Eishockey-Junioren-WM: Tschechien startet mit Sieg und Niederlage

Tschechische Mannschaft (Foto: ČTK / Jaroslav Ožana)

Seit dem zweiten Weihnachtstag ist in Tschechien die diesjährige Junioren-Weltmeisterschaft im Eishockey in vollem Gange. Die Titelkämpfe werden im mährischen Ostrava / Ostrau und im schlesischen Třinec ausgetragen. Den Turnierauftakt in der Gruppe B, in der sowohl Tschechien als auch Deutschland spielen, hat Radio Prag in Ostrau live verfolgt. Zudem können Sie ein Interview mit dem deutschen Spieler Lukas Reichel lesen.

Tschechische Mannschaft (Foto: ČTK / Jaroslav Ožana)

Tschechien - Russland (Foto: ČTK / Jaroslav Ožana)
An der Eishockey-Weltmeisterschaft der Unter-Zwanzigjährigen (U20) nehmen zehn Mannschaften teil. Sie spielen zunächst in zwei Gruppen mit je fünf Teams. Hierbei geht es vor allem darum, nicht Fünfter und Letzter der Gruppe zu werden. Denn die beiden Schlusslichter tragen im finalen Teil des Turniers einen direkten Vergleich aus, dessen Verlierer danach in die zweithöchste Division absteigt. In diesem Jahr scheint die Gruppe B die schwierige zu sein, in ihr sind mit Rekordweltmeister Kanada (17 Titel), Russland (13 Titel) und den USA (vier Titel) gleich drei Schwergewichte des Pucksports vertreten. Dazu spielt in dieser Gruppe mit Deutschland ein ambitionierter Neuling sowie Tschechien. Deshalb war es den Gastgebern besonders wichtig, gut ins Turnier zu starten. Im Eröffnungsspiel des Championats mussten die Schützlinge von Cheftrainer Václav Varaďa dabei gegen Russland antreten. Vor ausverkauftem Haus in der Ostravar Aréna entwickelte sich eine packende Partie mit einer sehr spannenden Schlussphase. Am Ende siegte Tschechien mit 4:3.

Libor Zábranský (Foto: ČTK / Jaroslav Ožana)
Den großartigen Erfolg über einen der großen Turnierfavoriten hat sich die tschechische Mannschaft in der Tat hart erkämpft. Das bestätigte nach der Begegnung auch ihr Kapitän Libor Zábranský:

„Das war ein wirklich schweres Spiel für uns. Ich denke, jeder von uns ist jetzt völlig ausgelaugt. Doch wir haben uns zusammengerauft, das Match gewonnen und damit gezeigt, dass wir auch gegen ein starkes Team wie Russland bestehen können. Wir haben uns mit allem, was in uns steckt, in diese Prüfung geworfen, und das hat uns meiner Meinung nach den Sieg beschert.“

Ein nicht zu überhörender Faktor für den Erfolg waren aber auch die Zuschauer. Sie füllten die Halle im Stadtteil Vítkovice bis auf den letzten Platz, und die übergroße Mehrzahl der 8700 Fans feuerte die Heimmannschaft über die gesamte Spieldauer frenetisch an. Von dieser Stimmung war auch Jan Myšák begeistert – der Torschütze zum zwischenzeitlichen 2:0. In der tschechischen Liga spielt der 17-Jährige für den Traditionsverein HC Verva Litvínov:

„In der Extraliga habe ich mit Litvínov vielleicht dreimal hier in Vítkovice gespielt, doch nie sei die Arena so voll wie heute. Das ist einfach super.“

Lukáš Dostál (Foto: ČTK / Jaroslav Ožana)
In ihrer zweiten Begegnung trafen die jungen Tschechen am Samstag auf die deutsche Mannschaft. Auch hier wollten sie den Heimvorteil nutzen und mit der Unterstützung der Zuschauer den zweiten Sieg einfahren. Doch es kam anders, die DEB-Mannschaft behielt mit 4:3 die Oberhand.

Das Team von Bundestrainer Tobias Abstreiter demonstrierte auch in seinem zweiten WM-Match seine Stärke vor allem in der Offensive. Gleich dreimal nutzte es eine numerische Überzahl zu Toren und überzeugte insgesamt mit Spielstärke und Selbstbewusstsein. Das wusste auch der tschechische Goalie Lukáš Dostál anzuerkennen:

„Wir haben gegen einen guten Gegner gespielt. Die deutsche Mannschaft hat schon in ihrem ersten Spiel gegen die USA gezeigt, dass sie mit den Weltbesten mithalten kann. Im heutigen Match ging es auf und ab, am Ende hat leider das schwache Unterzahlspiel gegen uns entschieden.“

Václav Varaďa (rechts). (Foto: ČTK / Jaroslav Ožana)
Der 19-jährige Dostál, der derzeit in der ersten finnischen Liga bei Ilves Tampere spielt, ist in Trainer Varaďas Augen der Top-Spieler und große Rückhalt für alle Vorderleute in der Mannschaft. Auch deshalb beantwortete der gebürtige Brünner die Frage nach der neuen Konstellation in der Gruppe relativ gelassen:

„Für uns hat sich nichts geändert. Wir spielen noch gegen die USA und Kanada, und da müssen wir die nötigen Punkte für das Weiterkommen holen.“


Lukas Reichel: Mein Traum ist es von klein auf, in der NHL zu spielen

Lukas Reichel (rechts). Foto: ČTK / Petr Sznapka
Die deutsche Junioren-Nationalmannschaft ist erst im vergangenen Jahr in die Top-Division ihrer Altersklasse aufgestiegen. Zur WM in Ostrau und Třinec ist Deutschland mit einem spielstarken Kader angereist und rechnet sich durchaus Chancen aus, die Klasse zu halten. Neben herausragenden Akteuren wie Moritz Seider oder Dominik Bokk, die bereits in Nordamerika beziehungsweise in Schweden spielen, stehen auch zwei Cracks im Aufgebot, die einen tschechischen Hintergrund haben. Es sind der Torhüter Tobias Ančička und der Stürmer Lukas Reichel, deren Väter aus Tschechien stammen und dort auch aktiv Eishockey gespielt haben. Das jüngere der beiden Talente ist der erst 17-jährige Lukas Reichel, der beim DEL-Club Eisbären Berlin unter Vertrag steht. Mit dem Sohn des einstigen deutschen Nationalspielers Martin Reichel entstand in Ostrau das folgende Gespräch:

Lukas Reichel (Foto: YouTube Kanal von Eisbären Berlin)
Lukas, es ist Ihre erste Junioren-Weltmeisterschaft, die noch dazu in Tschechien ausgetragen wird, dem Herkunftsland Ihres Vaters. Ist das etwas Besonderes für Sie? War es ein Thema in Ihrer Familie?

„Ich habe Tschechien oft besucht, als ich kleiner war. Jetzt ist das zeitlich schwieriger für mich, weil ich aktiv Eishockey spiele. Aber es ist schon etwas Spezielles für mich, auch wegen der tschechischen Fans, die als Eishockey-verrückt gelten. Es macht einfach Spaß, hier in einer großen Arena vor so vielen Zuschauern zu spielen. Es ist schön hier.“

Hat Ihr Vater Ihnen ein paar gute Tipps mit auf den Weg gegeben?

Robert Reichel (Foto: David Kalvas, Archiv des Tschechischen Rundfunks)
„Tipps eher nicht, aber er hat mir gesagt, ich solle einfach Spaß haben, mein Spiel machen und zeigen, was ich kann.“

Nun haben Sie aber nicht nur einen Vater, der früher gut Eishockey gespielt hat, sondern auch noch einen berühmten Onkel namens Robert Reichel. Er ist dreifacher Weltmeister und zudem mit Tschechien 1998 in Nagano Olympiasieger geworden. Meinen Informationen nach sprechen Sie leider kein Tschechisch. Ist es daher nicht schade, dass man sich mit solch einem Onkel nicht fließend unterhalten kann?

„Das stimmt. Ich habe meinen Vater daher auch schon gefragt, warum er mir nicht Tschechisch beigebracht hat. Ich habe ihn deswegen sogar gerügt. Robert kann allerdings ein bisschen Deutsch und wir beide mehr oder weniger Englisch, von daher können wir uns schon verständigen.“

Haben Sie von Ihrem Onkel auch schon mal den einen oder anderen Rat erhalten? Oder ist es aus den genannten Gründen noch nicht dazu gekommen?

„Früher, als ich noch kleiner war, da war das noch kein Thema. Jetzt habe ich ihn schon länger nicht mehr gesehen. Aber ich hoffe, das ändert sich bald, und wir können dann auch ein bisschen über Eishockey sprechen.“

Kristian Reichel (Foto: Michael Soldán, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)
Robert Reichel hat auch einen Sohn, er heißt Kristian. Mit Ihrem Cousin sind Sie aber sicher gut vernetzt, oder?

„Ja, das sind wir auf Social Media wie Instagram und anderen Kanälen.“

Kristian spielt Eishockey in der AHL. Berichtet er auch über sein Engagement in Nordamerika? Worüber tauschen Sie sich aus?

„Ich habe mich schon erkundigt, und er hat mir gesagt, dass die Konkurrenz in der dortigen Liga ziemlich brutal sei und die Spielweise in Übersee ganz anders sei als in Europa. Doch ihm gefalle es dort, und er gebe sein Bestes.“

Wäre dies auch ein Weg für Sie, oder ist für Sie der DEL-Spielbetrieb mit den Eisbären zurzeit das Maß aller Dinge?

„Momentan bin ich sehr zufrieden bei den Eisbären in Berlin. Aber was nächstes Jahr oder in zwei Jahren sein wird, das wird man dann sehen.“

Zum diesjährigen Saisonbeginn in der National Hockey League (NHL) haben mit Chicago und Philadelphia auch zwei Teams einen direkten Vergleich in Prag ausgetragen. Zuvor haben beide Mannschaften je ein Testspiel bestritten, die Chicago Blackhawks trafen dabei eben auf die Eisbären. Ich glaube, Sie haben in diesem Duell auch mitgespielt…

„Ja, habe ich.“

War das nicht ein großes Erlebnis für Sie, als 17-Jähriger schon gegen ein NHL-Team zu spielen?

„Das war schon ein Riesending für mich, gegen Patrick Kane und all die anderen Stars von Chicago zu spielen. Und das hat natürlich Spaß gemacht.“

Lukas Reichel (Foto: YouTube)
Soll Ihr Weg auch einmal dorthin führen?

„Mein Traum ist es schon von klein auf, irgendwann einmal in der NHL zu spielen. Ich denke, jetzt bin ich gerade auf einem ganz guten Weg, aber bis dorthin ist es noch ein Riesenschritt. Ich versuche ihn jedoch zu meistern, damit ich meinen Traum verwirklichen kann.“

Ein weiterer Schritt auf diesem Weg wäre es, wenn Sie hier in Tschechien eine gute Junioren-WM spielen würden. Und Sie wollen sicher dazu beitragen, dass man in Deutschland nicht nur über Fußball spricht, nicht wahr?

„Auf jeden Fall.“

Noch eine abschließende Frage: Ist denn der Name Reichel eine Verpflichtung oder eher eine Bürde für Sie?

„Ich trage den Namen in Ehren. Und ich werde versuchen, ihn wieder groß herauszubringen.“

Autor: Lothar Martin
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