Erste Daten erhoben: Ursachen und Folgen von Minderheitenstress bei LGBT+-Menschen in Tschechien

Seit Montag läuft in der tschechischen Hauptstadt die Prague Pride, das Festival der queeren Lebensformen. Nach zwei mageren Corona-Jahren gibt es am Samstag auch wieder den Regenbogen-Umzug durch die Innenstadt. Bis dahin laufen die ganze Woche über Konzerte, Drag Shows, Ausstellungen, Debatten und Vorträge – wie etwa der zum Thema Minderheitenstress und welche Folgen dieser für LGBT+-Menschen in Tschechien hat. Ein Forschungsprojekt des Vereins Queer Geography hat nämlich herausgefunden, dass die gesellschaftliche Stigmatisierung vor allem bei trans* Menschen hierzulande eine höhere Selbstmordrate verursacht.

Foto: Tom Bílý,  Prague Pride

Dreieinhalb Jahre lang hat Michal Pitoňák Daten gesammelt. Und dennoch sei dies, wie er betont, erst der Anfang für eine fundierte Forschung zur Lage der LGBT+-Menschen in Tschechien. Pitoňák ist nicht nur wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Nationalen Institut für seelische Gesundheit (NÚDZ), sondern auch Gründer und Vorsitzender des Think-Tanks Queer Geography. Dieser beschäftig sich soziologisch und pädagogisch mit allem, was nicht unter die Kategorie heterosexuell fällt. Bei seinem Vortrag anlässlich der Prague Pride erläuterte der Sozialgeograf einleitend:

„Sexualität wird heute schon als sehr komplexes Phänomen verstanden, das ein breites Spektrum hat. Es ist darum nicht einfach in Kategorien zu fassen, und immer noch lernen wir, damit in der Gesellschaft umzugehen. Sexualität hat verschiedene Ausmaße und ist ein gewisses Abbild der Vielfalt in der Gesellschaft.“

Michal Pitoňák | Foto: Barbora Linková,  Tschechischer Rundfunk

Wie und wie breitgefächert Sexualität aufgefasst wird, das werde in jeder Gesellschaft durch ihre Normen beeinflusst. In unseren Breiten gelte immer noch Heterosexualität als ausschlaggebende Norm, so die Erläuterung. Der Begriff Cis-Gender etwa, der in Deutschland bereits breite Anwendung in der öffentlichen Debatte findet, wird in Tschechien bisher fast nur in wissenschaftlichen und queeren Kreisen verwendet. Die mit cis bezeichneten Personen sind Menschen, deren Identität mit dem bei der Geburt festgestellten Geschlecht übereinstimmt, was in den allermeisten Fällen Männer und Frauen sind.

Wo es Normen gibt, da bestehen auch Abweichungen, und dann ist es nicht mehr weit zur Stigmatisierung. Dieser Begriff spiele im Zusammenhang mit Minderheitenstress eine wichtige Rolle, so Pitoňák:

„Über ein Stigma sprechen wir, wenn Unterschiede zwischen den Menschen nicht nur benannt werden – also etwa hetero- oder homosexuell –, sondern wenn den einzelnen Gruppen negative Eigenschaften zugeordnet werden.“

Dabei würden häufig Stereotype bemüht, etwa dass Promiskuität besonders unter Schwulen verbreitet wäre, so der Wissenschaftler weiter. Auf dieser Grundlage käme es zum sozialen Ausschluss und zur Diskriminierung. Als Beispiel führte Pitoňák die aktuelle Debatte um die Regenbogen-Ehe in Tschechien an, deren Gesetzesentwurf derzeit vom Abgeordnetenhaus geprüft wird. Stigmatisierung würden queere Menschen aber auch im zwischenmenschlichen Bereich, auf der Arbeit und selbst in der Familie erfahren, so der weitere Hinweis.

Umfrage unter 1800 LGBT+-Personen

Foto: Daniela Honigmann,  Radio Prague International

Bei seiner Präsentation zum Thema Minderheitenstress bei LGBT+-Menschen musste Pitoňák hingegen nicht mehr erklären, um welche Minderheiten es sich hierbei eigentlich handelt. Der Saal war gefüllt mit vorranging jungen Menschen aus der betreffenden Community. Die englische Abkürzung, die mitunter auch als erweiterte Form LGBTIQ+ genutzt wird, benennt Lesben, Schwule (im Englischen: gay), Bisexuelle, trans* und inter*sexuelle sowie queere Menschen. Das Plus deutet noch weitere Möglichkeiten genderfluider oder auch non-binärer Identitäten an.

An der Online-Umfrage, aus der Pitoňák seine Erkenntnisse zieht, haben Tschechien-weit knapp 1800 Personen mit all diesen sexuellen Identitäten teilgenommen. Eine der Ausgangsfragen, die sie beantwortet haben, erläuterte der Wissenschaftler so:

„Auf der persönlichen Ebene löst Minderheitenstress eine ganze Reihe von Prozessen aus. Am häufigsten handelt es sich dabei um das Verbergen der eigenen Identität. Unsere Studie ist dazu mehr ins Detail gegangen und verweist auf die Aspekte, die LGBT+-Menschen am häufigsten gemeinsam haben. Denn die Frage des Coming-out belastet alle in einer gewissen Weise. Und dies kann für jemanden auch Stress bedeuten.“

Weitere Fragen im Anfangsteil der Erhebung bezogen sich auf das Ausmaß der Angst vor Ablehnung, auf die Verinnerlichung der heterosexuellen Normen oder auch auf die Bedeutung der eigenen sexuellen Identität. Zum Zwischenergebnis sagt Pitoňák, der selbst mit einem Mann zusammenlebt:

„Dies sind alles Dinge, die uns LGBT+-Menschen verbinden. Die Studie hat bewiesen, dass wir alle, ungeachtet unserer Vielfalt, mehr oder weniger mit den gleichen Prozessen zu tun haben. Es ist wichtig, diese zu untersuchen, denn sie helfen zu verstehen, wie wir mit Minderheitenstress umgehen.“

Foto: Daniela Honigmann,  Radio Prague International

Es ist eben der Umgang mit Ausgrenzungserfahrungen, der Unterschiede zwischen den einzelnen Gruppen in der queeren Community aufzeigt. Psychische und seelische Erkrankungen seien keine Seltenheit, hatte Pitoňák schon in der Einleitung angekündigt. Mit den genaueren Angaben aus der Umfrage kam er nun auf das Hauptergebnis der gesamten Studie zu sprechen:

„Im ernsteren Teil der Studie widme ich mich einem Phänomen, das langsam auch bei uns wahrgenommen wird: dass es nämlich unter LGBT+-Menschen eine höhere Selbstmordrate gibt und dass dies ein großes Problem ist. Die Frage ist dabei, welche Faktoren zu einer größeren Bedrohung führen und ob die verschiedenen Formen von Minderheitenstress helfen, dies zu erklären.“

Äußere Faktoren führen zu höherer Selbstmordgefährdung

Foto: Daniela Honigmann,  Radio Prague International

Im Bereich der Psychiatrie würden oft nur die Probleme von Einzelpersonen behandelt, fährt der Sozialgeograf fort. Man müsse aber auch den Kontext und das Umfeld betrachten. Genau diese Perspektive würde seine Studie bieten. Dazu seien die Befragten in die Untergruppen eingeteilt worden, die eben die einzelnen Buchstaben LGBT kennzeichnen. Weiter erläutert Pitoňák:

„Auf dieser Grundlage können wir bestätigen, dass es vor allem trans* Personen und Menschen mit nicht eindeutiger Geschlechtszuordnung sind, die eine höhere Selbstmordrate haben als etwa Schwule und Lesben. Das gleiche gilt aber auch für sexuell anders orientierte Cis-Frauen, wiederum im Gegensatz zu Lesben oder bisexuellen Frauen.“

Sexuell anders orientierte Cis-Frauen sind dabei Menschen, die als Frauen geboren wurden, sich nun aber im Genderspektrum anders einordnen.

Illustrativesfoto: Wokandapix,  Pixabay,  CC0 1.0 DEED

Er höre in Gesprächen häufig, dass trans* Menschen doch nun einmal sehr spezifisch seien und dass sich so erklären ließe, warum bei ihnen eine größere Selbstmordgefahr herrsche, räumte Pitoňák ein – und widerlegte den Einwand sogleich. Es sei durch die Studie nämlich gelungen, äußere Faktoren zu finden, die auf diese Personengruppe aus ihrem sozialen Umfeld heraus großen Einfluss haben und zu einem besonderen Maße an Minderheitenstress führten. Insgesamt seien es vier:

„Wir haben also herausgefunden, dass in unserem Modell der Hang zum Selbstmord sehr deutlich verbunden ist mit einer heterosexistischen Druckausübung beziehungsweise gesellschaftlicher Ablehnung, also mit Minderheitenstress auf der zwischenmenschlichen Ebene. Des Weiteren mit Einsamkeit, die eine ganze Reihe von Prozessen nach sich zieht, einschließlich dessen, dass jemand seine Identität vor anderen verbirgt. Außerdem damit, dass eine seelische Erkrankung bereits behandelt wird – allerdings erfolglos, da sich ja die Selbstmordgefahr erhöht hat. Und letztlich mit einer fehlenden Unterstützung von Seiten der Familie.“

Gerade diesen letzten Punkt hatte der Wissenschaftler einleitend schon als ausschlaggebendes Argument dafür angeführt, dass LGBT+-Menschen besonders anfällig für Minderheitenstress seien. Angehörige ethnischer oder auch religiöser Minderheiten nämlich würden zwar auch Stigmatisierung in der Gesellschaft erfahren. Sie hätten aber immer den Rückhalt der Familie, die den betreffenden Menschen eben auch mit seiner besonderen Eigenschaft ausgestattet habe. Eine queere Person hingegen überrasche mit ihrem Coming-out oft selbst die eigene Familie, und deren Reaktion sei dann häufig eine weitere Ursache für Stress.

Liberale Gesetze verringern Hoffnungslosigkeit

Foto: Daniela Honigmann,  Radio Prague International

Mit der besonderen Stigmatisierung und psychischen Belastung begründete Pitoňák seine Forderung, trans* Menschen eine amtlich anerkannte Änderung ihrer Genderidentität zu ermöglichen, ohne dass dafür chirurgische Eingriffe notwendig sind. Allgemeiner gefasst ist sein Aufruf nach gesellschaftlichen Veränderungen und einer angepassten Gesetzgebung, die nun aus der Studie folgen müsse. Wiederum zog er das Beispiel einer Öffnung des Ehegesetzes heran:

„Wenn Politiker sagen, die Ehe solle für alle möglich sein und die Bevölkerung nicht in zwei Gruppen eingeteilt werden, dann delegitimieren sie Stigmatisierung und die Spaltung der Gesellschaft. So einfach ist das, und dies wird durch verschiedene Studien bestätigt.“

Als Beleg führte der Wissenschaftler Langzeituntersuchungen aus Schweden und den USA an. Deren Daten zeigen, dass eine liberale Ehegesetzgebung das Selbstmordrisiko unter LGBT+-Menschen senkt. Zur Erklärung fand Pitoňák recht einfache Worte:

„Wird ein neues Gesetz eingeführt, wie etwa die Ehe für alle, gibt das den Betroffenen Grund zur Hoffnung. Wenn man Menschen eine Zukunft gibt, haben sie weniger Gründe zur Hoffnungslosigkeit. Und gerade Hoffnungslosigkeit ist aber der Grund, warum sich jemand das Leben nimmt.“

Da dies allerdings langfristige Prozesse seien, die Betroffenen aber im Hier und Jetzt lebten, müsse es als zweite Handlungsmaxime auch die Hilfe auf individueller Ebene geben, ergänzte der Experte. Als Beispiel dafür verwies er auf eine ganze Reihe von Organisationen und Hilfsprogrammen in Tschechien, die sich an queere Menschen richten. Darunter ist nicht zuletzt auch die NGO Prague Pride, die mehr organisiert als nur das einwöchige Festival im Sommer. Vielmehr setzt sie sich mit Selbsthilfegruppen, Vernetzungsinitiativen im Wirtschaftsbereich oder Lobbyarbeit unter Politiker*innen das ganze Jahr über für gleiche Rechte der LGBT+-Menschen in Tschechien ein.

Foto: Tom Bílý,  Prague Pride

Das Nationale Institut für seelische Gesundheit hilft Betroffenen, professionelle Hilfe zu finden. Unter lgbt-zdravi.cz/pece gibt es eine öffentlich zugängliche Datenbank, die Adressen von Expert*innen überall in Tschechien sammelt.

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