Direkt an der Front gedreht: Ukrainische Filmwoche in Tschechien

Im Prager Kino Atlas wurde am Dienstagabend die Ukrainische Filmwoche eröffnet. . Martina Schneibergová war dabei.

Vasyl Zvarych und Lenka Víchová | Foto: Archiv von Martina Schneibergová,  Radio Prague International

An der feierlichen Eröffnung der Ukrainischen Filmwoche nahm auch der hiesige Botschafter des Landes, Vasyl Zvarych, teil. Er dankte einleitend allen denjenigen, die sich an den Vorbereitungen des Filmfestivals beteiligt haben und es unterstützen. Zvarych sagte unter anderem, die Mehrheit der gezeigten Filme erzähle von der Unbeugsamkeit der Ukrainer, von ihrem Mut und von ihrer Liebe zum Leben, trotz aller schlimmen Umstände. Der Botschafter:

„Viele der Filme sind während des Heulens von Sirenen, bei Luftalarm, in improvisierten Filmstudios oder direkt an der Front entstanden. Trotzdem bewahrten sie ihre größte Kraft – nämlich die Wahrheit zu sagen.“

Die Ukrainistin Lenka Víchová ist die Festivaldramaturgin. Über die Filmwoche erläuterte sie gegenüber Radio Prag International

„Es wird gesagt, 2025 sei das goldene Jahr der ukrainischen Dokumentarfilme. Deren Regisseure haben eine sehr traurige, aber wichtige Rolle. Die Dokus, die derzeit entstehen, sind unglaublich beeindruckend. In gewissem Sinne verändern sie die Welt des Dokumentarfilms. Ein Doku-Regisseur studiert normalerweise die Problematik, und es wird ein Drehbuch zusammengestellt. Bei den neuesten ukrainischen Filmen ist es so wie etwa bei Mstyslaw Tschernow: Die Regisseure schalten die Kameras ein und drehen die Geschichte, die sich vor ihnen abspielt. Die ukrainischen Dokumentarfilme sind wichtig, weil sie mehrere Rollen erfüllen. Sie informieren die Welt davon, was geschieht, und dokumentieren dabei die Kriegsverbrechen.“

„2000 metrů do Andrijivky“  (2000 meters to Andriivka) | Foto: Týden ukrajinského filmu

Mit der Doku „2000 meters to Andriivka“ von Oscar-Regisseur Mstyslaw Tschernow wurde die Filmwoche eröffnet. Im Frieden stellen 2000 Meter eine leicht zu überwindende Entfernung dar. Im harten Kampf um ein strategisch wichtiges Dorf zählt jedoch jeder Zentimeter. Auf den zwei Kilometern sieht der Zuschauer alles von einer verwüsteten Natur über zwei feindselige Welten bis hin zur Verzweiflung und einem erbitterten Kampf. Aus vorderster Frontlinie werden eindringliche Kriegsbilder erfasst, die wie ein Albtraum wirken.

„2000 metrů do Andrijivky“  (2000 meters to Andriivka) | Foto: Týden ukrajinského filmu

Wie aus den Aussagen der ukrainischen Soldaten in der Doku hervorgeht, hat sich der Großteil von ihnen – darunter mehrere Studenten – freiwillig in den Dienst gemeldet. Lenka Víchová verweist in diesem Zusammenhang auf einen Gedanken, den sie unlängst bei einem ukrainischen Schriftsteller gelesen habe. Darin heiße es, Europa habe seine Werte, aber das seien abstrakte Werte. Die Ukrainistin zitiert weiter:

„Wenn ein europäischer Politiker sagt, dass wir dieselben Werte teilen, ist es nur eine Deklaration. Wenn jedoch ein Ukrainer freiwillig an die Front geht, ist es eine Tugend, die Tapferkeit genannt wird. Es ist nicht dasselbe, Werte zu haben oder die Tugend zu haben und sich zu opfern. Das sind laut diesem Schriftsteller zwei unterschiedliche Sachen.“

Während der Filmwoche wird ein weiterer Dokumentarfilm gezeigt, der das Leben der Lehrer und Schüler nahe der Front beschreibt. Zudem werden mehrere Spielfilme vorgestellt. Die Festivaldramaturgin:

„Šedé včely“  (Graue Bienen) | Foto: Týden ukrajinského filmu

„Bei einigen bleibt der Krieg im Hintergrund, die meisten enthalten jedoch einen feinen Humor. Ich würde die Filme ,Grey Bees‘ (,Graue Bienen‘) von Dmytro Moiseew und ,Stepne‘ von Maryna Vroda hervorheben. Das sind poetische und wirklich herrliche Filme. Es gibt auch eine Komödie und ein Filmmärchen.“

„Stepne“ | Foto: Týden ukrajinského filmu

Tschernows Doku über den Kampf um Andriivka ist auch der ukrainische Beitrag im Oscar-Wettbewerb in der Kategorie „Bester fremdsprachiger Film“. Als der Regisseur die SMS über die Nominierung erhielt, habe er gerade die Folgen des Raketenangriffs auf Kiew gefilmt, erzählt Lenka Víchová und merkt an:

„20 dní v Mariupolu“  (20 Tage in Mariupol) | Quelle: One World

„Tschernow sagt, er sei sich dessen bewusst, dass sich sein Film um den Oscar eben aus jenem Grund bewerbe, dass andere Menschen sterben und er dies dokumentiert. Die Ehrungen sind für die ukrainischen Regisseure kein großer Trost. Der einzige Trost für sie ist, dass sie die Nachrichten über die Ukraine weitergeben.“

Regisseur Mstyslaw Tschernow erhielt 2024 den Oscar für „20 Tage in Mariupol“.

Die Ukrainische Filmwoche findet in Prag noch bis 17. November statt. Anschließend werden die Filme von 2. bis 7. Dezember im Kino Art in Brno / Brünn gezeigt.

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