Die Rolle der Medien während der "Samtenen Revolution"

November 1989

Im heutigen Medienspiegel blicken wir zusammen mit dem früheren Studentenführer Martin Mejstrik auf die Rolle der Medien in den Wendetagen zurück.

Martin Mejstrik
Der Jahrestag der Ereignisse des 17. November 1989, als die kommunistischen Polizeikräfte auf der Prager Nationalstraße eine friedliche Demonstration von Studenten unterdrückten, gilt heute allgemein als der Tag, an dem die politische wie auch gesellschaftliche Wende in der damals kommunistischen Tschechoslowakei eingeleitet wurde.

Aus heutiger Sicht können aber jene Novembertage des Jahres 1989 auch als Ausgangspunkt eines neuen demokratischen Journalismus und Medienwesens verstanden werden, welche nicht mehr im Dienste einer totalitären Ideologie standen, sondern ausschließlich den Bürgern des Landes verpflichtet sind.

Begonnen wurde die Wende von den Studenten einiger Prager Hochschulen - vor allem der Geisteswissenschaftlichen Fakultäten und Kunsthochschulen, die in den ersten Tagen nach dem 17. November an vorderster Front standen.

Einer der Studentenführer von damals war auch der heutige unabhängige Senator Martin Mejstrik. Mejstrik, der zur Zeit der Wende in Tschechoslowakei an der Prager Theaterakademie Puppentheater studierte, war in den Folgejahren auch immer wieder journalistisch tätig, sei es als Redakteur in verschiedenen Zeitungen, oder als Leiter der von ihm bereits vor der Wende inoffiziell herausgegebenen unabhängigen Kulturzeitschrift, der Kavarna A.F.F.A.

Wie wichtig war es eigentlich in den Tagen nach dem 17. November die Informationsblockade rund um den brutalen Polizeieinsatz zu durchbrechen und insbesondere die Öffentlichkeit außerhalb Prags zu informieren? War das aus heutiger Sicht die Grundvorrausetzung für den Erfolg der Samtenen Revolution? Martin Mejstrik erinnert sich im Gespräch mit Radio Prag zurück:

November 1989
"Wichtig war während der ersten vier Tage, bis es uns gelungen ist die Informationen darüber, was sich in Prag abspielt, auch in die Provinz und auch in die Slowakei zu tragen. Das war natürlich ein Problem, weil es natürlich eine starke Zensur gab, in den Zeitungen, wie auch in Rundfunk und Fernsehen wurde geschwiegen. Wir mussten aber auch eine mentale Barriere durchbrechen und mussten die Menschen überzeugen, nämlich dass dort in Prag nicht eine Handvoll Rowdies in Konflikt mit dem Gesetz und dessen Hütern gekommen war, sondern dass es in Wirklichkeit um ganz grundlegende Veränderungen ging. Das ist uns vor allem dank des Modells von so genannten Wilden Fahrten gelungen, wo täglich aus Prag einige Autos aufgebrochen sind, um die Menschen zu informieren. Mit an Bord war immer jemand von den Studenten zusammen mit irgendeiner bekannten Persönlichkeit aus Fernsehen oder Theater, also ein Schauspieler, oder aber auch bekannte Schriftsteller. Dort wurden dann immer die Fotos vom Polizeieinsatz an der Prager Nationalstraße gezeigt. Wir versuchten also direkt in Kontakt mit den Menschen zu kommen. Das hat sich als ein sehr gutes Modell erwiesen. Das war vielleicht das Beste, was wir damals machen konnten."

Die Zeitgeschichtler sind sich heute einig, dass diese offensive Informationsstrategie der Studenten ohne die tatkräftige Unterstützung einiger offizieller Medien wohl nicht die erwünschte Breitenwirkung erreicht hätte. Zwar berichteten die westlichen Rundfunkstationen, wie Radio Free Europe, oder die Voice of America von Beginn an über das wahre Ausmaß des Widerstands gegen das kommunistische Regime, hatten aber nicht die Möglichkeit mit Hilfe von verlässlichen Korrespondenten die eingehenden Informationen auch zu überprüfen. So passierte es, dass in den ersten Stunden nach dem Polizeieinsatz auf der Prager Nationalstraße die Nachricht verbreitet wurde, wonach ein Student getötet worden sei - was sich später als eine Falschmeldung herausstellte.

Von den offiziell zugelassenen Medien erkannten als erste die Parteizeitungen der beiden tschechischen Blockparteien die Zeichen der Zeit - nämlich die Zeitung Svobodne slovo (auf Deutsch Freies Wort), die von der Sozialistischen Partei herausgegeben wurde, sowie die Lidova demokracie (auf Deutsch Volkdemokratie), die wiederum ein offizielles Organ der Volkspartei war. Beide Zeitungen brachten als erste auch die Stellungnahmen und Aussagen der demonstrierenden Studenten zum Polizeieinsatz vom 17. November. Erst einige Tage später schlossen sich auch andere Zeitungen dieser neuen Richtung an.

Tschechischer Rundfunk im November 1989
Ab wann konnten die Studenten sicher sein, dass die Entwicklung nicht zurück genommen werden kann und sie sich auf die Unterstützung von Seiten der Medien verlassen können? Martin Mejstrik:

"In den Redaktionen spielten sich damals oft kleine Dramen ab. Das sollte vielleicht auch einmal für jede einzelne Zeitung untersucht werden. Das waren wirklich kleine Heldentaten einiger Redakteure, die sich gegen die offizielle Linie stemmten und über die Ereignisse so berichten wollten, wie sie sich wirklich abgespielt haben. Es stimmt, dass die Zeitungen Svobodne slovo und Lidova demokracie relativ früh damit begonnen haben. Deren Problem war aber, dass die Pakete mit den gedruckten Zeitungen, die dann ins ganze Land verschickt werden sollten, oft nicht am Zielort angekommen sind, oder sie sind unterwegs verloren gegangen - das alles dank der Arbeit des Geheimdienstes und dessen Helfer. Ich kann jetzt nicht konkret jenen Tag nennen, wo sie das alles zum Guten gewendet hat, aber Bahn brechend war sicherlich, als das Tschechoslowakische Fernsehen seine Informationspolitik änderte. Das war der Zeitpunkt, wo klar war, dass wir in Bezug auf diesen Informationskrieg gewonnen haben."

An den Jahrestag des 17. November wird in den tschechischen Medien stets gebührend und ausführlich gedacht; die Zeitungen erscheinen aus diesem Anlass mit Sonderbeilagen, in Funk und Fernsehen werden Zeitdokumente, oder Gespräche mit Zeitzeugen ausgestrahlt. Werden eigentlich die Ereignisse von damals auch wirklich so dargestellt, wie sie sich abgespielt haben, oder lassen sich 17 Jahre nach der Samtenen Revolution bereits Versuche zur Legendenbildung, oder auch Verdrehung der Tatsachen feststellen? Dazu meint Martin Mejstrik abschließend:

"Ich muss sagen, dass von dem, was ich bisher dazu lesen konnte, ich den Eindruck habe, dass es sich um relativ authentische Sachen, Dokumente und auch Aussagen der damaligen Akteure handelt. Da lässt vielleicht auch gar nicht so viel verdrehen, auch wenn natürlich das Gedächtnis der Menschen nachlässt. Wenn ich aus der letzten Zeit über etwas traurig bin, dann über einen Zyklus, den das öffentlich-rechtliche Tschechische Fernsehen unter dem Titel "Durch das Labyrinth der Revolution" ausstrahlte. Die Wirklichkeit der November-Tage, wie sie dort dargestellt wird, ist stark vereinfacht, es wird irgendwie versucht die ganzen Ereignisse kabaretthaft zu inszenieren. Da muss ich sagen, dass mich das sehr enttäuscht hat und dass hier sicherlich eine gute Gelegenheit vertan wurde. Aber allgemein lässt sich sagen, dass die Medien schon versuchen über die Tage nach dem 17. November relativ objektiv zu informieren."