Deutsch-tschechisch für friedliche Technopartys!

CzechTek

Dass sich deutsche und tschechische Jugendliche bei Sommerfreizeiten treffen, überrascht mittlerweile wirklich niemanden mehr. Dass aber deutsche und tschechische Polizeibeamte gemeinsam zur Technoparty gehen, das mag den einen oder anderen verwundern. Was dahinter steckt, verrät Ihnen Bara Prochazkova.

Wenn bei der anstehenden Technoparty CzechTek am kommenden Wochenende 15 tschechische Polizeibeamte gelbe Westen anziehen und versuchen, mit Hilfe von Gesprächen mit den Technoliebhabern gewaltsame Konflikte vorzubeugen, könnte sich ein zufälliger Beobachter wie in Berlin fühlen. Nicht dass die Technoparty in Berlin stattfinden würde, sondern die tschechischen Polizeibeamte haben ihre Methoden aus der deutschen Hauptstadt abgekuckt - und zwar genau genommen die Arbeit der Berliner Antikonfliktteams. Tschechen sind nicht die Einzigen, die nach Berlin kommen, sagt der Direktor der zweiten Berliner Bereitschaftspolizei, Marco Langner:

"In Berlin kommen viele Länder zusammen. Es kommen Leute aus China, aus England, aus Frankreich oder aus der Schweiz und informieren sich über die polizeiliche Arbeit. Ihre Fragen betreffen nicht immer die Bereitschaftspolizei oder die Antikonfliktteams, aber unsere Arbeit allgemein. Der Erfahrungsaustausch mit anderen Ländern ist mittlerweile Standard geworden."

Auch zwischen Tschechien und Deutschland gibt es mittlerweile eine enge Verbindung. Bereits seit drei Jahren, treffen sich die Polizeibeamten und tauschen ihre Erfahrungen aus. Ein aktuelles Projekt ist es, die Antikonfliktteams in der Tschechischen Republik nach dem Berliner Vorbild aufzubauen. Denn gerade in Berlin hat man nach den vielen gewaltsamen Demonstrationen und Versammlungen in der Vergangenheit die besten Erfahrungen. Zuerst wollte sich die tschechische Polizei an den französischen Informationsbrigaden orientieren, nach einem genaueren Vergleich wählte sie aber doch die Deutschen. In Konfliktprävention seien die Berliner Nummer eins in Europa, und sie sind den tschechischen Gesetzen näher als die Franzosen, erklärte der Direktor der tschechischen Ordnungspolizei, Cenek Pastyrik. Auch er war bei dem Kooperationstreffen der deutschen und tschechischen Polizisten während der Love Parade Mitte Juli in Berlin dabei.

Cenek Pastyrik schwört auf die Partnerschaft mit der Zweiten Berliner Bereitschaftspolizei: "Wir telefonieren relativ oft. Denn wenn wir auf der tschechischen Seite eine Neuigkeit entdecken, dann wollen wir die deutsche Seite fragen, ob sie das schon kennt oder dies bereits schon getestet hat. Das Ziel dabei ist, die Fehler nicht zu wiederholen, die bereits jemand gemacht hat. Mit solchen Erfahrungen kann man viel Energie, viel Zeit und viel Geld sparen."

Zum Beispiel bei den Erfahrungen der Antikonfliktteams, die durch kommunikative Methoden gewaltsamen Auseinandersetzungen bei Versammlungen vorbeugen sollen. Die tschechische Seite hat sich bei den Berliner Kollegen inspirieren lassen und hat das Ausbildungskonzept für Antikonfliktteams übernommen. Nach der mehrmonatigen Testphase wurde das Programm evaluiert, es gibt nur ein paar Veränderungen zum Original. Zum Beispiel werden bei dem Aufnahmetests außer Gesprächen mit einem Psychologen auch schriftliche Tests durchgeführt. Einen Unterschied gibt es auch in der Struktur, erklärt der Direktor der Ordnungspolizei, Cenek Pastyrik:

"In Berlin gehören die Ausbilder zur Polizeischule, in Tschechien stellt die Polizeischule nur den organisatorischen Rahmen. Die Lehrer sind dann andere Kollegen."

Nun sind in Tschechien die ersten zwölf Polizeibeamte zum Einsatz im Rahmen eines Antikonfliktteams ausgebildet. Mittlerweile fanden zwei Einsätze in den gelben Westen statt. Alles sei gut gelaufen, fasste Cenek Pastyrik zusammen. Und die tschechische Ausrüstung gefällt ihm sogar besser als das deutsche Vorbild:

"Ich würde mir erlauben zu sagen, dass ich unsere Westen ein bisschen schöner finde, als die deutschen. Beide sind zwar gelb, aber unsere haben kleine Verbesserungen. In Tschechien kann man bereits beim ersten Blick auf die Weste den Polizeibeamten klar erkennen. So kann man sofort sehen, aus welchem Landeskreis der Beamte ist und zu welcher Einheit er normalerweise gehört."

Die tschechischen Polizisten tragen neben der Aufschrift "Antikonfliktteam" und einem Polizeiabzeichen auf der Weste noch die persönliche Identifikationsnummer und ein Abzeichen der zuständigen Kreispolizeiverwaltung. Der Grund: So kann jeder Polizist auch aus dem Hubschrauber persönlich erkannt werden. Auch wenn die Technoparty im vollen Gange ist.

Deutsche und tschechische Polizisten
Die Tschechen haben von ihren deutschen Kollegen außerdem abgeschaut, wie man Antikonfliktteams aufbaut und ausbildet, die deutsch-tschechische Zusammenarbeit ist jedoch keine Einbahnstraße. Vor zwei Monaten waren die Berliner Polizeibeamte zur Exkursion in Tschechien und haben unter anderem gesehen, wie die tschechischen Antikonfliktteams ihren ersten Einsatz bei einem Fußballspiel in Ostrava / Ostrau gemeistert haben. Dabei haben sie nicht nur Tipps und Tricks weiter gegeben, sondern auch etwas lernen können, bestätigt der Direktor der zweiten Bereitschaftspolizei in Berlin, Marco Langner - zum Beispiel bei einem Polizeieinsatz im Zug:

"Dort gibt es ein Problem, dass man jedem Einzelnen seine Straftaten konkret nachweisen muss. Dies wird immer erschwert, wenn ein Straftäter vom Kollegen zum Kollegen weitergereicht wird. Der letzte Polizeibeamte weiß aber gar nicht mehr, was derjenige konkret gemacht hat. Wir konnten lernen, wie es in Tschechien läuft. Die Leute sind festgenommen und zum Ausgang begleitet worden von einem und demselben Beamten. Es war perfekt organisiert, die Ausgänge gesichert und die anderen Leute im Abteil waren so abgeschirmt, dass sie die Festgenommenen nicht wieder befreien können."

Des Weiteren gefiel den Berlinern die technische Ausstattung ihrer tschechischen Kollegen, Videoaufnahmen aus dem Hubschrauben würden ihre Arbeit bei Demonstrationen in Berlin wesentlich erleichtern. So ist Zusammenarbeit zwischen den Polizeieinheiten ein ständiges Geben und Nehmen, bestätigt Cenek Pastyrik:

"Hier geht es vor allem darum, unsere Zusammenarbeit noch zu festigen. Wir wollen unsere gegenseitige Kommunikation effektiver gestalten. Wir haben den Kollegen beim Besuch in Berlin erzählt, wie wir unsere Auswahl der Polizeibeamte durchgeführt haben. Am Ende des Jahres machen wir eine weitere Evaluation unseres Pilotmodells und die Ergebnisse werden wir der deutschen Seite zur Verfügung stellen."

Und wie es genau läuft, verrät der Direktor der zweiten Bereitschaftspolizei in Berlin, Marco Langner: "Konkret läuft es so, dass wir ohnehin einen engen Draht haben und uns regelmäßig anrufen. Ab und zu organisieren wir Treffen am Grenzübergang. Dort kriegen wir entweder gebrannte CDs mit Informationen oder die begleitende Dolmetscherin vermittelt."

Marco Langner fände in der Zukunft eine gemeinsame Übung der Antikonfliktteams hilfreich. Im Moment gibt es jedoch keine konkreten Pläne dafür. Der Direktor der Bereitschaftspolizei in Berlin würde aber, bis es soweit ist, gerne wieder einen Einsatz der tschechischen Einheiten bei einem Fußballspiel sehen. Dort können nach seinen Worten deutsche Polizeibeamte von den Tschechen mehr Gelassenheit lernen:

"In Tschechien haben die Fußballfans einen größeren Spielraum sich zu bewegen. Das stört wirklich keinen. In Deutschland sind die Dinge ganz klar geregelt und nur bestimmte Sachen sind erlaubt. Es gibt zu viele Vorschriften, die eingehalten werden müssen."

Mit dem Einsatz von Antikonfliktteams können - so wollen wir hoffen - nicht nur Technopartys in der Zukunft friedlicher ablaufen. Getestet wird die Wirksamkeit der tschechischen Antikonfliktteams wieder am kommenden Wochenende. Dann findet nämlich in Nordböhmen die größte tschechische Technoparty CzechTek statt, bei der im vergangenen Jahr nach einem Polizeieinsatz mehrere Dutzend Polizisten sowie Technofans verletzt worden sind.