Die tschechoslowakischen Truppen im Ausland während des Zweiten Weltkrieges

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Im März 1939 hörte die noch junge Tschechoslowakei auf zu existieren. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht wurde auf dem Gebiet des heutigen Tschechien das Protektorat Böhmen und Mähren geschaffen. In der Slowakei wurde eine Marionettenregierung von Hitlers Gnaden installiert. Vielen Soldaten der ehemaligen tschechoslowakischen Armee bot sich jedoch die Möglichkeit, für die Befreiung ihrer Heimat im Ausland zu kämpfen. So entstanden tschechoslowakische Truppen in Frankreich, Großbritannien und in der Sowjetunion, die an der Seite der Alliierten gegen die Nazis kämpften.

Adolf Hitler unterzeichnet das Münchner Abkommen
Nach der Unterzeichnung des Münchner Abkommens im September 1938, musste die Tschechoslowakei ihr Grenzgebiet, das so genannte Sudetenland an Deutschland abtreten. Das brachte einschneidende Veränderungen mit sich, besonders auch für die Rolle der tschechoslowakischen Armee. Noch im Sommer hatte sie sich auf den Konflikt mit Hitlerdeutschland vorbereitet. Doch nun waren die wichtigen Befestigungen und Bunker entlang der früheren Grenze in deutscher Hand. Tausende erst kurz zuvor mobilisierte Männer kehrten nach Hause zurück. Die Armee musste sich verkleinern. Für viele überflüssige Offiziere suchte der Staat neue Arbeitsstellen, was unter den neuen Bedingungen nicht einfach war. Etwa zu dieser Zeit wurde in Frankreich ein Gesetz verabschiedet, das die Eingliederung ausländischer Soldaten in die französische Armee ermöglichte. Der Generalstab in Prag erkannte dies als große Chance für eine mögliche Formierung tschechoslowakischer Truppenverbände im Ausland. Als Hitler im März 1939 auch den Rest der Tschechoslowakei besetzt hat, wurden diese Überlegungen schnell aktuell, erklärt der Historiker Jiří Rajlich.

Edvard Beneš
„Eine Gruppe von älteren tschechoslowakischen Offizieren gründete die so genannte ‚Landesverteidigung’, eine illegale Armee, die die Reisen der Soldaten ins Ausland organisierte. Diese gingen zunächst nach Frankreich und danach nach Großbritannien, als Frankreich von Deutschland besetzt war. Frankreich und Großbritannien, die ja das Münchner Abkommen mit unterzeichnet hatten, richteten nun ihre Politik zugunsten der Tschechoslowakei aus. Auch Präsident Edvard Beneš und seine Exilregierung fanden ihren Sitz zuerst in Paris und dann in London. Was die Soldaten betrifft, wurden vor allem Militärflieger ausgesendet. Der Grund war rein propagandistisch: die Widerstandszentrale wusste, dass ein einziger Flieger für das Ansehen der Tschechoslowakei mehr leisten konnte, als ein ganzes Regiment.“

Do 17 und Spitfire in der Luftschlacht über Großbritannien (Foto: Bundesarchiv)
Die Einschätzung schien richtig zu sein. Die tschechoslowakischen Flieger erwarben sich durch ihre Teilnahme an der Luftschlacht über Großbritannien hohes Ansehen. Manche von ihnen bekamen hohe staatliche Auszeichnungen für ihre Tapferkeit. Die Namen der Gefallenen in dieser Schlacht wurden für die Ewigkeit in die Wand der Westminster Abbey eingraviert – direkt neben den bedeutendsten Persönlichkeiten der britischen Geschichte.

Der Beginn der tschechoslowakischen Auslandsarmee aber lag in Frankreich. Der „Landesverteidigung“ ist es gelungen, dort eine Armee mit 12 000 Männern aufzustellen. Davon waren etwa 3500 Freiwillige aus der Tschechoslowakei selbst, den Rest bildeten Soldaten aus anderen Ländern. Nach der Kapitulation des Frankreichs blieb aber von dieser Armee nur ein Bruchteil übrig. Nach Großbritannien konnten sich etwa 5000 Soldaten absetzen, davon knapp 1000 Flieger. Die anderen waren gefallen oder in Kriegsgefangenschaft geraten. Wenig bekannt ist, dass viele der Kämpfer deutschsprachige Juden waren, betont Jiří Rajlich.

„Das war ein großes Problem, denn deutsche Sprache war unter den Tschechen im Ausland sehr unbeliebt. Unter den Soldaten herrschte damals ein starker Nationalismus, was zwar begreifbar, aber gegenüber den Juden sehr ungerecht war. Unfair war aber auch, dass die Beteiligung von Juden an dem Kampf gegen die Nazis Jahrzehntelang vernachlässigt wurde. Beispielsweise in der Schlacht bei Sokolowo 1943, im ersten Einsatz der tschechoslowakischen Truppe in der Sowjetunion, kämpften großteils gerade die Juden. Sie waren zu Beginn des Krieges in die Sowjetunion geflohen und hatten dort als Antikommunisten einige Zeit in Arbeitslagern verbracht. Als die tschechoslowakische Truppe gegründet wurde, meldeten sie sich freiwillig. Die kommandierenden Offiziere waren zwar Tschechen, aber die Mehrheit der einfachen Soldaten und auch der Gefallenen waren diese Juden.“

Tschechoslowakische Armee nach der Schlacht bei Sokolowo
In der kommunistischen Zeit wurde hauptsächlich die Rolle der Truppe in der Sowjetunion hervorgehoben. Über die tschechoslowakischen Flieger, die für die britischen Royal Air Force gekämpft hatten, konnte man erst nach der Wende 1989 sprechen. Historiker unterstreichen jedoch, dass es sich bei ihnen alle um eine tschechoslowakische Armee handelte. Ihr Hauptkommandant war Präsident Edvard Beneš. Dies war möglich, weil alle Alliierten die Zerstörung der Tschechoslowakei nicht anerkannt hatten und Beneš für den rechtmäßigen Staatspräsidenten hielten.

Tschechoslowakische Flieger
„Die Armee ist das bedeutendste Attribut der Staatlichkeit. Darüber waren sich die Organisatoren des ausländischen Widerstandes im Klaren. Es war übrigens die tschechoslowakische Legion, eine Armee mit insgesamt 100.000 Kämpfern an allen Fronten, die während des ersten Weltkriegs das politische Streben um den selbständigen Staat stark unterstützte. Im Zweiten Weltkrieg war es das gleiche, der Unterschied war nur, dass die Truppen keine zusammenhängenden Verbände bilden konnten. Die Teilnahme am ausländischen Widerstand kulminierte 1944 mit mehr als 70.000 Kämpfern. Darunter fallen die Flieger der Royal Air Force, die Panzerbrigade in Großbritannien, das erste Korps in der Sowjetunion und die Aufständischenarmee in der Slowakei. Diese Truppen waren verschiedenen Befehlshabern unterstellt und sie kämpften an mehreren Fronten des Zweiten Weltkriegs.“

Reinhard Heydrich
Den Nazis blieb der Kampf vieler Tschechen und Slowaken in den ausländischen Armeen nicht verborgen. Das Schicksal ihrer Familienmitglieder, die in der Heimat zurückgeblieben waren, war sehr traurig. Während der so genannten „Heydrichiade“, also des Terrors nach dem Attentat tschechoslowakischer Fallschirmjäger gegen den stellvertretenden Reichsprotektor Reinhard Heydrich, wurden Hunderte dieser Leute in einem Lager nahe der mährischen Stadt Kyjov inhaftiert. Den Okkupanten ging es darum, die Helfer möglicher weiterer Fallschirmjäger unschädlich zu machen. Sie wussten nämlich, dass diejenigen, die das Attentat durchgeführt hatten, vor allem ihre familiären und nachbarschaftlichen Kontakte in der Tschechoslowakei genutzt hatten. Das Internierungslager bei Kyjov existierte bis April 1945. Die Geschichte der tschechoslowakischen Soldaten im Ausland steht jetzt im Mittelpunkt des Interesses der Historiker. Seit 2005 entsteht eine elektronische Datenbank aller dieser Männer und Frauen. Sie umfasst bisher über 83.000 Einträge, erläutert Petr Hofmann aus dem Militärarchiv.

„Für die Zukunft erwarten wir nur einen geringen Anstieg dieser Zahl. Man muss aber betonen, dass es sich nicht um eine genaue Zahl der im Ausland dienenden Soldaten handelt. Viele Soldaten änderten nämlich ihren Namen, einige wurden zweimal eingetragen, bestimmte Personen wurden registriert, aber nie im Kampf eingesetzt. Was die tatsächlich kämpfenden Militärs betrifft, kann man von etwa 20.000 an der West- und bis zu 70.000 an der Ostfront ausgehen. Wie viele ums Leben kamen, ist nicht einfach zu sagen. Wir wissen von vielen Personen, die in den Unterlagen als verschollen erfasst sind, aber den Krieg belegbar überlebt haben. Es gibt Hunderte solcher Fälle.“

Tschechoslowakische Truppe bei Dunkerque
Die Datenbank wird ab dem kommenden Jahr im Internet zugänglich sein. Sie wird der Öffentlichkeit viele interessante Informationen bringen, die bisher unbekannt waren, sagt Petr Hofmann.

„Als persönliche Angaben werden Name, Geburtsdatum, Geburtsort und die Identifikationsnummer jedes Soldaten eingetragen. Darüber hinaus ist auch ihre Religion und Nationalität vermerkt. Das ist eine sehr wichtige und oft überraschende Information. Wir wissen nun, dass in den tschechoslowakischen Truppen auch Juden, Polen, Ruthenen, Deutsche, kurzfristig auch Franzosen, Rumänen, Bulgaren und andere kämpften. Die Einträge enthalten auch, bei welcher Truppe der Soldat diente, ob er verletzt wurde, seinen Rang und andere dienstliche Einzelheiten. In der Rubrik „Bemerkungen“ ergänzen wir verschiedene Informationen aus dem persönlichen Schicksal dieser Menschen.“

Die persönlichen Geschichten sind oft faszinierend. In der Datenbank findet man sowohl bekannte Personen, die mehrmals ausgezeichnet wurden, als auch gänzlich unbekannte Personen - zum Beispiel einen Juden aus Nová Bystřice, der 1939 nach Polen geflohen war. Er wollte in die dortige tschechoslowakische Truppe eintreten, wurde aber abgelehnt. Nach dem deutschen Angriff auf Polen ging er nach Lvov / Lemberg und über den britischen Botschafter in Moskau verschlug es ihn sogar nach Schanghai. Im Oktober 1942 ist es ihm gelungen, endlich nach Britannien einzureisen. Er musste dann aber in die Kur und als er sich im folgenden Jahr wieder für die tschechoslowakische Truppe meldete, wurde erneut abgelehnt. Das einzigartige Verzeichnis der Leute, die während des Zweiten Weltkriegs im Ausland für die Tschechoslowakei kämpften, soll laut den Historikern diesen Helden huldigen.