„Dies könnte der Durchbruch sein“ – Umfrage zum 17. November 1989

17. November 1989 (Foto: Peter Turnley, Public Domain)

Am 17. November 1989 begann in der damaligen Tschechoslowakei die sogenannte Samtene Revolution: Eine genehmigte Kundgebung von Studenten wurde von den Sicherheitskräften brutal zusammengeknüppelt. Aus der Empörung über diese Tat sprang der Funken des Protests auf immer größere Teile der Bevölkerung über. Letztlich stürzte das kommunistische Regime. Wir haben einige teils prominente Menschen in Tschechien gefragt, was Sie an diesem 17. November vor 25 Jahren gemacht haben.

17. November 1989 (Foto: Peter Turnley, Public Domain)
Am Nachmittag des 17. November, dem Internationalen Studententag, gingen mehrere Tausend Studierende in Prag auf die Straße. Sie hatten ursprünglich eine Gedenkveranstaltung zum Tod des Studenten Jan Opletal im Jahr 1939 geplant, daraus wurde aber eine Kundgebung gegen das Regime. Als die Demonstration offiziell beendet war, begaben sich viele Teilnehmer in einem großen Zug auf den Weg in die Prager Innenstadt. In der Národní třída schlug dann das Regime zu: Mehrere Hundert junge Menschen wurden von prügelnden Sicherheitskräften verletzt, noch mehr wurden verhaftet. Unsere Fragen waren: Was haben Sie an diesem 17. November 1989 gemacht? Wie haben Sie vom brutalen Vorgehen gegen die Studierenden erfahren?


Jaromír Talíř (Foto: Archiv des Kulturministeriums der Tschechischen Republik)
Jaromír Talíř, christdemokratischer Politiker, nach der Wende Oberbürgermeister von České Budějovice / Budweis und 1996 bis 1998 Kulturminister. Zu kommunistischen Zeiten arbeitete er bei einem Bauunternehmen:

„Ich war regelmäßiger Hörer der Sendungen von BBC. Die Nachrichten in Tschechisch wurden immer um 20 Uhr gesendet. Auch am 17. November habe ich Radio gehört und dort von den Ereignissen auf der Národní třída in Prag erfahren. Ich traute damals meinen Ohren nicht. Ich hielt es für absolut unverfroren, dass sich das Regime traute, am Internationalen Studententag die Studierenden brutal zusammenzuschlagen. Da habe ich gewusst: Dies dürfte das Ende des Regimes sein. In Budweis fanden die ersten Demonstrationen aber erst einige Tage später statt als in Prag. Der 17. November war ein Freitag. Und ich kann mich erinnern, dass erst am Dienstag jemand auf die Straße ging. Das sah damals fast lustig aus. Denn nur in den Arkaden rund um den Marktplatz waren viele Menschen versammelt, aber in der Mitte des Platzes am Brunnen war fast niemand. Erst nachdem sich der erste Redner auf den Brunnen stellte, strömten plötzlich viele Menschen von allen Seiten dorthin. Jeden Tag kamen dann mehr und mehr Leute, aber immer fing die Kundgebung so an, dass sich zuerst kaum jemand in die Mitte des Platzes traute, und erst nachdem sich der erste Redner hinstellte, kamen die anderen auch näher.“


Martin Krafl (Foto: Archiv des Tschechischen Zentrums Wien)
Martin Krafl, damals 18 Jahre alt, später unter anderem Sprecher von Staatspräsident Václav Havel, heute Leiter des Tschechischen Zentrums in Wien:

„Ich persönlich war im November 1989 Student an der Hochschule für Ökonomie in Prag. Am Abend des 16. November habe ich eine Seminararbeit zu einem Thema vorbereitet, das mir überhaupt keine Freude bereitet hat – zu dem Buch ‚Das Kapital‘ von Karl Marx. Am nächsten Tag wollte ich eigentlich zu meinen Eltern nach Teplice fahren, ich bin aber dann doch in der Stadt geblieben. Das Seminar fand nicht statt, und ich musste meine Seminararbeit noch verbessern. Ich muss sagen, dass ich damit so beschäftigt war, dass ich überhaupt nicht auf die Straße gegangen bin. Am 17. November selbst habe ich also nichts erlebt. Die Tage danach waren für mich aber sehr spannend. Ich war zwar selbst nicht aktiv am Studentenstreik beteiligt, war aber jeden Tag auf dem Wenzelsplatz. Meine Eltern haben sich damals riesige Sorgen um mich gemacht. Jeden Tag bin ich mit zwei Fragen aufgestanden. Die erste lautete: Dürfen wir so etwas? Und die zweite: Werden wir jetzt wirklich frei? Ich muss sagen, dass bis heute der 17. November ein Tag ist, an dem ich sehr emotional werde, und erst heute verstehe ich zum Beispiel meine Großeltern, die immer über die Maitage gesprochen haben, in denen der Zweite Weltkrieg endete. Für mich war das immer eine Geschichte aus den Schulbüchern, aber erst jetzt kapiere ich, was es für das Leben bedeutet, wenn man so etwas Emotionales erlebt, das das Leben, die Freiheit und die Heimat betrifft. Für mich war es das Allerbeste, denn ich war 18 Jahre alt, und es war nicht nur der Start meines Lebens sondern auch der Beginn meiner Freiheit.“


Petr Pithart (Foto: ČT24)
Petr Pithart, November 1989 einer der führender Vertreter des Bürgerforums, später unter anderem als Premier und Senatschef einer der Spitzenpolitiker Tschechiens. Vor 1989 war er ein Dissident und Unterzeichner der Charta 77. Im November arbeitete er als Bibliothekar an der Hussitischen Theologischen Fakultät der Prager Karlsuniversität:

„Schon am Morgen des 17. Novembers sprachen mich Studenten der Hussitischen Theologischen Fakultät an - da habe bereits gedacht, dass diese Kundgebung ein Durchbruch werden könnte. Die Voraussetzung war aber, dass es eine reine Aktion von Studenten sein würde und keine Aktion von uns Dissidenten. Wir hatten vorher schon zahlreiche Demonstrationen organisiert, bei denen es uns selbstverständlich nie gelang, viele Menschen auf die Straße zu bringen. Ich habe die Studenten ermuntert und ihnen gesagt, diese Veranstaltung sei ihre eigene Sache. Wir würden abwarten, was ihnen gelänge. Und erstaunlicherweise habe ich Recht behalten. Die Studenten waren nicht sonderlich radikal, aber in diesem Fall handelte es sich um eine erlaubte Demonstration, daher war dies etwas anderes. Dabei haben auch die Symbole der tschechischen Geschichte ihre Rolle gespielt, denn eine Kundgebung an einem so bedeutenden Tag ließ sich nicht verbieten. Die Geschichte und die tapferen Menschen vom 28. Oktober 1939, der Student Jan Opletal, der Arbeiter Sedláček und weitere haben uns am 17. November 1989 geholfen.“


Daniel Herman (Foto: David Sedlecký, Wikimedia CC BY-SA 3.0)
Daniel Herman, kurz vor der Wende zum katholischen Priester geweiht, seit 2007 christdemokratischer Politiker und heute Kulturminister:

„Damals am 17. November 1989 war ich in der Seelsorge in der südböhmischen Stadt Tábor tätig. Es waren nur fünf Tage nach der Heiligsprechung der Přemysliden-Prinzessin Agnes von Böhmen. In der Kirche haben wir Agnes sehr verehrt und konzipierten einen speziellen liturgischen Text für die Gottesdienste. Ich habe damals Radio Freies Europa gehört, und in diesen Sendungen von der Studentendemonstration in Prag und deren brutalem Ende erfahren. Es war für mich damals etwas so Besonderes und Einzigartiges, dass ich das noch heute wieder spüren kann. Im Zusammenhang mit der vorherigen Heiligsprechung hatte die Situation irgendwie eine vertikale Dimension. Das finde ich bis heute wichtig. Man muss die Zeichen der Zeit gut lesen, um das Geschehen gut zu verstehen.“


Fedor Gál (Foto: Archiv Radio Prag)
Fedor Gál stand an der Spitze der sogenannten Sanften Revolution in der Slowakei. Er war einer der Mitbegründer der Bewegung Verejnosť proti násiliu (Öffentlichkeit gegen Gewalt), dem Pendant des tschechischen Bürgerforums:

„Wir saßen zu zwölft in einer Wohnung (bei Soňa Somoláňová), und zwar eine bunte Mischung von Menschen. Ich kann nicht mehr genau sagen, ob es am 17. oder 18. November war. Wir haben darüber diskutiert, was wir nun machen sollen. Auf einmal klingelte das Telefon, und wir erfuhren, was in Prag geschehen war. Dann folgte eine hektische Zeit: Ich bin nicht mehr imstande, die Minuten, Stunden und Tage genau zu rekonstruieren. Tatsache ist aber, dass sich in Bratislava sehr schnell und sehr spontan Menschengruppen trafen, die bereit waren anzupacken. Die meisten dieser Menschen der ersten Minute und Stunde machen heute keine aktive Politik. Ich sage dies ohne Nostalgie oder Trauer, aber es ist so. Es war spontan, republikweit, nicht organisiert, nicht von oben geleitet, und es war keine Verschwörung. Aber die Überzeugungen, die Werte, den Lebensstil und die Gewohnheiten der Menschen zu ändern, das ist keine Aufgabe für nur 25 Jahre.“