„Eine sehr bereichernde Zeit“: Das Praktikum für Deutsche im tschechischen Abgeordnetenhaus

Von links: Fabian Möpert, Bianca Brendel und Petr Valenta

Im tschechischen Abgeordnetenhaus gibt es für deutsche Hochschulabsolventen seit zehn Jahren die Möglichkeit, Praktika zu absolvieren. Was ist aus den ehemaligen Teilnehmern geworden? Und wie ist es heute um das Programm bestellt? Radio Prag International hat darüber mit drei Gästen gesprochen. Petr Valenta leitet das Referat für Kommunikation und Bildung des Parlamentarischen Instituts des Abgeordnetenhauses. Fabian Möpert arbeitet als Wirtschaftsexperte bei Germany Trade and Invest und ist dort für Polen, Ungarn, Tschechien und die Slowakei zuständig. Bianca Brendel hat gerade den deutsch-französischen Master in Geschichtswissenschaften der Universität Heidelberg und der sozialwissenschaftlichen Hochschule EHESS in Paris abgeschlossen und ist derzeit Praktikantin im Abgeordnetenhaus.

Fabian, du warst vor zehn Jahren einer der beiden ersten deutschen Praktikanten im Abgeordnetenhaus. Warum hast du dich auf das Programm beworben?

Universität Leipzig | Foto: falco,  Pixabay,  Pixabay License

Möpert: „Wenn ich zurückschaue, würde ich sagen, es war die perfekte Gelegenheit zum richtigen Zeitpunkt. Ich habe damals noch an der Universität in Leipzig studiert und wurde von einer Kommilitonin auf die Ausschreibung aufmerksam gemacht. Also habe ich mich beworben – einfach auf gut Glück. Ich war sehr erfreut, dass es dann tatsächlich geklappt hat und ich einer der beiden ersten Stipendiaten sein und an diesem Experiment damals teilnehmen durfte.“

Bianca, du bist seit Oktober im Abgeordnetenhaus. Was war der Grund, warum du dich beworben hast?

Brendel: „Dieses Praktikum ist in der deutsch-tschechischen Welt sehr bekannt. Es wurde mir jahrelang von mehreren Alumni und weiteren Stellen empfohlen. Nach dem Master war nun der perfekte Zeitpunkt, es einmal zu versuchen. Ich hatte ein wenig Angst, ob das Programm überhaupt stattfinden wird, wegen der Wahlen im Oktober. Ich bin sehr froh, dass dem so ist und ich nun hier sein darf.“

Petr, wie kam die Initiative für das Praktikum im tschechischen Parlament vor zehn Jahren zustande?

Markéta Pekarová Adamová | Foto: Zuzana Jarolímková,  iROZHLAS.cz

Valenta: „Damals hat eine Delegation des deutschen Bundestages das tschechische Parlament besucht. Sie haben angesprochen, dass junge Tschechen die Möglichkeit haben, ein Praktikum im Bundestag zu absolvieren, während es für deutsche Studierende keine vergleichbare Möglichkeit gibt. Also haben wir in der Kanzlei des Abgeordnetenhauses mit den Vorbereitungen begonnen, und kurz darauf ist das Programm ins Leben gerufen worden. Seit der Gründung 2015 hat immer der jeweilige Präsident oder die Präsidenten des Abgeordnetenhauses die Schirmherrschaft über das Praktikum.“

Das Vorbild war also das Internationale Parlaments-Stipendium im deutschen Bundestag?

Valenta: „Ja. Obwohl das IPS-Programm natürlich nicht nur für Studenten aus der Tschechischen Republik, sondern für Menschen aus der ganzen Welt offen ist.“

Markéta Pekarová Adamová | Foto: Zuzana Jarolímková,  iROZHLAS.cz

Welche Bedingungen müssen Interessenten erfüllen?

Valenta: „Die Bewerber müssen die deutsche Staatsbürgerschaft haben, mindestens einen Bachelorabschluss besitzen, und sie sollten auch zumindest über Grundkenntnisse der tschechischen Sprache verfügen. Denn ohne diese ist es im Parlament schwierig.“

Wie viele Menschen haben das Programm bisher absolviert?

Valenta: „Seit 2015 haben wir 26 Absolventen. Viele von ihnen sind noch immer in den deutsch-tschechischen Beziehungen aktiv, und manch einer arbeitet sogar für die deutschen Sendungen des Tschechischen Rundfunks.“

Damit meinst du sicherlich mich. Denn ich habe 2018 selbst das Praktikum absolviert, was für mich eine sehr spannende Erfahrung war. Man darf sich den Abgeordneten, bei dem man landet, nicht selber aussuchen. Fabian, in welchem Büro hast du gearbeitet? Und was waren die spannendsten Eindrücke dort?

Bundestag | Foto: betexion,  Pixabay,  Pixabay License

Möpert: „Insgesamt fand ich die Zeit damals sehr bereichernd. Die erste Begegnung mit meinem Abgeordneten, der damals Vorsitzender des Sicherheitsausschusses war, fand noch in Berlin in der tschechischen Botschaft beim Auswahlverfahren statt. Schließlich wählte er mich für sein Büro aus. Ich habe außerdem mit Petr Valenta und dem Sekretär des Sicherheitsausschusses zusammengearbeitet. Im Wesentlichen habe ich meinen Abgeordneten viel begleitet. Er war auch Mitglied im Europaausschuss. Sicherheit und Europa – das waren Themen, bei denen auch die deutsch-tschechische Zusammenarbeit eine Rolle spielt, etwa in den Bereichen Polizei und Feuerwehr. Ich habe zum Beispiel zu Themen in Deutschland recherchiert, durfte den Abgeordneten aber auch auf zwei Reisen begleiten. Einmal ging es in den Sächsischen Landtag, das andere Mal in den deutschen Bundestag. Dort kam es auch zu einem Treffen mit der Deutsch-Tschechischen Parlamentariergruppe. All dies war sehr spannend.“

Warst du auch im Wahlkreis deines Abgeordneten?

Foto: Miloš Turek,  Radio Prague International

Möpert: „Er hat mich einmal dorthin mitgenommen, das war in Olomouc. Er hat mir die Arbeit im Wahlkreis vermittelt und mir natürlich auch seine Heimatstadt gezeigt. Ich glaube, allein der Austausch untereinander auf sprachlicher Ebene war für beide Seiten bereichernd.“

Das heißt, du hast viel Tschechisch gelernt?

Möpert: „Ja, absolut. Und umgekehrt war es für meinen Abgeordneten, glaube ich, durchaus hilfreich, dass ich in deutschen Quellen zu bestimmten Themen recherchieren konnte.“

Was hat dir das Praktikum für deine weitere berufliche Laufbahn gebracht?

Foto: Kateřina Ayzpurvit,  Radio Prague International

Möpert: „Ich denke tatsächlich sehr oft daran zurück. Jetzt, mit zehn Jahren Abstand, würde ich sagen, dass ich sehr viel mitgenommen habe aus dieser Zeit. Etwa, was das Grundverständnis des politischen Systems in Tschechien angeht, wie der Parlamentarismus im Land funktioniert. Das sind Dinge, die ich bis heute in meiner täglichen Arbeit nutzen kann. Dank der guten Organisation von Petr Valenta hatten wir damals zudem sehr viel Begleitprogramm. Wir sind zu anderen tschechischen Institutionen gefahren, wie etwa zum Regierungsamt und dem Außenministerium, wo wir mit verschiedenen Leuten gesprochen haben. Das eine ist also das Wissen, das man mitgenommen hat. Das andere sind die Kontakte und Freundschaften aus dieser Zeit, von denen viele bis heute bestehen. Das sind Dinge, die auf der Metaebene sehr lange nachwirken und dem Programm einen unglaublichen Mehrwert geben.“

Von links: Fabian Möpert,  Petr Valenta und Bianca Brendel | Foto: Barbora Navrátilová,  Radio Prague International

Bianca, was war für dich bisher die größte Überraschung in deiner Zeit im Abgeordnetenhaus?

Brendel: „Die größte Überraschung ist, wie niederschwellig man mit den ganzen politischen Figuren in Berührung kommt. Wenn ich in die Bibliothek oder in die Kantine gehe, halten mir Leute die Tür auf, die ich sonst nur aus dem Fernsehen oder aus Zeitungsberichten kenne. Da stockt einem mitunter ein wenig der Atem. Manchmal muss man sich auch an den Presseteams vorbeidrängen, die die Türen belagern, durch die man zur Arbeit geht. Gerade ist ja eine sehr aufregende Zeit, und man ist hier direkt am Puls der politischen Entwicklungen. Es ist schon verrückt, wie schnell man Zugang findet. Ich denke, das liegt auch an den deutlich kleineren Dimensionen. Der Bundestag ist ja sehr groß. Aber hier ist alles viel nahbarer, und man ist viel näher am Geschehen dran.“

Du bist in einer spannenden Zeit Praktikantin. Denn gerade fand die konstituierende Sitzung des Abgeordnetenhauses statt, und der Parlamentspräsident wurde gewählt. Warst du bei diesen Sitzungen dabei?

Tschechisches Abgeordnetenhaus | Foto: Michaela Danelová,  Tschechischer Rundfunk

Brendel: „Ja, ich habe von der Besuchertribüne aus zugeschaut. Das war natürlich sehr prägend, weil es ja auch schon ein bisschen meine Zukunft mitentschieden hat, wer Vorsitzender wird. Am Anfang saßen die Abgeordneten noch alle alphabethisch nebeneinander. Sich all die Reden anzuhören, das war sehr aufregend. Natürlich mache ich mir auch Gedanken, wie es jetzt weitergeht und wie sich das Klima im Land verändern wird. Aber was das Praktikum angeht, blicke ich eigentlich sehr positiv in die Zukunft. Das von Fabian erwähnte Begleitprogramm gibt es immer noch. Der Austausch ist auch nach zehn Jahren immer noch auf demselben Niveau.“

Petr, hast du noch Kontakt zu den ehemaligen Praktikanten? Gibt es manchmal Rückmeldungen von den Absolventen?

Valenta: „Ja, mit vielen bleibe ich in Kontakt. Vor einem Jahr gab es ein Treffen der ehemaligen Absolventen. Ich war sehr froh, dass ein Drittel der Ehemaligen dafür nach Prag kam. Wir haben über die einzelnen Karrieren gesprochen. Das war ein sehr netter Austausch.“

Wann wird es die nächste Ausschreibung geben?

Valenta: „Ich denke, 2026 wird das Praktikum wieder im Herbst stattfinden. Wir werden also vermutlich vor dem Sommer die Ausschreibung veröffentlichen.“

Das Praktikum geht immer zwei bis drei Monate. Bianca, weißt du schon, was danach für dich kommt?

Brendel: „Ich konnte das Praktikum zum Glück zwischen Studienabschluss und Berufsbeginn einschieben. Ab Januar geht es für mich ins deutsch-tschechische Grenzgebiet, in den Bayerischen Wald. Ich werde ein wissenschaftliches Volontariat in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg beginnen und natürlich dort mein deutsch-tschechischen Engagement weiterführen.“