinstitute trugen diese sogenannten Grossen Vier die Hauptlast der Transformation, weil sie vom Staat besser beeinflussbar waren als neu entstandene Privatbanken mit privaten Aktionären. Privatbanken erreichten auch praktisch nie eine kritische Grösse, die sie zu ernsthaften Mitspielern der Grossbanken hätten werden lassen. Viel wird heute darüber spekuliert, wie sehr die Verquickung von Politik und Wirtschaft gerade bei den Grossbanken der Transformation geschadet hat. Experten sehen darin den Grund dafür, dass schmerzhafte Prozesse der wirtschaftlichen Restrukturierung aufgeschoben wurden und jetzt mit Zinsen zu bezahlen sind. Namen aus dieser Zeit sind etwa der einstige Chef der Komercni banka, Richard Salzmann, der später für die Demokratische Bürgerpartei ODS in den Senat gewählt wurde, Salzmanns Nachfolger Jan Kollert, der die Bank verlassen musste, als ein Skandalgeschäft mit Verlusten in der Höhe von 8 Milliarden Kronen aufflog, Jiri Tesar, Chef der IPB, die als die Bank gilt, in der die Verfilzung von Politik und Finanz am ausgiebigsten wucherte, oder Libor Prochazka ebenfalls aus der IPB.

Noch vor der Privatisierung der vier Grossbanken war gelegentlich die Praxis zu beobachten, dass ein Chefbankier, der auf dem höchsten Posten untragbar geworden war, auf eine Kaderstelle in einer Tochtergesellschaft abgeschoben wurde. So geschehen etwa im Falle des ehemaligen Generaldirektors der Sparkasse, Jaroslav Klapal, der als Chef den Hut nehmen musste, dem der Rücktritt aber mit einer Spitzenposition bei einer Konzerntochter versüsst wurde. Solche Nachsicht ist von den strategischen Partnern der tschechischen Grossbanken nach der Privatisierung, im Falle der Ceska Sporitelna die österreichische Erste Bank-Sparkassen, jetzt nicht mehr zu erwarten. Der Vorsitzende der tschechischen Bankenvereinigung, Jiri Kunert, erachtet inzwischen den Bankenplatz Tschechien als von unverantwortlichen Bankiers weitgehend gesäubert. Dazu beigetragen haben seiner Meinung nach die Zusammenbrüche kleinerer Banken, eine verbesserte Bankenaufsicht seitens des Staates respektive der Zentralbank und schliesslich die Privatisierung der Grossbanken unter Beizug ausländischer strategischer Partner. Dies habe dazu geführt, dass das Bankenwesen von der Bevölkerung zunehmend als verantwortungsvoller Wirtschaftszweig und nicht mehr als gefährliches Manipulieren mit fremdem Geld wahrgenommen werde.

Wenn gescheiterten Bankmanagern mit ramponiertem Renommee, wie es eigentlich sein sollte, der Weg in andere Etagen des Bankenwesens jetzt versperrt ist, wo liegt denn ihr Betätigungsfeld? Der Analytiker Miroslav Nosal von der renommierten Bank Merril Lynch meinte in einem Interview gegenüber der Tageszeitung Mlada Fronta dnes, wohl am häufigsten würden diese Beratungsfirmen gründen. Er hoffe, dass sich in Tschechien mit der Privatisierung der Banken in ausländische Hände die Praxis durchsetze, dass eine Selektion guter und schlechter Manager einsetze. Eine offizielle Referenzpolitik der grossen Häuser gebe es zwar nicht, es werde lediglich mitgeteilt, wer wo auf welcher Stufe gearbeitet habe. Inoffiziell aber würden Informationen über die Qualität von Managern kursieren, die jemandem nützen oder auch schaden könnten. Ein Generationenwechsel unter den Bankkadern könne den Gesundungsprozess fördern. Dieser Generationenwechsel sei nur schon deshalb wichtig, weil ältere Bankiers allzu oft persönlich mit den Managern oder Besitzern gewisser Unternehmen verbunden seien und diese Verbindungen nicht immer zum Vorteil der Bank als solcher sein mussten. Ein Problem sieht Nosal jedoch noch in der Dichte des Markts bei Bankkadern. In London, wo eine grosse Dichte herrsche, sei jemand, der seinen Namen verloren habe, abgeschrieben. In Tschechien allerdings, wo ein Mangel an entsprechenden Kräften herrsche, müsse dies nicht der Fall sein.

Autor: Rudi Hermann
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