Dvořák: Sinfonie „Aus der Neuen Welt“ und das Largo

Antonín Dvořák

Mit seinem letzten sinfonischen Werk hat sich Antonín Dvořák unsterblich gemacht. In den USA schuf er die Sinfonie „Aus der Neuen Welt“ – die Sie übrigens jeden Tag als Erkennungsmelodie von Radio Prag International hören können. Der Höhepunkt der Sinfonie ist sicher das Largo. In einem weiteren Teil aus unserer Serie über die Hits der tschechischen Klassik geht es deshalb insbesondere um diesen zweiten Satz, aber auch um den Rest des Werks.

Antonín Dvořák (Foto: Public Domain)
New York Herald (Quelle: Offizielle Webseite von Antonín Dvořák)

Der New York Herold schrieb am 17. Dezember 1893 über die musikalischen Ereignisse des Jahres:

„Von allen Seiten erklang stürmischer Beifall. Alle blickten in die Richtung, in die der Dirigent schaute. Es war eindeutig, wohin sich alle Blicke wandten. Im ganzen Saal erhob sich ein begeisterter Ruf: ‚Dvořák, Dvořák!‘ Und während der Komponist sich verneigte, haben wir Gelegenheit, diesen Dichter der Töne, die einem so zahlreichen Publikum zu Herzen gehen, zu beobachten“, schreibt der New York Herald über die denkwürdige Premiere der Sinfonie „Aus der Neuen Welt“.

Woher kommt dieser sein Ruhm? Aus der Musik selbst oder aus Dvořáks gesellschaftlicher Stellung? Dvořák war der erste Direktor des Ersten Nationalkonservatoriums in New York, und das war damals eine unglaublich prestigeträchtige Stellung.

Ein Höhepunkt der Romantik

Aber seine Hörer gewann er durch die Musik. Seine Sinfonie Nr. 9 e-Moll „Aus der Neuen Welt“ ist das letzte und bekannteste sinfonische Werk Dvořáks. Das musikalisch geschulte New Yorker Publikum spürte nach der Erstaufführung, dass es gerade den absoluten Höhepunkt der musikalischen Romantik gehört hatte – das bis dahin beste sinfonische Schaffen der Epoche.

Antonín Dvořák im Familienkreis (Foto: Archiv des Nationalmuseums in Prag)

Dvořák bereitete den kulturellen Kreisen in den USA, eigentlich allen Amerikanern eine große Freude. Der musikalische Erfindungsreichtum des Komponisten zeigt sich in diesem Werk besonders ergreifend und ungemein mitreißend. Die damalige Fachwelt in den Vereinigten Staaten verherrlichte Dvořák dafür geradezu. Die Musikkritiker kamen zu dem Schluss, Dvořák habe die Fundamente zu einer neuen amerikanischen Musik gelegt.

Das Largo, also der zweite Satz der Sinfonie, besticht vor allem durch seine Melodieführung. Aber nicht nur. Wir hören darin auch viel Arbeit mit dem Orchester. Die Melodie wird zunächst vom Englischhorn getragen, das nicht gerade das gängige Soloinstrument ist. Dvořák wusste sehr genau, dass das Englischhorn eine ungemein sehnsuchtsvolle Klangfarbe hat. Und es gibt wunderbar die Gefühle wider. Gerade an dieser Stelle verleiht Dvořák seinem Heimweh Ausdruck.

Bemerkenswert ist aber auch der bekannte kontrastreiche Mittelteil. Für einen Komponisten ist es schwierig, diesen Teil des langsamen Satzes so zu schreiben, dass er seine Melodiosität nicht verliert. Dvořák lässt anstelle der ruhigen Englischhörner das ganze Orchester mit wehmütiger Stimmung auf den Zuhörer los. So sieht also einer der berühmtesten freien Sätze im Musikschaffen der Welt aus.

Largo

Von der neuen Welt auf den Mond

Neil Armstrong (Foto: NASA, Public Domain)

Der amerikanische Astronaut Neil Armstrong hat übrigens eine Aufnahme der Sinfonie „Aus der Neuen Welt“ mit auf den Mond genommen. Das war im August des Jahres 1969 beim berühmten Flug der Apollo 11. Nur zur Information: Der vierte Teil dieser Sinfonie wurde vor einigen Jahren zur Hymne des Internationalen Amtes für Ausstellungswesen. Ganze Sätze aus diesem Werk gehören zu den bekanntesten Beispielen der klassischen Musik.

Als wesentliche Inspirationsquelle für die Sinfonie diente ihm die Atmosphäre in den sich stürmisch entwickelnden USA und die hektische Lebensart – aber auch die Gefühle, die Dvořák bei seinen Ausflügen auf das amerikanische Land hatte. Solche Fahrten unternahm er regelmäßig. Und wie bereits angemerkt, erklingen hier auch seine Sehnsucht und sein Heimweh nach dem fernen Böhmen. Dvořák arbeitete sehr intensiv an seiner berühmtesten Sinfonie. Und er vollendendete sie in ziemlich kurzer Zeit, genauer gesagt: von Januar bis zum 24. Mai 1893.

Sinfonie „Aus der neuen Welt“ (Foto: Public Domain)

Dvořáks Sinfonie „Aus der neuen Welt“ charakterisiert mehr als alles andere die Synthese verschiedener musikalischer Elemente. Das sind Einflüsse aus der indianischen Musik sowie der Volksmusik. Versucht man, die Absicht des Komponisten als epische Erzählung auszulegen, dann muss man scheitern. Und das, obwohl die einzelnen Sätze von Anspielungen wimmeln. Im Schlusssatz zum Beispiel lässt sich das Schreiben einer telegrafischen Nachricht heraushören. Aber alle diese verschiedensten Eindrücke musikalischer Bilder darf man nicht dadurch vereinfachen, dass man sie für das Abbild von etwas Konkretem hält.

Musik gegen den Rassismus

Foto: Kristýna Maková, Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prague International

Man sagt, dass in der Sinfonie „Aus der neuen Welt“ am stärksten die Stimme der Sehnsucht nach einer universellen Freiheit und nach menschlicher Verbundenheit erklingt. Dvořák, wie viele andere Europäer auch, verstand die Sklaverei und den Rassismus in der Neuen Welt nicht. Vielleicht erklingt dieses Gefühl in einigen Passagen der Sinfonie...

Es müsste eigentlich dort zu finden sein. Zdeněk Mahler, ein erstrangiger europäischer Musikwissenschaftler, erzählte folgende Geschichte: Als ein Amerikaner mit Dvořák darüber sprach, wie die weiße Rasse allen anderen überlegen sei, antwortete ihm der Komponist aus ganzem Herzen mit dem tschechischen „Hovno!“ – also: So eine Scheiße!

Der Zyklus „Hits der klassischen Musik“ beruht auf einem Projekt von Lukáš Hurník und Bohuslav Vítek zu den „Hits des Jahrtausends“, das der Kultursender Tschechischer Rundfunk – Vltava ausgestrahlt hat.

Dvořáks Sinfonie Nr. 9 entstand während seines Aufenthaltes in den Vereinigten Staaten zu Ende des 19. Jahrhunderts. Von 1892 bis 1895 war er als Direktor des Ersten New Yorker Konservatoriums tätig.

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