„In dieser Zeit hat mir die Musik nicht gefehlt“

Alexander Liebreich (Foto: Tomáš Vodňanský, Archiv des Tschechischen Rundfunks)

Alexander Liebreich ist seit 2018 Chefdirigent und künstlerischer Leiter beim Symphonieorchester des Tschechischen Rundfunks (SOČR). Diese Woche war er das erste Mal seit dem Corona-Lockdown wieder in Prag. Bei einer Pressekonferenz stellte er das Programm seines Orchesters für die anstehende Saison vor. Die aktuelle Spielzeit fand allerdings ein abruptes Ende durch das Veranstaltungsverbot, das die tschechische Regierung wegen der Corona-Pandemie verhängt hat. Im Interview für Radio Prag International spricht er über existenzielle Fragen durch die Krise, die Bedeutung von Beethovens Neunter und die Systemrelevanz von Kultur.

Alexander Liebreich (Foto: Tomáš Vodňanský, Archiv des Tschechischen Rundfunks)

„Es war für mich eine soziale Katastrophe, ausreisen zu müssen.“

Herr Liebreich, die noch laufende Saison war eigentlich die erste, in der Sie als künstlerischer Leiter auch das Programm des Prager Rundfunk-Symphonieorchesters bestimmen konnten. Allerdings hat die Corona-Pandemie in diese Saison eingegriffen. Welche Absagen an Konzerten haben Sie als besonders schmerzhaft empfunden?

Symphonieorchester des Tschechischen Rundfunks (Foto: Tomáš Vodňanský, Archiv des Tschechischen Rundfunks)

„Der größte Schmerz war vom 9. auf den 10. März. Da wollten wir eigentlich erstmals ein Konzert zweimal aufführen – das war eine Neuerung für diese Saison, dass wir am nächsten Tag wieder spielen, in der Hoffnung, dass wir genug Publikum haben. Wir führten also das Konzert Nummer eins am Montag auf, und dann kam es vom 9. auf den 10. März plötzlich zum Lockdown. Das zweite Konzert konnten wir nicht mehr machen. Ich selbst bin dann relativ schnell zurück nach Deutschland, weil schon zu erwarten war, dass das ganze Land irgendwie wie ein Rollgitter nach unten fährt. Ich komme aus einer Familie, die offene Grenze verinnerlicht hat. Daher war es für mich eine soziale Katastrophe, ausreisen zu müsse und zu sehen, wie sich die Länder abschotten. Und der Gedanke an die Musik existierte in dem Moment eigentlich nicht mehr.“

Viele Kulturbetriebe mussten wegen der Coronakrise online gehen. Das war auch bei Ihrem Orchester der Fall. In welcher Weise wurde das umgesetzt?

Alexander Liebreich (Foto: Tomáš Vodňanský, Archiv des Tschechischen Rundfunks)

„Ich habe schon am 10. März vorgeschlagen, die Rundfunkbeiträge sofort zu erhöhen. Das wurde Ende März in Deutschland gemacht, und niemand hat es mitbekommen. Rundfunk, Fernsehen, Medien und der Informationstransport haben eine ganz neue Dimension bekommen. Die allgegenwärtige Frage ist, ob man eigentlich noch öffentlich-rechtlichen Rundfunk braucht, oder ob das alles privat geht. Ich glaube, man braucht einen Rundfunk, der frei und nicht privat finanziert ist. Und da hätte ich mir gewünscht, dass es einen Schwung gibt. Denn das Überleben meines Orchesters ist in zweiter Instanz auch davon abhängig. Was ein öffentliches Orchester durch den Staat oder städtische Förderung erhält, hat der Rundfunk nicht. Er ist abhängig von den Gebühren.“

Vielleicht aber noch einmal konkret: Was haben die Rundfunksymphoniker gemacht?

Symphonieorchester des Tschechischen Rundfunks (Foto: Tomáš Vodňanský, Archiv des Tschechischen Rundfunks)

„Die ersten zwei Wochen erst einmal gar nichts. Jeder musste erst verarbeiten, was passiert ist. Dann haben wir auf Dinge zurückgegriffen, die schon aufgenommen sind und sie als Konserven angeboten. Dazu haben wir auch ein klassisches Video gedreht, das jeweils zuhause eingespielt wurde. Dieses Lockdown-Konzert wurde häufiger gesendet, die European Broadcast Union hatte es übernommen. Und dann gab es auch Features über uns beim MDR, NDR und bei Deutschlandradio Kultur. Es bieten sich natürlich viele digitale Möglichkeiten, aber ich habe mich immer ein bisschen dagegen verwehrt, von zuhause zu senden. Es muss ein gewisses Niveau haben. Und ich fand das sofortige Ins-Netz-Gehen auch deswegen schwierig, weil ich mich eigentlich gefreut hatte, dass ein bisschen Ruhe ist.“

Sie haben es ja angesprochen, dass Tschechien schon Mitte März die Grenzen ziemlich schnell geschlossen hat. Wie haben Sie als Dirigent, der in mehreren Ländern tätig ist, dieses Problem gelöst?

Sergei Chatschatrjan (Foto: Vahag851, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

„Für mich hat sich existentiell praktisch alles verändert. Außer dass natürlich keine Arbeit mehr da war, verlor ich Ende März drei Familienmitglieder. Darunter vor allem meine Mutter, die in gewisser Weise der Krise zum Opfer fiel. Zeitnah ist dann auch mein Management in die Insolvenz gegangen. Aus der Lage gerettet hat mich mein Sohn, den ich jeden Tag unterrichten musste und dem ich das Multiplizieren und Dividieren beigebracht habe. In dieser Lage ganz eng mit der Familie zusammen zu sein habe ich extrem genossen. Unter diesen Umständen hat mir die Musik nicht gefehlt.“

Jetzt sind Sie das erste Mal wieder hier gewesen und haben die neue Saison vorgestellt. Wie war dieses Zurückkommen für Sie?

„Das Wichtige war für mich einfach hierherzukommen und den Leuten die Hand zu geben. In Deutschland schütteln wir momentan nach wie vor nicht die Hände, wir umarmen uns auch nicht. Dass mein Kollege Jakob zu mir sagte: ‚Schön, dass du dabei bist‘ und wir uns umarmten, war emotional berührend. Ich vermisse diese menschliche Nähe mit Musikern und Freunden. Was das Programm angeht, mussten wir erst einmal die Gedanken zurückholen und unsere Vorhaben anpassen. Einige Stücke wollten wir zusammen mit Solisten aufführen, die aber dieses Jahr abgesagt haben. Also war die zentrale Frage, ob wir diesen anbieten sollen, wiederzukommen. Der Violinist Sergei Chatschatrjan war hier zum Beispiel eigentlich ‚Artist in Residence‘ und konnte es eben dann doch nicht sein.“

Zum Programm in der neuen Saison: Im Beethoven-Jahr beginnen Sie mit dessen Neunter. Gab es überhaupt eine andere Wahl?

„Beethovens Neunte fasst die Frage dieses Jahres zusammen: ‚Wie steht es um den Menschen?‘“

„Ja, die gibt es – und die gibt es immer. Meine Lieblingssymphonie ist zum Beispiel die Erste. Die Neunte finde ich großartig, aber auch musikalisch schwierig, weil sie stilistisch in so viele Richtungen geht. Sie fasst aber die Frage des Jahres ganz konkret zusammen: ‚Wie steht es um den Menschen?‘ Der zentrale und wichtigste Satz der Musikgeschichte heißt: ‚Seid umschlungen, Millionen! Diesen Kuss der ganzen Welt!‘. Es ist eigentlich das globale Bekenntnis, dass wir alle gleich sind und in einem Boot sitzen. Dazu ist diese Umarmung wichtig, und der Kuss gilt uns allen. Als erstes Stück an dem Abend spielen wir dazu Toshio Hosokawa. Seine ‚Meditation‘ entstand im Auftrag zu den Nachwehen des Tsunami von 2011. Jede Naturkatastrophe ist ja nur eine Katastrophe für den Menschen, aber eine Korrektur der Natur. Das gilt auch für das Virus. Es ist eine Katastrophe für die Menschen, aber eigentlich ein ganz natürliches Phänomen, das irgendwie aus dem Gleichgewicht geraten ist. Beethovens Neunte ist also relevant, wird allerdings oft zum Schlager gemacht. Ich würde jedoch sehr dafür kämpfen, dass man die Idee des Humanismus im Sinne von Humanitas immer doppelt begreift – Bildung im Sinne der Kultur und auch Menschenbildung im Sinne der Mitmenschlichkeit. Sonst hat dieses Stück keinen Sinn.“

Veronika Eberle (Foto: YouTube)

Das Rundfunkorchester wird auch zusammen mit einigen hervorragenden Solisten auftreten. Können Sie da den einen oder anderen vorstellen?

„Vielleicht eine junge Künstlerin, die ich seit vielen Jahren kenne: Veronika Eberle. Sie ist Geigerin und kommt wie ich aus München. Sie hat bei Ana Chumachenco studiert wie weitere aufstrebende Geigerinnen. Veronika Eberle hat eine unglaubliche Metamorphose durchgemacht und so viel Kraft hinzugewonnen. Sie ist bei sich selbst angekommen. Mit ihr spielen wir ein Violinkonzert von Hosokawa, das dieser für die Rundfunksymphoniker geschrieben hat. Beim ‚Artist in Residence‘ besteht immer die Frage nach einem großen Namen. Das interessiert mich aber nicht. Wichtig ist hingegen, dass es Leute sind, die tatsächlich eine Haltung haben. Der Violoncellist Jean-Guihen Queyras ist ein unglaublicher Mensch. Aus dem Musizieren des Barock hat er mitgenommen, mit seinem Instrument zu sprechen und eben nicht dieses Virtuosentum des 19. Jahrhunderts zu verkörpern. Ich mach mit ihm zusammen Strauß und dann das Cellokonzert von Haydn. Außerdem möchte ich den Tenor Ian Bostridge erwähnen. Er singt ‚Sokrates‘, einen Zyklus von Erik Satie, den ich nie gemacht habe. Er sagte mir, ich solle mir das mal anschauen. Und Ian Bostridge ist solch ein unglaublicher Interpret.“

Brad Mehldau (Foto: Björn Milcke, Wikimedia Commons, CC0)

Auch in diesem Jahr kommt es zu ungewöhnlichen Kombinationen im Programm. So tritt der Jazz-Pianist Brad Mehldau zusammen mit dem Orchester auf. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

„Das ist eine Serie, die das Orchester macht und die schon installiert ist. Ich mag das eigentlich gerne. Ich kenne das noch aus meinen 17 Jahren beim Polnischen Rundfunkorchester. In Deutschland tut man sich eher schwer. Da wird dann von Crossover geredet, doch damit hat das nichts zu tun, sondern es geht um Zusammenarbeit und Musik. Bei uns ist die Klassik oft getrennt vom Jazz. In den alten Ostblock-Ländern habe ich aber immer wieder erlebt, dass der Musiker entweder von der Volksmusik oder vom Jazz herkommt. Die Verwurzelung ist da weitaus breiter. Und deshalb ist es eigentlich ein ganz normales Miteinandermusizieren. Wir hatten diese Saison Avishai Cohen hier, und jetzt wird es Brad Mehldau sein. Das ist wunderbar, allerdings bin ich leider gar nicht dabei. Ich hätte ihn gerne kennengelernt, und vielleicht komme ich auch her.“

Was würden Sie sich für die anstehende Saison aus Sicht des Rundfunk-Symphonieorchesters wünschen?

„Auch die Kultur ist systemrelevant, aber nicht der reine Konsum.“

„Ich wünsche mir momentan eine Diskussion in jedem Land dazu, dass das Überleben in einer Krise nur kreativ gesichert werden kann. Ich glaube auch, dass die ganzen wirtschaftlichen Prozesse eigentlich kreative Prozesse sind und man Kunst und Wirtschaft gar nicht voneinander trennen kann. In der Kultur geht es vor allem darum, miteinander umzugehen. Ein Konzert bedeutet nicht nur klassische Musik. Sondern da sitzen 100 Leute zusammen und machen irgendwie auf ganz feinsinnige Weise etwas miteinander. Derzeit hört man auch immer wieder diesen neuen deutschen Begriff ‚systemrelevanter Beruf‘. Aber was ist systemrelevant? Wenn man kurz nachdenkt, dann weiß man natürlich, dass eine Krankenschwester dazugehört. Aber auch die Kultur an sich ist es. Was aber nicht dazugehört, ist dieses ‚Immer schneller, weiter, günstiger‘. Das zerstört die Zwischenmenschlichkeit. Systemrelevant ist alles, was zwischen zwei Menschen eine Bedeutung hat – der reine Konsum ist es aber nicht.“

Autor: Till Janzer
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