Deutsch-Tschechischer Literaturalmanach

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"Literatur kennt keine Grenzen, schrieb Ludvik Vaculik 1978 im Vorwort eines Sammelbands tschechischer Autoren, damals, als Europa von Grenzen vielfacher Art durchzogen war. Wir sind uns nicht mehr so sicher, heute, da das Schlagwort grenzüberschreitender Begegnungen zu einem gängigen Klischee geworden ist. Wir sagen: Literatur zieht Grenzen, zehn Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs - sie grenzt Inseln der Erinnerung, der Einmaligkeit und Verweilfähigkeit aus." Mit diesen Worten wird der zweite Deutsch-Tschechische Almanach eingeleitet, in dem zwei Schriftsteller, Peter Becher und Ivan Binar, tschechische und deutsche Literaturbeiträge zusammengetragen haben. Wir möchten nun gemeinsam mit Ihnen, liebe Hörerinnen und Hörer, in diesem Sammelbuch blättern. Dabei laden wir Ivan Binar, dessen tschechischen Herausgeber ans Mikrophon ein, um mit ihm über die tschechisch-deutschen Literaturbeziehungen zu sprechen. Gute Unterhaltung wünschen Olaf Barth und Marketa Maurova.

Im letzten Jahr erschien ein zweifarbiges und zweisprachiges Sammelbuch, das den einfachen Namen "Deutsch-Tschechischer - Cesko-Nemecky Almanach 2000" trug. Er war aber schon die zweite Veröffentlichung dieser Art, die an ein ähnliches, älteres Sammelbuch anknüpfte. Mehr erzählt uns der Schriftsteller und Herausgeber des Buches, Ivan Binar:

"Der erste Almanach entstand - ich muss nachschauen - im Jahre 1992. Es handelte sich damals eigentlich um die Reaktion auf eine Veranstaltung, die Peter Becher vom Adalbert-Stifter-Verein in München organisierte. Im Jahre 1990, als das möglich wurde, veranstaltete er eine gemeinsame Wanderung tschechischer und deutscher Autoren durch Bayern und Böhmen. Es war für mich damals sehr interessant. Wir haben uns untereinander getroffen, und darüber hinaus mit dem Publikum, das sehr angenehm war."

War diese Literatur-Wanderung das erste Treffen zwischen deutschen und tschechischen Autoren, oder gab es Kontakte schon früher?

"Ein so ausgedehntes Treffen fand zum ersten Mal statt. Ich habe viele Leute früher nicht gekannt. Wir lebten im Exil und ich kannte ein paar deutsche Autoren. Tschechische Autoren kannte ich nur nach dem, was ich von ihnen gelesen habe. Z.B. Jaroslav Putík habe ich zum ersten Mal gesehen, aber seine Werke kannte ich bereits, z.B. sein Buch "Der Mann mit dem Rasiermesser", das ich bezaubernd finde. Und so freute es mich sehr, dass ich auch dessen Autor kennen lernen konnte."

Die Beiträge des ersten Bandes stützten sich vor allem darauf, was jeweilige Autoren während ihrer Wanderung gelesen haben. Die Themen sind also ganz unterschiedlich und repräsentieren das Schaffen der Autoren.

Bei dem zweiten Almanach, der im Jahre 2000 erschien, kann man schon eine bestimmte Tendenz beobachten. Vielleicht daher, dass die Autoren selbst - als sie angesprochen wurden, etwas zu einem Deutsch-Tschechischen Almanach beizutragen - nach deutsch-tschechischen Themen in ihrem Werk suchten. Die gemeinsame Vergangenheit, Geschichten aus dem Zweiten Weltkrieg, Motive des Besuchs im Nachbarland sind darin mehrere Male vertreten, wie etwa in den Texten von Rudolf Klaffenböck, Ludvik Vaculik, Eda Kriseova, Alexander Kliment, Johanna von Herzogenberg, Balduin Winter und Gerd Holzheimer. Aus dem Buch des Letztgenannten "Wenn alle Stricke reißen, häng ich mich auf" stammen auch folgende Worte:

Böhmen, das ist für Johannes Urzidil eine "hinternationale Ökumene" gewesen, ein deutsch-slawisch-jüdisch-ungarisch-romanisches Mitteleuropa. So wie jeder anständige Wiener eine "Dand in Brinn" (Tante in Brünn" hat, gehört das Böhmische - zumindest als bewusstseinsstrukturierendes Element - zum Österreichischen. Jeder echte Wiener ist auch ein Böhme - von anderen slawischen , nichtslawischen z.B. ungarischen Einsprengseln ganz abgesehen, sozusagen ein multikulturelles Modell. "I haß Kolaric, du haßt Kolaric" sagt der eine Kolaric zum anderen Kolaric, "aber warum sagens zu dir Tschusch"? Ja, za wos? Aus dem Tschuschen, der ein Tscheche ist, wird in der nächsten Generation schon wieder ein Österreicher. Ein Drittel der Namen im Wiener Telephonbuch verraten ihre slawische oder ungarische Herkunft, so daß es inzwischen auch ein "Lexikon der tschechischen Familiennamen in Österreich gibt"

Eine Blütenlese der schönsten Namen hat Georg Kreisler, von dem Hans Weigel sagt, dass er uns das Gegenteil von dem sagt, was er uns sagt, doch hat auch dieses Gegenteil wieder sein Gegenteil, welches und ebenfalls gesagt wird, indem es uns nicht gesagt wird, also jedenfalls hat Kreisler in der "Telephonbuchpolka" alle seine Freunde zu unserer Freude versammelt, sie stehen alle "auf Seite V": "Vondrak, Vorel, Viplaschil, / Voitech, Vocek, Vimlatil, / Viora, Vrabl, Vrtilek ..." usw. "Vrablic, Vucem, Vuskocil / Vochedecka, Vukelic, Vrtatko ...", alles stark rhytmisierend aufzunehmen, bis es sich in eine Apotheose steigert von der Art: "Vrtala und Vitlacil, Vrcala und Vistacil, Vrkvodipkavicesalvracdilvranevimedal ... Vrtzky-Vodrezky-Vranek", von denen sich schlussendlich naturgemäß herausstellt, dass sie alle etwas mit seiner Frau haben. Naturgemäß ist Kreisler selbst gar nicht Kreisler, "er ist eine Erfindung Georg Kreislers" (Weigel).


Am Anfang haben wir die Worte Ludvik Vaculiks zitiert, dass die Literatur keine Grenzen kenne. Diese Äußerung wird aber im Vorwort zum Almanach gewissermaßen in Zweifel gestellt.

"Die Grenze der Literatur besteht in deren Erreichbarkeit. D.h. wenn jemand kein Chinesisch spricht und keine Übersetzung eines chinesischen Buches hat, kann er kein chinesisches Buch lesen. Die Barriere hat da einen sprachlichen Charakter. Es gibt aber auch eine Barriere, die aus dem mangelnden Interesse hervorgeht. Ich kann bei uns, im tschechischen Milieu beobachten, dass wir uns mehr auf die angelsächsische, als auf die benachbarte, deutsche Literatur orientieren. Ich finde das schade, weil die Deutschen mit uns in Mitteleuropa leben und eine ähnliche Mentalität wie wir haben, auch wenn es einigen anders erscheinen mag. Unsere Probleme sind ähnlich und wir sind Nachbarn."

Worin sieht Ivan Binar die Ursache für dieses geringe Interesse?

"Sie liegt in der geschichtlichen Entwicklung und in Animositäten, die da entstanden sind. Erstens in Folge des Nazismus - wir konnten natürlich Deutsche während des Krieges und nach dem Krieg gar nicht mögen. Und zweitens dadurch, dass dieses Bild des Deutschen als eines Feindes künstlich gepflegt wurde. Die Kommunisten brauchten stets jemanden, gegen den sie kämpfen konnten und so passten ihnen feindliche Deutsche sehr gut. Und das, was in Europa schon nach dem Krieg, irgendwann in den 50er Jahren getan wurde, die Bewältigung des Nazismus, darauf haben wir bis 1990 gewartet. Dieser Prozess ist immer noch im Gange und wir haben uns damit noch nicht genug auseinandergesetzt. Es ist aber meiner Meinung nach schon wesentlich besser, als es Anfang der 90er Jahre war."

Die Almanach-Bücher verbergen nicht nur Gedichte und Ausschnitte aus Romanen und Erzählungen, sondern auch praktische Informationen:

"Im ersten Band ist ein Verzeichnis von tschechisch-deutschen Veranstaltungen und eine sehr praktische Adressenliste von Institutionen, die sich mit der tschechisch-deutschen Problematik befassen, an die man sich wenden kann. Und im zweiten Almanach haben wir Bücher verzeichnet, die aus dem Tschechischen ins Deutsche und aus dem Deutschen ins Tschechische übersetzt wurden."

Ja, liebe Hörerinnen und Hörer, unser Almanach kann also als Ausgangspunkt für ein weiteres kennen lernen der tschechischen Literatur in Deutschland und umgekehrt dienen. Übrigens - ein dritter Teil wird noch in diesem Jahr erscheinen.

Aus dem zweiten haben wir nun noch eine kleine Leseprobe für Sie, mit der wir uns verabschieden möchten. Sie stammt aus dem Memoirenbuch von Johanna von Herzogenberg: "Bilderbogen - Aus meinem Leben".

Morgen fahr´ ich heim. Das Auto hatte die Nummer "R-AJ 333" und "ráj" heißt "Paradies". Ich hätte am liebsten die ganze Zeit gesungen. Wir fuhren nach Böhmen, nach Prag - wir schauten und schauten und gingen wie im Traum, und es war gut, daß die beiden Freunde nichts kannten und ich gezwungen war zu sprechen, zu erklären, zu führen - und so einfach diese Freude des Wiedersehens in Kraft umzuwandeln für die anderen. Ich war keinen Augenblick allein - es war schwer und doch auch hilfreich. Wir fuhren auch ins Land hinaus, an die Elbe, wirklich "heim", in unser Dorf, das ich im April 1946 mit den Eltern und meiner jüngeren Schwester verlassen hatte. Die Straße am rechten Elbeufer wurde gerade völlig erneuert - es lagen die spitzen Schottersteine noch ganz frei - und doch ließ es sich der liebe Walter Boll nicht nehmen, diesen Weg zu fahren, ganz langsam, bis zu unserem Haus, wo alles zerfallen war: die Gartenmauer, der Eingang, die Glashäuser, der Garten - da müßte ich wohl allein wiederkommen und in unser Haus gehen - jetzt nicht. Wir fuhren zum Friedhof, zum Grab meines jüngsten Bruders, drüben am anderen Ufer, nachdem wir unter der mächtigen Burgruine Schreckenstein etwas stromabwärts in Aussig die Elbe auf der neuen Brücke überquert hatten. Wo war ich denn da in all diesen Stunden? Daheim?"

Autoren: Olaf Barth , Marketa Maurova
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