Der tschechische Kunstmarkt - Neustart vor 25 Jahren

Foto: Magdalena Hrozínková

Der Transformationsprozess nach der politischen Wende von 1989 in der Tschechoslowakei hat kaum einen Bereich unberührt gelassen. Eine wesentliche Wandlung hat auch der Kunstmarkt erfahren. Genauer gesagt: Er musste von Grund auf neu aufgebaut werden. Dabei war es nicht leicht, an die Tradition aus der demokratischen Vorkriegstschechoslowakei anzuknüpfen. Heutzutage kann man sagen, dass es in Tschechien einen 25 Jahre jungen Kunstmarkt gibt, der mittlerweile Phasen sowohl starker Dynamik als auch der Stagnation erlebt hat.

Foto: Magdalena Hrozínková
Der tschechische Kunstmarkt ist bisher wenig erforscht. Das betrifft sowohl die kommunistischen Zeiten als auch später ab 1989. Einige Wissenslücken konnten 2010 durch eine Studie gestopft werden. Autor der Arbeit ist Jan Skřivánek, ein renommierter Kunstkenner und Chefredakteur der Fachzeitschrift „Art+Antiques“:

„Der Beginn des jungen Kunstmarktes in Tschechien liegt paradoxerweise noch vor der politischen Wende im November 1989. Veränderungen im Rahmen der sogenannten Perestroika machten es möglich, mit der ‚Antiqua nova Praga‘ die erste private Kunstgalerie zu gründen. Sie gehörte rein formal zu einer landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft außerhalb von Prag. Im Oktober 1989 veranstaltete sie die erste öffentliche Auktion nach 1957. Geleitet wurde diese Auktion von Jan Neumann, dem heutigen Präsidenten der Assoziation der tschechischen Antiquare. Zeitgenossen sprechen von einem Event, zu dem sich auch viele alte, festlich gekleidete Kenner und Kunstsammler der Vorkriegsära einfanden. Die Kunstwerke wurden zu erschwinglichen Preisen versteigert. Neumann bezeichnet sie als eine der emotionalsten Auktionen seiner beruflichen Laufbahn.“

Jan Skřivánek (Foto: Matěj Pálka, Archiv des Tschechischen Rundfunks)
Die 1990er Jahre bedeuteten einen weiteren wichtigen Meilenstein, um den Kunsthandel hierzulande anzukurbeln. Im Zuge der Rückerstattung von verstaatlichtem erhielten frühere Privatbesitzer viele Gemälde und weitere Kunstwerke zurück. Ein Teil der restituierten Gegenstände gelangte nachfolgend auch auf den Markt. Dazu der 37-jährige Kunsthistoriker:

„Ehemalige Eigner beziehungsweise ihre Nachkommen erhielten oft hochwertige Kunstwerke zurück, die bis dahin in den öffentlichen Kunstinstitutionen einschließlich der Nationalgalerie untergebracht waren. Ein Teil der Restituenten hatte entweder keine Beziehung zu den erworbenen Gegenständen oder konnte diese nicht behalten. In der ersten Hälfte der 1990er Jahre gab es hierzulande noch keine zahlungskräftige Sammlerschaft, daher wurden viele Kunstwerke unter Wert gehandelt. Damals ließ sich aber allgemein in viele Bereiche investieren und nicht nur in Kunstwerke. Übertrieben gesagt, war es leichter, eine Fabrik als ein Gemälde zu kaufen. Vielleicht war dies auch ein Grund dafür, dass sich in dieser Zeit der tschechische Kunstmarkt nicht entsprechend dynamisch entwickelte – und das trotz der einmaligen Qualität des Angebots, die es später so nicht mehr gab.“

Vladimír Železný (Foto: Rumczeis, Wikimedia CC BY-SA 3.0)
In der zweiten Hälfte der 1990er Jahre tauchte plötzlich ein außerordentlich solventer Käufer auf dem Kunstmarkt auf: Vladimír Železný, der Direktor des ersten privaten tschechischen Fernsehsenders „Nova“. Der Medienboss gab laut Skřivánek bei einzelnen Auktionen sogar 12 bis 15 Millionen Kronen (heute 430.000 bis 530.000 Euro) aus. Im Vergleich zu den restlichen Geschäften auf dem hiesigen Kunstmarkt war dies eine schier unglaubliche Geldsumme.

„Damals wurden jährlich maximal 10 bis 15 Gemälde verkauft, deren Preis eine Million Kronen überstieg. Heute sind es zehnmal so viele. Ab 2006, und noch deutlicher ab 2009, wurden Kunstwerke zunehmend auch zu attraktiven Investitionsobjekten. Viele der Bestverdienenden, die schon Häuser und teure Autos besaßen, waren auch ein Jahr nach dem Ausbruch der weltweiten Finanzkrise bereit, hochpreisige Bilder zu kaufen und diese in ihr Haus zu hängen. Ausgerechnet in diesem Jahr wurden zum Beispiel mehr millionenschwere Bilder von Václav Špála verkauft als insgesamt in den 20 vorangegangenen Jahren. Gerade Špála ist meiner Meinung nach für viele, die nicht unbedingt als eingefleischte Kunstsammler gelten und ihr Geld einfach nur investieren wollen, der richtige Maler“, so Skřivánek.

Emil Fillas „Stillleben mit Pfeife“ (Foto: Archiv der Galerie Kodl)
Und nicht nur Václav Špála (1885 - 1946). Dazu gehören auch drei weitere Vertreter der tschechischen Avantgarde der Vorkriegszeit: Josef Čapek (1887 - 1945), Emil Filla (1882- 1953) und Jan Zrzavý (1890 – 1977). Ihre Werke erzielen bei tschechischen Auktionen immer wieder Preisrekorde in Millionenhöhe.

2011 wurde das bisher teuerste Gemälde hierzulande verkauft: Für 14,4, Mio Kronen (heute ca. 520.000 Euro) wechselte Emil Fillas „Stillleben mit Pfeife“ (Zátiší s dýmkou) aus dem Jahr 1932 den Besitzer. Um den jährlichen Gesamtumschlag beim Verkauf tschechischer Maler zu erfassen, stehen laut Skřivánek nur Zahlen von Auktionen hierzulande zur Verfügung.

Der absolute „Rekordmann“ ist der auch international geschätzte Maler František Kupka (1871 – 1957). 2012 wurde sein abstraktes Gemälde „Form in Blau“ für 55,7 Millionen Kronen plus rund zwei Millionen Kronen Provision (insgesamt heute etwa zwei Millionen Euro) in Prag versteigert. Das Bild mit dem Status eines nationalen Kulturdenkmals darf aber in kein Land außerhalb der EU ausgeführt werden. Im diesjährigen Sommer hat dies ein Gericht im südmährischen Brno / Brünn bestätigt. Für den neuen Besitzer, der angeblich aus Russland stammt, scheint das kein Problem zu sein.

Foto: Steve Linster, PublicDomainPictures.net
Die aktuellsten Daten zum tschechischen Kunstmarkt stammen von 2013. Jan Skřivánek:

„Im vergangenen Jahr wurden hierzulande Kunstwerke für rund 940 Millionen Kronen verkauft. In diesem Jahr ist mit einer etwas geringeren Summe zu rechnen. Die Auktionen mit Gemälden stellen allerdings nur einen Teil des Handelssegments auf dem Markt dar. Hinzu kommen Antiquariate und Verkaufsgalerien, sie betreiben ihre Geschäfte mit klassischer Moderne und zeitgenössischer Kunst. Im internationalen Kunsthandel ist das Verhältnis zwischen Auktionshäusern und Galerien ungefähr ausgeglichen. Bei uns ist das nicht so. Marktführer sind die Auktionshäuser. Auf dem gesamten Kunstmarkt werden ungefähr 1,3 bis 1,5 Milliarden Kronen umgesetzt. Diese Summe mag hoch erscheinen, doch muss man sie in Relation setzen. Mit diesem Geld könnte man die tschechische Nationalgalerie sechs bis sieben Jahre finanzieren oder sechs bis elf Kilometer Autobahn bauen. Dieses Geld entspricht einem Viertel der Gesamtsumme, die Tschechen jährlich für das Hunde- und Katzenfutter ausgeben.“

František Kupka
Im Unterschied zu dem sich im Großen und Ganzen positiv entwickelnden Binnenmarkt, ist das internationale Kaufinteresse an tschechischer Kunst laut Skřivánek eher gering:

„Tschechische Kunstwerke tauchen zwar bei internationalen Auktionen auf, doch sind die Käufer in der Regel Tschechen. Eine Ausnahme ist František Kupka, der für manchen ausländischen Kunstsammler interessant ist. Ansonsten wandert das verkaufte Bild eines tschechischen Meisters von der ausländischen Auktion entweder in eine Privatsammlung hierzulande oder wird einige Monate später bei einer einheimischen Auktion zum Verkauf angeboten.“

In den letzten Jahren besteht auf dem tschechischen Kunstmarkt ein neuer Trend. So steigen die Preise von Werken etablierter einheimischer Maler, deren Karriere in den 1960er Jahren begann. Einige von ihnen werden sogar schon in Millionenhöhe gehandelt. Werke jüngerer Künstler werden hingegen in vielen Galerien wesentlich günstiger verkauft. Skřivánek hält für eines der Probleme, dass es in Tschechien nur wenige Verkaufsgalerien gibt, die sich in klassischer Weise nur auf eine begrenzte Zahl von Künstlern konzentrieren und diese durch eine durchdachte Präsentation fördern. Wie sieht der Fachmann die Chance, dass in Tschechien noch ein bisher unbekanntes Werk eines berühmten Künstlers ans Tageslicht kommen könnte?

Foto: Jess Lis, Free Images
„Diese Möglichkeit besteht durchaus und ist wahrscheinlich etwas größer als im Ausland. Weil das Sammeln von Antiquitäten zu kommunistischen Zeiten verpönt war, redeten die Menschen damals nicht gerne darüber, dass sie Kunstwerke besaßen. Einige wollten dies sogar geheim halten, auch wenn es sich seinerzeit noch nicht um hochpreisige Artefakte gehandelt hat. Das Kunstsammeln wurde in der Ex-Tschechoslowakei eher als ein bourgeoises Überbleibsel gesehen. Das Problem des tschechischen Kunstmarkes von heute ist jedoch das große Defizit an Katalogen, die ein umfassendes Bild von Künstlern und deren Schaffen bieten könnten. Oft fehlt uns eine Übersicht über ihre gesamte Produktion. Umso schwieriger ist es nachzuweisen, dass ein neu entdecktes Kunstwerk ein Originalbild ist und keine Fälschung.“

Anders als vor 1989 werden heute Kunstwerke von immer mehr Tschechen als Konsumgegenstände betrachtet. Sie seien auch für immer mehr Menschen erschwinglich, sagt Skřivánek:

„Es stimmt zwar, dass die Medien den millionenschweren Kunstgeschäften große Aufmerksamkeit widmen. Aber der durchschnittliche Preis der mehr als 90 Prozent an Kunstwerken, die außerhalb des hochpreisigen Levels verkauft werden, beträgt 41.000 Kronen (knapp 1500 Euro, Anm. d. Red.). Daraus lässt sich ersehen, dass der tschechische Kunstmarkt nicht mehr lediglich eine Domäne von Superreichen und damit für andere unerschwinglich ist.“