Briefe aus Kiew: Deutscher Filmemacher aus Prag dreht Doku über die Ukraine
Der deutsche Filmemacher Eduard Germis lebt seit Langem in Prag. Im Dezember hatte sein neuester Dokumentarfilm Premiere. Er trägt den Titel „Dark but Free – Letters from Kyiv“. In dem 80-minütigen Streifen sind Eindrücke aus der ukrainischen Hauptstadt und Interviews mit ihren Bewohnern zu sehen.
Russland hat die Ukraine am 24. Februar 2022 überfallen. Wann war Dir klar, dass Du einen Film über die Situation in der Ukraine machen willst?
„Ich habe Bekannte in der Ukraine und Verbindungen in das Land. Als Russland die Ukraine überfallen hat, war ich gerade auf Teneriffa und dachte mir, dass ich irgendetwas tun muss. Das erste Jahr über war ich einfach in Prag und habe versucht, hier Leuten zu helfen. Ich habe etwa eine Familie bei mir zuhause aufgenommen. Über diese wollte ich auch einen Film machen, aber am Ende ist daraus nichts geworden. Über Umwege hatte ich dann aber die Gelegenheit, mit meiner damaligen Freundin nach Kiew zu reisen. Als ich meinen Rucksack gepackt habe, nahm ich zur Sicherheit auch meine Kamera, ein Stativ und ein Mikrophon mit. In der Nacht vor der Abreise konnte ich dann nicht schlafen, weil ich überlegt habe, was ich eigentlich in der Ukraine machen werde. Am Ende war es eine sehr produktive Nacht, weil mir die Idee für den Film und das Konzept kam.“
In Deinem Film kommen zehn Menschen zu Wort, die Du interviewt hast. Was sind das für Menschen? Und wie hast Du sie gefunden?
„Die ersten waren meine Bekannten, wie etwa die Journalistin Alina. An ihnen habe ich gewissermaßen das Konzept getestet. Zum Kontext muss man sagen, dass ich ein Jahr nach Beginn der Invasion gedreht habe. Ich hatte das Gefühl, dass die meisten damals noch keine Gelegenheit gehabt hatten, darüber zu reflektieren, was eigentlich mit ihnen und um sie herum passiert. Ich hielt es deshalb für sinnvoll, den Raum zur Verfügung zu stellen, dass sie laut darüber nachdenken. Ich dachte mir, dass da etwas Interessantes herauskommen könnte. Und das war tatsächlich der Fall. Nachdem ich die 20 Minuten mit Alina aufgenommen hatte, sah ich, wie intensiv das alles für sie war. Sie meinte, dass sie vieles von all dem noch niemandem erzählt hat, noch nicht einmal ihrem Freund. Und da habe ich gemerkt, dass ich gerade mit der richtigen Idee zur richtigen Zeit am richtigen Ort bin. Auf die anderen Teilnehmer bin ich vor allem durch Empfehlungen von Freunden gekommen. Letzten Endes war ich zweimal für jeweils zwei Wochen in Kiew. Beim zweiten Mal, habe ich ganz konkret mit bestimmten Leuten gedreht, die mir vorher irgendwie gefehlt hatten. Denn ich wollte ein möglichst breites Spektrum der Gesellschaft abbilden.“
Dein Film trägt den Titel „Dark but Free – Letters from Kyiv“. „Letters“, also „Briefe“, sind dabei ganz bedeutend. Denn Du hast die Interviewpartner gebeten, Videopostkarten aufzunehmen. Wie haben diese Interviews funktioniert?
„Zunächst muss ich dazu sagen, dass es keine Interviews waren. Das heißt, ich habe keine Fragen gestellt. Das hatte mehrere Gründe. Zum einen war da der Zeit-Aspekt. Ich brauchte ein Konzept, dass ich mit meinen begrenzten zeitlichen Mitteln durchziehen konnte. Zudem wusste ich, dass ich auch mit Menschen reden werde, die ich nicht kenne. Es brauchte also einen Weg, damit sie sich mir öffnen. Ich habe die Protagonisten deshalb gebeten, sich eine sehr nahestehende Person vorzustellen, die irgendwo weit weg im Ausland lebt. Mit dieser fiktiven Person bestand ein Jahr lang quasi kein Kontakt, ihr ist aber sehr viel an einem gelegen und sie will erfahren, was der Krieg mit einem macht. Die Kamera habe ich so positioniert, dass die Leute direkt hineinschauen. Ich bin oft auch in einen Nebenraum gegangen, oder, wenn wir im Freien gefilmt haben, 15 Meter weg. Dann habe ich nur über die Funkkopfhörer zugehört.“
Hast Du nur in Kiew aufgenommen oder auch in anderen Städten in der Ukraine?
„Nur in Kiew. Ich wollte das Konzept nicht zu sehr ausweiten. Denn hätte ich auch an anderen Orten gedreht, hätte die Frage aufkommen können, warum ich nicht auch an die Front gefahren bin. Deswegen war es mir wichtig, das Ganze auf junge Menschen in Kiew zu begrenzen. Aber es stammen nicht alle aus der Stadt. Einer der Protagonisten ist ein sehr junger Mensch, der aus Marjinka kam. Das war einer der ersten Orte, der komplett zerstört wurde, wo kein Stein mehr auf dem anderen steht. Mittlerweile gibt es leider viele solcher Orte.“
In Kiew hast Du mit Deinen Gesprächspartnern in verschiedenen Settings gefilmt. Einmal sitzt die Protagonistin in der U-Bahn, einmal sitzt jemand auf einem Hinterhof, ein anderes Mal auf einer Bühne im Theater. Wie hast Du diese Orte ausgewählt?
„Ich muss sagen, vieles davon war Zufall. Es gab natürlich ein paar Sachen, die konzeptueller Natur waren – etwa das Interview mit der Journalistin Alina, das wir im Büro von Toronto TV aufgenommen haben. Aber vieles ist wirklich zufällig passiert. Mit Dina etwa wollte ich eigentlich in einer Bibliothek drehen, aber dann gab es Luftschutzalarm. Ich bin in die Metro gegangen, weil es dort sicher ist, und Dina war irgendwo anders in der Metro. Wir haben aber festgestellt, dass wir zum Glück auf der gleichen Linie sind. Ich konnte also einfach zu ihr rüberfahren, und wir haben das Interview direkt in der Metrostation aufgenommen – während über uns die Luftabwehr tätig war.“
Eine sehr markante Figur in dem Film ist ein Stand-up-Comedian. Er macht trotz allem weiter seine Auftritte, versucht die Menschen aus ihrer Realität herauszuholen und zusammenzubringen. Welche Rolle spielt Humor in diesem Krieg?
„Ich glaube, eine sehr wichtige Rolle. Es spricht ja auch noch eine andere Person, die elektronische Musik macht und über Raves erzählt. Manchmal gibt es aus dem westlichen Ausland seltsame Kommentare, im Sinne von: ‚So schlimm kann das ja alles nicht sein, wenn die da drüben tanzen gehen und Cafés besuchen.‘ Aber so funktioniert das natürlich nicht. Die Ukraine hält ihre Stellungen nicht nur, weil sie unglaublich mutig und stark ist. Sondern auch, weil sie es als Gesellschaft geschafft hat, eine Art Resilienz aufzubauen, und durchhalten will.“
Inwiefern hat der Krieg die Protagonisten verändert? Was macht diese Situation mit ihnen?
„Dazu gibt es im Film viele interessante Beiträge. Aber etwas kann ich vielleicht vorwegnehmen. Ich habe nämlich auch zwei Soldaten in dem Film. Einer von ihnen erzählt, dass er früher ein Skater war, der gern mit seinen Kumpels Bier getrunken hat. Und jetzt sitzt er da – in Uniform. Er hätte nie gedacht, dass er so etwas machen könnte – in den Krieg ziehen, auf Leute schießen. Aber er sagt, dass er sich daran gewöhnt habe und dass er keine Reue empfinde, wenn er auf die russischen Soldaten schießt. Das muss man wohl so hinnehmen. Vielleicht könnte man das nachvollziehen, wenn man selbst wirklich in so einer Position wäre. Aber er sagt auch, dass sein Herz versteinert ist. Dass er sich dessen bewusst ist. Und, dass er vermutlich später mit einem Psychologen daran arbeiten wird. Er will wieder ein normaler Mensch werden und mit diesem versteinerten Herz auf keinen Fall sein ganzes Leben verbringen.“
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