Ein Kreuz in Afrika: Erinnerung an den tschechischen Weltenbummler Čeněk Paclt
Emil Holub gilt als der bedeutendste tschechische Afrikaforscher. Er war aber nicht der einzige Böhme, der den Kontinent Ende des 19. Jahrhunderts bereiste. Noch vor Holub war Čeněk Paclt da – und er hatte da schon Reisen durch die vier anderen bewohnten Kontinente hinter sich. Der Geschichte des fast vergessenen Weltenbummlers Paclt, der 1813 in Turnov geboren wurde, sind die beiden Filmemacher Martin Šli und Jiří Neumann nachgespürt.
„Kaum jemand weiß, wer Čeněk Paclt war. Dabei war er eine sehr abenteuerliche Seele.“
So beschreibt Martin Šli einen seiner Vorgänger. Šli unternimmt regelmäßig Reisen nach Afrika, gibt Artikel heraus, hält Vorträge und stellt Fotos aus. Nun hat er auf dem Kontinent die Spur von Čeněk Paclt nachverfolgt – einem Mann, der der gleichen Leidenschaft nachging wie Šli, nur mehr als anderthalb Jahrhunderte früher...
„Er ist zufällig im gleichen Jahr geboren wie der große Humanist, Weltreisende, Entdecker und Sklavereigegner David Livingston – und zwar 1813. Paclt war ein Mensch, der seine persönliche Freiheit über alles schätzte und ebenso die Freiheit, alles so zu sagen, wie er es empfand. Er war nachweislich der erste Tscheche, der alle fünf bewohnten Kontinente besucht hat.“
Von Europa aus reiste Paclt 1846 zunächst nach New York und erkundete mehr als zehn Jahre lang Nord- und Südamerika. Dann ging es nach Australien, von dort nach Indien und zurück nach Australien. Und erst mit 57 Jahren, so formuliert es Šli, sei Čeněk Paclt endlich nach Afrika gekommen. Dort starb der Weltenbummler dann 17 Jahre später.
Zu Fuß durch die Wüste
Am Anfang seines Afrika-Aufenthaltes stand aber 1870 zunächst die Ankunft in Port Elizabeth, dem heutigen Gqeberha, ganz im Süden des Kontinents. Es war die Zeit des Diamantenfiebers, weshalb sich auch Paclt in die Gegend des heutigen Kimberley aufmachte.
„Zu den Diamantenfeldern fuhr er mit einer Karre, die von acht Mauleseln gezogen wurde. Es handelte sich um fast 700 Kilometer. Die letzten vier Tage ging Paclt zu Fuß – in einer Zeit, in der niemand in Südafrika zu Fuß unterwegs war. Sogar arme Menschen reisten etwa mit einem Ochsen. Darüber schrieb der Tscheche in seinen Briefen. Er packte also seine Tasche, kaufte beim Händler Zonenberg alles Nötige ein und brach in Richtung des Flusses Vaal auf. Diese ganze Reise beschreibt Paclt in einem wirklich fesselnden, fantastischen und langen Brief.“
Tatsächlich habe der Abenteurer dann auch drei Diamanten gefunden, fährt Šli fort. Aber es habe weitergehen müssen:
„Paclt hatte eine unruhige Seele, sie zog ihn immer weiter. Er konnte nicht lange an einem Ort bleiben. Also reiste er direkt nach Norden weiter. Er wollte unbedingt zum Fluss Sambesi gelangen und entlang der Strömung nach Mosambik bis zum Indischen Ozean gehen.“
Die erträumte Strecke hätte dann am Meeresufer entlang wieder zurück nach Südafrika geführt. Aber Paclt stieß an seine Grenzen. Šli berichtet:
„Wirklich nur er allein, zwei Hunde und ein Ochse durchliefen die ganze Wüste Kalahari und kamen bis an das Sambesi-Ufer. Dort stellte Paclt aber fest, dass sein Plan, bis zum Meeresufer zu laufen, absolut undurchführbar war. Aber was tat er? Er drehte um, nahm seinen Rucksack und ging zu Fuß zurück – 1200 Kilometer Luftlinie, eine unglaubliche Leistung.“
Zwiespältige Beziehung zu Emil Holub
Zurück in den Diamantenfeldern erfuhr Čeněk Paclt, dass sich dort inzwischen ein weiterer Tscheche aufhielt, nämlich ein junger Arzt. Es sei niemand Geringerer als der bis heute berühmte Afrikaforscher Emil Holub gewesen, hebt Šli hervor. Beide hätten sich zunächst sehr angefreundet, zusammengearbeitet und viele Abende verbracht, indem sie Pfeife rauchten und über Politik debattierten...
„Mit der Zeit kam es aber, wie ich glaube, zu einem Generationskonflikt. Dies besagen auch die Informationen, die ich von Historikern bekommen habe. Paclt war damals 60 und Holub erst 25 Jahre alt. Zudem scheint es außerdem einen Zusammenprall der Persönlichkeiten und der jeweiligen Weltsichten gegeben zu haben. Holub hatte sich von Kindheit an darauf vorbereitet, ein Entdecker zu werden. Er wollte Afrika von Süd nach Nord durchreisen und große Dinge erreichen. Paclt hatte keine solchen Sehnsüchte. Er wollte einfach frei sein. Wenn ihm an einem Tag einfiel, dass er zum Meer wollte, dann ging er eben los.“
Und so trennten sich die Wege der beiden Tschechen. Dass Paclt oft über lange Strecken allein unterwegs war, barg natürlich auch gewisse Risiken. Šli schildert:
„Um das Essen musste er sich wenig Sorgen machen. Er hatte eine Flinte und einen verlässlichen Revolver bei sich und war ein guter Schütze. Also erlegte er immer eine Antilope oder einen Vogel und bereitete sie zu. Aber das Wasser war öfter ein Problem. Mehrmals verabschiedete sich Paclt schon vom Leben. Wenn die Sonne über dem verdorrten Afrika unterging und er sich verdurstend verkroch, schickte er einen Kuss in die Böhmischen Länder. Denn er war ein Patriot und hatte sein Heimatland gern. Allerdings ging es immer gut aus, und es fand sich jemand, der helfen konnte.“
Auf diese Weise habe Paclt etwa auch ein Brüderpaar namens Taich kennengelernt, für das er im Folgenden eine Diamantenmine geleitet habe, so Šli.
Trotz des strapaziösen Lebens in wilder Natur wurde Čeněk Paclt 73 Jahre alt. Sein genaues Todesdatum ist jedoch nicht bekannt. Und auch der Name des tschechischen Weltenbummlers ist fast in Vergessenheit geraten. Wie hat Martin Šli von ihm erfahren?
„Ich hatte von ihm natürlich auch keine Ahnung. Erst mein Kollege und enger Freund Jiří Neumann, mit dem ich nach Afrika reise und auch Filme mache, hat mich zu Paclt geführt. Er sagte, er habe von einem gewissen Čeněk Paclt gelesen, der ein recht interessanter Typ gewesen sein muss. Also habe ich mich an die Recherche gemacht und erkannt, dass Jiří wirklich auf eine Person gestoßen war, die vielleicht nicht bewundert werden sollte – aber die es verdient hat, nicht vergessen zu werden. Denn Paclt war eine ganz einzigartige Erscheinung unter allen tschechischen Abenteurern.“
Suche nach dem Grab
Martin Šli und Jiří Neumann ist daran gelegen, dass an Paclt nicht nur im eigenen Land erinnert werden soll, sondern auch in seiner letzten Wahlheimat. Neben dem Dokumentarfilm „Čeněk Paclt. Poslední husita v Africe“ (Čeněk Paclt. Der letzte Hussite in Afrika) haben die beiden Reisenden jene Stelle markiert, an dem ihr Vorgänger wahrscheinlich seine letzte Ruhe fand.
„Paclt schreibt in seinen Briefen, er habe mit einem der Taich-Brüder verabredet, dass sie einen Grabstein für ihn anlegen werden. Wir sind uns nicht sicher, ob dies wirklich umgesetzt wurde. Als Paclt in seinem Zelt am Vaal gestorben war, wurde er von seinem Freund Hermann Jeppe gefunden. Dieser schreibt nichts von einem Begräbnis. Also haben wir den Ort gesucht, an dem Paclt dennoch beerdigt sein könnte. Wir fanden das Diamantenfeld Keiskamma am Fluss Vaal und auch einen alten Friedhof, von dem nur noch ein Steinkreis geblieben ist. Jedes Jahr legt das Hochwasser das Flussufer frei. Also haben wir dort ein Kreuz aufgestellt, das wir aus Europa dort hingebracht haben.“
Damit hätten sie ihrem Landsmann einen Gedenkort gewidmet, unterstreicht Martin Šli.
Der Dokumentarfilm „Čeněk Paclt. Poslední husita v Africe“ (Čeněk Paclt. Der letzte Hussite in Afrika) hatte am 20. Oktober seine Premiere, als er im Prager Náprstek-Museum gezeigt wurde. Weitere Vorführungstermine sind derzeit nicht bekannt.
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