Mord und Prostitution im Prag der Kaiserzeit und der Ersten Republik

True-crime-Formate haben Konjunktur, und das in Tschechien genauso wie in Deutschland. Auch viele Besucher Prags interessieren sich für Kriminalfälle, die sich etwa zu Ende der k. u. k. Monarchie und in der Ersten Tschechoslowakischen Republik abgespielt haben. Mehr zu Verbrechen und Prostitution in Prag an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert erfährt man während einer Führung durch das Zentrum der Goldenen Stadt.

Marek Kovář ist Touristenguide in Prag. Er bietet unterschiedliche Führungen an. Eine der beliebtesten dreht sich um Kriminalfälle und Sündenmeilen im Prag des Kaiserreichs und der eigenständigen Tschechoslowakischen Republik, grob gesagt also zwischen 1900 und 1939. Über diesen Themenkreis könnte er stundenlang reden, meint Kovář, denn es gebe unzählige Fälle und Geschichten...

Marek Kovář | Foto: LinkedIn von Marek Kovář

„Es sind unglaublich viele. Ich habe sie zu sechs bis sieben thematischen Spaziergängen zusammengefasst, von denen jeder fast zwei Stunden lang dauert. Dennoch habe ich den Eindruck, eher alles nur anreißen zu können. Denn fast jedes zweite Haus in der Altstadt, aber auch auf der Kleinseite oder im Viertel Hradčany wartet mit einer interessanten Geschichte auf. Es muss sich dabei nicht immer um Mord handeln, sondern es sind auch andere Kriminalfälle. Da geht es dann zum Beispiel um Veruntreuung, Diebstahl oder etwas, was wir heute als die Verletzung von Autorenrechten bezeichnen würden“, so der Fremdenführer.

Für letzteres nennt Kovář auch ein Beispiel. So habe sich etwa ein Betrüger als der Maler Vojtěch Hynais ausgegeben, dieser hatte 1883 den heutigen Vorhang des Nationaltheaters in Prag geschaffen. Mit dem falschen Alter Ego des berühmten Künstlers nahm der Mann in den Gaststätten Prags wohl viel Geld ein – bis er aufflog.

Dreifachmord in der Karlova

Wie der Guide jedoch gesteht, würden viele seiner Klienten vorrangig auf die grausamen Mordgeschichten warten. Um das aber ein bisschen zu entschärfen, versuche er auch Kriminalfälle mit humorigem Hintergrund in seine Führungen einzubauen. Denn er selbst möge so viel Blut eigentlich gar nicht.

Doch auf dem sogenannten Königsweg in der Straße Karlova schildert er gegenüber Radio Prag International einen Schocker aus dem Jahr 1932. Er dreht sich um den Wirt Hugo Hrubý und seine Familie…

Ein Spaziergang auf den Spuren von Kriminalgeschichten | Foto: Kristina Kellnerová,  Radio Prague International

„Es war einer der brutalsten Fälle. Er trug sich in einem Gasthof zu, der sich in jenem Haus befand, in dem heute das Café der Theaterhochschule DAMU ist. Dort geschah ein Dreifachmord, die Opfer waren der damalige Wirt, seine Frau und seine Mutter. Auch das Kind der Wirtsleute wurde verletzt, überlebte aber.“

Und Kovář merkt weiter an, wie bei vielen weiteren Kriminalfällen dieser Zeit sei es um Habgier gegangen:

„Beim Täter handelte es sich um einen Verwandten der Wirtsleute, Jan Větrovský, der in der Kneipe beschäftigt war, mit Hrubý aber auf Kriegsfuß stand. Er musste die Tat schon länger geplant haben. Aber eines Abends setzte er sie um, als sich viel Geld im Wirtshaus befand. Konkret waren es rund 10.000 tschechoslowakische Kronen, mit denen die Brauerei und die Metzgerei bezahlt werden sollten sowie die Löhne für die Angestellten.“

Der Mord sei dann mit einem Beil verübt worden, so der Touristenguide. Im Übrigen war das seinen Worten nach damals eine häufige Mordwaffe. Denn in jedem Haus habe es ein Beil gegeben, um Holz zu hacken für den Ofen.

„Der Täter nahm also das Beil und erschlug Hugo Hrubý in seinem Bett. Dessen Frau Anna wachte auf, und auch sie tötete er mit mehreren Schlägen. Dabei wurde der neunmonatige Sohn verletzt, der zwischen beiden Eheleuten schlief. Auch die Mutter Marie Hrubá wurde wach, sie erschlug der Mörder mit zwei Schlägen auf den Kopf, um ihr danach noch viermal mit der scharfen Seite in den Hals zu schneiden“, so Marek Kovář.

Die Ermittlungen übernahm einer der anerkanntesten damaligen Kriminalbeamten Prags. Es war der Regierungsrat Josef Vaňásek, der 1930 Chef der Sicherheitsabteilung geworden war. Sein berühmtester Fall sollte 1933 die Aufklärung des Mordes an der slowakischen Prostituierten Otýlie Vranská werden. Um den Schuldigen in der Sache der Familie Hrubý zu finden, brauchte er laut Marek Kovář nur zehn Tage. Jan Větrovský war zwar selbst mit einer schweren Verletzung an der Brust gefunden worden. Doch die Köchin hatte ihn kurz zuvor noch unverletzt im blutgetränkten Schlafraum der Hrubýs gesehen. So konnten Vaňásek und sein Team beweisen, dass sich Větrovský die Verletzung selbst zugefügt hatte und ihn als den wahren Täter überführen. Dieser legte darauf ein Geständnis ab.

Foto repro: Lidové noviny,  06.03.1932

Salon Gogo und andere Luxus-Bordelle

Ein anderes Thema des Rundgangs ist das sündhafte Prag an der Wende zum 20. Jahrhundert. Kovář:

„Die Teilnehmer meiner Rundgänge interessiert auch, wo die früheren Bordelle waren. Denn es sind Orte, an denen sich heute beispielsweise der Prager Magistrat befindet, oder Häuser in den Straßen Celetná, Haštalská und Ungelt. Dort spaziert man mittlerweile ganz normal durch das Stadtzentrum und sieht Hotels und Restaurants. Auch früher gab es dort schon Fremdenunterkünfte, aber es waren Stundenhotels. Ebenso gab es Restaurants, nur dass dort ebenfalls die sogenannte Schenkwirtschaftsprostitution einzog. Das heißt, in den Gasthäusern waren die leichten Mädchen.“

Ungelt | Foto: Kristina Kellnerová,  Radio Prague International

Zu Zeiten der Doppelmonarchie wurde die Prostitution geduldet. Und zwar unter der Bedingung, dass sich die Frauen registrierten, regelmäßigen ärztlichen Untersuchungen unterzogen und in öffentlichen Betrieben ihre Dienste anboten.

So entstanden ebenfalls Luxus-Etablissements. Eines befand sich zum Beispiel in der Straße Kamzíková, die auf die Celetná zuführt. In dem sogenannten „Haus zum roten Pfau“ lädt heute ein Schokoladenmuseum zum süßen Besuch ein. Das Bordell wurde damals von den Gästen als Salon Gogo bezeichnet und die Prostituierten als „Liebes-Gämsen“. Angeblich waren sowohl der deutsche Reichskanzler Otto von Bismarck, als auch der habsburgische Thronfolger Franz Ferdinand von Österreich-Este dort zu Besuch.

Mit den Bordellen verbunden war natürlich auch die Unterwelt Prags. Und dies machten sich die Detektive der Polizei zunutze, indem sie die Prostituierten teils als ihre Informantinnen anwarben. Aber manch ein Polizist wechselte auch die Seiten und begann selbst, ein Freudenhaus zu betreiben. So wie etwa Emmanuel Kaucký, der in der Platneřská-Straße ein Luxus-Etablissement eröffnete. Er wurde den Berichten nach so reich, dass er später nach Antwerpen fahren und Diamanten kaufen konnte.

Der ehemalige Gogo-Salon befand sich in der Kamzíková Straße am Ende dieser Passage | Foto: Kristina Kellnerová,  Radio Prague International

Wie Kovář betont, dürfte es im alten Prag wirklich viele Bordelle gegeben haben:

„Man sagt, dass es 1918 rund 2000 Prostituierte in der Stadt gab. Das ist wirklich keine geringe Zahl. Und es waren nur jene, die auch wirklich registriert waren. Natürlich gab es auch viele, die illegal ihre Gewerbe betrieben. Die genaue Zahl kennen wir also nicht. 1922 wurden dann die Bordelle offiziell aufgelöst, was aber nicht bedeutete, dass die Prostitution damit verschwand. Sie zog nur in andere Viertel um, nach Žižkov oder Vinohrady, aber auch in weitere Stadtteile.“

Zuvor befanden sich viele der Bordelle in der Josefstadt, dem Judenviertel Prags. Die jeweiligen Häuser wurden jedoch abgerissen, als zu Beginn des 20. Jahrhunderts diese Gegend modernisiert wurde. Und die Hausbücher, die sicher noch viele Namen hochrangiger Besucher preisgegeben hätten, seien nach dem Verbot der Prostitution von 1922 vernichtet worden, sagt Kovář – genauso wie die Gesundheitsbücher, die die Damen führen mussten. Nur aus dem südböhmischen České Budějovice / Budweis sei Ähnliches noch erhalten geblieben, schließt der Fremdenführer seine Tour durch die Unterwelt Prags an der Wende zum 20. Jahrhundert.

Autoren: Till Janzer , Kristina Kellnerová
schlüsselwörter:
abspielen