„Großer vaterländischer Ausflug“: Mit tschechischen Putin-Fans an der Front in der Ukraine
Am 21. August wird in Tschechien alljährlich an den Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes im Sommer 1968 erinnert. Historische Aufnahmen von der Invasion sind auch dem Film „Velký vlastenecký výlet“ („Change My Mind“) vorangestellt, der am Donnerstag in die Kinos kommt. Der vielbeachtete Dokumentarfilm begleitet eine Reise tschechischer Putin-Anhänger und Verschwörungstheoretiker in die Ukraine. Robin Kvapil ist der Initiator des „großen vaterländischen Ausflugs“, wie man den tschechischen Titel ins Deutsche übersetzen könnte. Ferdinand Hauser hat den Regisseur im Studio von Radio Prag International getroffen.
Herr Kvapil, Sie haben einen Dokumentarfilm über Menschen gedreht, die das Kriegsgeschehen in der Ukraine anzweifeln, die Putin super finden und die das gegenwärtige System in Tschechien stürzen sehen wollen. Sie haben drei solche Menschen gefunden und sind mit ihnen an die Front gefahren. Wie ist die Idee zu diesem Film entstanden?
„Wenn man Dokumentarfilme macht, gelangt man an verschiedenste Orte auf der Welt. Bei der Arbeit an einem meiner letzten Filme habe ich viel über das Flüchtlingslager Moria (auf der griechischen Insel Lesbos, Anm. d. Red.) gelesen. Und auf einmal stand ich dort und habe gedreht. Ich habe mich umgesehen in diesem mit Rasierklingendraht eingezäunten Areal, in dem sich 12.000 Flüchtlinge aufhielten. Und dieses Bild hat mich verändert. Also habe ich mir gesagt, dass es vielleicht gut ist, den Menschen, die die Hilfe für die Ukraine anzweifeln, das Kriegsgeschehen näherzubringen, indem man ihnen das gleiche Erlebnis bietet. Denn ich ging davon aus, dass das etwas mit ihnen machen würde, was man mit der Kamera festhalten könnte.“
Wie haben Sie die drei Protagonisten ausgewählt? Ich habe gehört, Sie haben zunächst ein Inserat veröffentlicht…
„Genau, wir haben eine Annonce geschaltet, in der es hieß, dass wir entsprechende Menschen suchen. Das Gesuch wurde bei ‚Blesk‘ und auf Novinky.cz veröffentlicht. Es haben über 100 Menschen reagiert. 60 kamen in die engere Auswahl, 20 haben wir dann zum Casting eingeladen. Und schließlich haben wir vier Personen ausgewählt – gefahren sind wir aber nur mit dreien, da einem der Teilnehmer am Tag vor der Abfahrt die Reise von seiner Ehefrau verboten wurde.“
Sie haben auch im Internet zur Desinformationsszene recherchiert. Ich habe gehört, dass Sie in den Diskussionen auf viele Fakeprofile gestoßen sind.
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„Ja, als wir nach Teilnehmern gesucht haben, haben wir auch online Ausschau gehalten. Und es hat uns überrascht, hinter wie vielen Profilen keine echten Menschen standen. Die Zahl war wirklich hoch. Heutzutage ist so etwas schwieriger zu erkennen. Denn früher hatten die Fake-Accounts etwa kein Profilbild. Mittlerweile ist das Ganze schon ein wenig weiterentwickelt, aber man erkennt die Fakeprofile immer noch.“
Sie haben einmal gesagt, dass die Protagonisten Ihres Films gewissermaßen austauschbar sind. Wer sind diese Menschen, die nicht an das System glauben und Putin vertrauen. Was ist deren Weltbild?
„Das ist bei den drei Menschen, mit denen wir losgefahren sind, unterschiedlich. Einer ist wirklich in der Blase von Verschwörungstheoretikern unterwegs. Er ist in einer Kleingartensiedlung aktiv, dort wird über diese Dinge geredet. Vielleicht ist er durch diese Ansichten auch besser in diese Gemeinschaft integriert. Bei Petra ist das anders. Sie erhält die Informationen scheinbar von einer Person in ihrem Umfeld. Und Nikola wiederum glaubt, dass das Land seit den 1990er Jahren geplündert wurde, dass Tschechien gewissermaßen verbrannte Erde ist. Er sagt im Film auch, dass Putin für ihn der Einzige ist, der den liberalen Wahnsinn des Westens aufhalten kann. Wie Sie bereits gesagt haben, denke ich, dass wir einen ziemlich ähnlichen Film gedreht hätten, wenn die Wahl beim Casting auf drei andere Leute gefallen wäre. Und das ist eigentlich ein bisschen gruselig.“
Sie haben den ausgewählten Menschen in der Ukraine gewissermaßen ein Komplettprogramm angeboten. Sie sind mit ihnen an die Front gefahren, dort war andauernd Bombenalarm. Sie sind Menschen begegnet, die ihre ganze Familie verloren haben. Sie haben die Massengräber von Isjum besucht, wo die Leichen von über 400 gefolterten Zivilisten gefunden wurden. Was war Ihre Erwartung, was das mit den Protagonisten macht?
„Wir hatten unsere Basis in Charkiw, einer Stadt, die 30 Kilometer von der Front entfernt liegt. Wir sind in den Donbass gefahren und haben eben auch Isjum gesehen, das zuvor unter russischer Belagerung war. Einer der Teilnehmer unserer Reise, der Kriminologe Petr Pojman, hat die dort begrabenen Menschen exhumiert. Die Protagonisten konnten mit Menschen sprechen, deren Familien durch russische Fliegerbomben getötet wurden. Es gab viele solche Situationen. Zudem wurde auch in der Nähe unserer Unterkunft während des Drehs eine Bombe abgeworfen. Wir sind dorthin gefahren, die drei Protagonisten konnten sich den Ort anschauen und mit Einwohnern sprechen, die die Trümmer beseitigten. Diese Leute haben den Krieg also so nah miterlebt, wie es nur ging. Als ich hinterher das Material geschnitten habe, habe ich gesehen, dass sie einen intensiven inneren Monolog führen. Aber der unterscheidet sich von dem, was sie schließlich sagen.“
Was hat das mit Ihnen selbst gemacht, dort zu sein?
„Ich habe mein ganzes Leben lang in einer Umgebung ohne Krieg gelebt. Lange dachte ich, dass so etwas in Europa unmöglich ist. Für den Dreh habe ich eine Recherchereise unternommen, ich habe mich ins Auto gesetzt, und anderthalb Tage später war ich in Charkiw. Ich bin spazieren gegangen, es war schönes Wetter, die Menschen spielten im Park. Und auf einmal raste eine Rakete in ein Haus. Da merkte ich, dass das, was ich das ganze Leben lang geglaubt habe, gar nicht stimmt. Dass es ganz in der Nähe, anderthalb Tage Autofahrt von Prag entfernt, einen Kampf zweier Welten gibt. Und die eine Welt, die russische, ist wirklich sehr brutal. Man kann das alles nur schwer glauben, wenn man es nicht erlebt hat. Auch diese instinktive Angst, dass einem jederzeit etwas zustoßen kann… Erst wenn einem das widerfahren ist, kann man verstehen, dass es so etwas wirklich gibt. Mich hat all das persönlich verändert. Denn seitdem sehe ich, dass es da wirklich diese Macht gibt, die sehr brutal ist. Aber wir im Westen, in unserer Gemütlichkeit, im goldenen Käfig – wir haben das vergessen. Ich denke, wir sollten schleunigst zur Besinnung kommen.“
Das heißt, wir sollten uns auf einen Krieg vorbereiten?
„Ja, ich denke schon. Und das passiert ja hoffentlich auch, indem etwa aufgerüstet wird. Denn stellen Sie sich einmal rein hypothetisch vor, dass die Ukraine fällt. Wie würde das ausgehen? Die Soldaten, die übrig bleiben, würden in die Slowakei ziehen. Dort würde man sie wohl mit Schnaps willkommen heißen. Und dann wären sie schon hier. Es ist noch nicht so lange her, dass russische Soldaten in unserem Land waren. Und Wladimir Putin sagt selbst, dass Russland erst dort aufhört, wo einmal ein russischer Soldat den Boden betreten hat. Dass trifft auch auf Tschechien zu. Ich sehe also keinen Grund zu glauben, dass sich das nicht wiederholen kann.“
Sie sind mit einem relativ großen Stab von 20 Leuten in die Ukraine gefahren. Wie schwer ist es, dort zu drehen?
„Ich wollte das Ganze aus filmischer Sicht sorgfältig angehen. Denn ich denke, die Sprache der Reportagen sowie der Berichterstattung und auch die visuelle Seite funktionieren auf eine besondere Art und Weise, gegen die viele Menschen aber schon immun sind. Seit mehreren Jahren sehen sie immer das Gleiche und sind nicht mehr wirklich aufmerksam. Ein Film hingegen kann meiner Meinung nach suggestiver von den Gräueln des Krieges erzählen. Das funktioniert besser, und ich denke, dass das mit dem Film auch gut geklappt hat. Natürlich war dieser Dreh aber extrem anspruchsvoll. Man fährt eben nicht allein mit der Kamera oder zu zweit los, sondern mit 20 Leuten – mit zwei Kameramännern, mit Tontechnikern und der Produktion. Am Ende ist zum Glück niemandem etwas passiert.“
Während sich Ihre Protagonisten im Film über den ukrainischen Stempel im Pass aufregen, die sowjetische Hymne singen oder behaupten, dass Putin sie rette, während ein Stück weiter die Bomben fallen, sind Sie eher der stille Beobachter. Wie oft wollten Sie eingreifen und diskutieren?
„Ich habe mir am Anfang streng vorgenommen, mich nicht vor die Kamera zu drängen. Ich wollte unseren Protagonisten in der Situation des Krieges Raum geben. Denn von Anfang an dachte ich mir, dass das die beste Möglichkeit ist, um diesen fast schon surrealistischen Kontrast der beiden Welten zu zeigen. Ich denke, dass sich diese Überlegung ausgezahlt hat.“
Sie haben Ivo, Nikola und Petra vor der Reise kleine Reportagekameras gegeben, mit denen sie Aufnahmen machen sollten. Warum haben Sie das gemacht? Denn diese Aufnahmen sind im Film gar nicht so oft zu sehen, und ich kann mir vorstellen, dass eine Kamera auch Distanz zu dem schafft, was man erlebt.
„Mit den Kameras sollten die drei die Begegnungen mit den Menschen filmen oder auch andere Situationen, die sie festhalten wollten. Sie haben auch sich selbst aufgenommen, wie sie in Charkiw spazieren gehen, nachdenken und ihre Gedanken ordnen. Wir fanden es wichtig, die Welt sozusagen mit den Augen dieser Leute zu sehen, die die Dinge anders wahrnehmen als wir. In der Praxis bedeutete das, dass wir die Protagonisten aufgenommen haben, wie sie etwas filmen. Im fertigen Film reichern wir unser Material mit ihren Aufnahmen an. Ich denke, dass durch diese Kombination eine noch stärkere Aussagekraft über diesen Ort entsteht.“
Bei der Vorpremiere Ihres Films wurde viel gelacht. Ich hatte das Gefühl, dass die Zuschauer die Protagonisten auf der Leinwand auslachen. Haben Sie nicht das Gefühl, dass Ihr Film zur Spaltung der Gesellschaft, die ja auch das Ziel Russlands ist, beitragen kann?
„Es gibt in dem Film einen Bruch. Er beginnt wie ein lustiges Roadmovie, was auch gut so ist. Denn der Absturz in die Dunkelheit ist dadurch umso größer. Nebenbei sei erwähnt, dass Humor vor Ort in der Ukraine eine zentrale Rolle spielt. Die Situationen sind teils so verrückt, dass ein gewisses Maß an Humor quasi überlebenswichtig ist. Denn würde man alles vollends durchleben, wäre das kaum zu ertragen. Was die Spaltung angeht… Abgesehen vom Ende des Films, bei dem es einem kalt den Rücken herunterläuft, kann eine der Botschaften auch sein, dass wir lernen müssen, unsere Energie sinnvoll einzusetzen. Und endlose Diskussionen mit einer Gruppe von Menschen, die nicht überzeugt werden kann, sind nicht sinnvoll. Meiner Meinung nach ist es etwa absolut keine Schande, in den sozialen Netzwerken Leute zu sperren oder als Freund zu löschen, wenn dadurch die Diskussionen auf der Plattform weniger toxisch werden und die Reichweite solcher Menschen sinkt. Es hat keinen Sinn, Energie für solche Sachen zu verschwenden, man sollte sie eher für positive Dinge aufsparen.“
Sollen wir diese Leute also links liegen lassen? Oder wie sollen wir als Gesellschaft mit ihnen umgehen? Wenn sie nicht einmal eine Reise an die Front in der Ukraine davon überzeugt, dass Russland Kriegsverbrechen begeht, was kann sie denn dann überzeugen?
„Schön und gut. Aber ich denke, wir sollten uns eher darauf konzentrieren, wie wir als Gesellschaft in Zukunft überhaupt überleben können. Wir fragen uns, wie wir mit Menschen diskutieren sollen, die nicht überzeugt werden können. Und ein Teil von ihnen sind noch nicht einmal Menschen, sondern irgendwelche Handys in Trollfabriken. Klar, wir können uns schon damit beschäftigen, aber Russland ist komplett egal, wie wir diese Diskussion lösen. Ich denke, wir sollten dahingehend andere Prioritäten setzen.“
Sie haben in einem Interview gesagt, dass es in all Ihren Filmen um den Kampf zwischen Gut und Böse geht. Wer wird am Ende gewinnen?
„Schwer zu sagen. Aber wenn mir dieser Dreh eines gezeigt hat, dann, dass ein Happy End nicht von irgendwoher kommt. Man muss dafür kämpfen. Vielleicht ist das die Antwort auf die Frage.“
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