Experte Papež: "Tourismus wird in Tschechien zu gering geschätzt"

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Die Erhöhung des unteren Mehrwertsteuersatzes zu Beginn dieses Jahres hat viele Wirtschaftszweige getroffen. Auch die Tourismusbranche fürchtet größere Absatzschwierigkeiten als zuletzt. Die Reisebüros, Hoteliers, Restaurantbesitzer und Eventveranstalter in Tschechien sind aber nicht nur deshalb von der Regierung enttäuscht. Sie hadern mit der stiefmütterlichen Behandlung durch die Politik. Und sie können nicht verstehen, dass nichts gegen den Sinkflug der staatlichen Fluggesellschaft ČSA unternommen wird.

Die Reisebüros in Tschechien und die ihnen angegliederten Einzelbereiche der Tourismusbranche fühlen sich im Stich gelassen - von der Politik im Allgemeinen und von der derzeitigen Regierung im besonderen. Jan Papež, Vizechef der Assoziation der Reisebüros beim Tourismusverband:

„Der Tourismus ist in Tschechien leider schon viele Jahre ein ziemlich unterschätzter Bereich. Das beginnt schon damit, dass wir dem Ministerium für Regionalentwicklung und nicht dem Ministerium für Industrie und Handel zugeordnet sind. Und das, obwohl der Tourismus ein Industriezweig ist. In diesem Zweig sind eine ganze Menge Leute beschäftigt und dieser Zweig kann dem Staat auch sehr viele Einnahmen bringen. Deshalb verstehen wir das so: Wenn wir unter das Dach des Ministeriums für Regionalentwicklung gestellt werden, dann betrachtet die Politik uns nur als regionale Angelegenheit. Aber diese Sichtweise lehnen wir ab, denn der Tourismus ist wirklich ein Industriesektor.“

Ein Sektor, in dem auch sehr viel Geld generiert wird. In Österreich trage die Branche mit nicht weniger als 20 Prozent zum Staatsaushalt bei, in Tschechien aber sind es lediglich fünf Prozent, erklärt Papež. Und der Tourismusexperte nennt auch gleich ein Beispiel dafür, wie die enormen Möglichkeiten der Branche vom Staat weitgehend ignoriert würden:

„Der Staat macht für das Land nicht die Werbung, die er machen könnte. Oder anders gesagt: Er baut gerade im Tourismussektor keine engeren Beziehungen zu den neuen Märkten auf. Nehmen Sie zum Beispiel China und Indien – zwei für uns sehr interessante Länder für den Inbound-Tourismus, dann sind die Aktivitäten des tschechischen Staates in diesen Ländern einfach zu gering. Dabei wäre gerade Prag für Gäste aus China und Indien ein hervorragendes Reiseziel. Doch was passiert? Der Staat bereitet den Bürgern dieser Länder unnötige Komplikationen bei der Erlangung ihrer Visa, so dass sie de facto nicht zu uns kommen können.“

Jan Papež
Radio Prag gegenüber erläutert Papež, das auch in dieser Hinsicht Deutschland und Österreich die bessere Alternative für Touristen aus China und Indien seien. So würden beispielsweise Inder, die eigentlich nach Tschechien reisen wollen, ihr Visum für den Schengen-Raum bei der deutschen Botschaft in Delhi beantragen, weil die tschechische Botschaft die Bearbeitung solcher Anträge ablehne, kritisiert Papež.

Ein weiterer Kritikpunkt, den Papež anspricht, ist der Zustand der nationalen Fluggesellschaft ČSA. Sie schreibt bekanntermaßen schon seit mehreren Jahren nur rote Zahlen, stürzt also immer tiefer ab. Für Papež sei es daher nicht nachvollziehbar, dass der Staat den Ursachen für den Sinkflug nicht nachgehe und beispielweise nicht ernsthaft hinterfrage, wie ČSA unter der Leitung von Jaroslav Tvrdík, dem ehemaligen sozialdemokratischen Verteidigungsminister, so in Grund und Boden gewirtschaftet werden konnte. Um wenigstens halbwegs effektiv zu arbeiten, hat ČSA in den zurückliegenden Monaten eine unrentable Linie nach der anderen vom Flugplan gestrichen. Allerdings ziemlich abrupt und ohne Vorankündigung, was den Reisebüros schwer zu schaffen mache, so Papež:

„Das Hauptproblem, das wir in den Beziehungen zur ČSA sehen, ist, dass ČSA Flüge streicht zu Destinationen, in die tschechische Touristen gern reisen. Vor allem aber, dass diese Flugverbindungen zu unpassender Zeit gestrichen werden. Wenn ČSA hingegen rechtzeitig ankündigen würde, dass man plane, diese und jene Verbindung zu kappen, dann würden die Reisebüros keine Kataloge mehr mit diesen Reisezielen drucken und auch keine Reisen an diese Orte mehr verkaufen.“

Dennoch, so Papež, werden die tschechischen Reisebüros auch auf dem Gebiet des Flugtransports Mittel und Wege finden, um ihren Kunden wieder stabile Angebote machen zu können:

„Die Konkurrenz auf den Flughäfen in Prag und Brünn ist bereits so stark, dass die Reisebüros daraus sicher ihren Nutzen ziehen werden. Ich denke, sie werden sich so orientieren, dass die durch ČSA bei einigen Destinationen aufgerissenen Lücken wieder geschlossen werden. Bestimmt wird sich die eine oder andere Fluggesellschaft finden, die jene Klienten übernimmt, die ČSA durch ihre Art abgeschreckt hat.“

Ein anderes Problem, das in Tschechien eigentlich als gelöst galt, wurde durch einen neuen Fall ziemlich unnötig wieder auf den Tisch gebracht: die volle Haftung der Versicherungen beim plötzlich Ruin eines Reisebüros. Nach dem Kollaps des Reisebüros Parkam Holidays hatte es nämlich die Versicherung Generali abgelehnt, den geschädigten Kunden des Reisebüros die entstandenen Unkosten in voller Höhe zurückzuzahlen. Generali argumentierte, dass man versicherungsrechtlich nur die Obergrenze der Summe auszahlen müsse, auf die das jeweilige Reisebüro seine Haftpflichtversicherung abgeschlossen habe. Das allerdings sei nur die halbe Wahrheit, meint Papež:

„Wir hatten gehofft, dass dieses Problem durch das Gesetz 159 gelöst sei. Über viele Jahre hat sich gezeigt, dass dieses Gesetz die richtige Lösung ist, denn die Touristen hatten selbst dann keine Sorgen, wenn ihr jeweiliges Reisebüro Pleite machte. Im Gegenteil, die Kunden hatten das gute Gefühl, auch für solch einen Fall ausreichend abgesichert zu sein. In letzter Zeit aber hat sich gezeigt, dass die Versicherungen das Risiko, das sich für sie mit der Übernahme des Versicherungsschutzes ergibt, ein wenig unterschätzt haben. Diese Verantwortung wollen sie nun loswerden. Aber ich denke, dass sich die Situation bald beruhigen wird und die Versicherungen begreifen werden, dass dies für sie immer noch ein gutes Geschäft ist.“

Papež rechnet also mit einem baldigen Einlenken der Versicherungen in der Frage des gesetzlich verankerten Versicherungsschutzes. Darüber hinaus hofft der Tourismusexperte ebenso, dass den schwarzen Schafen in der eigenen Branche viel energischer getrotzt wird:

„Es besteht für jedes Reisebüro die Pflicht, für alle Eventualitäten versichert zu sein. Aber es gibt immer noch einige Firmen, die im Reiseverkehr tätig sind, ohne eine Versicherung abgeschlossen zu haben. Das heißt de facto, sie bieten illegal Reisen an. Wir hoffen deshalb, dass der Staat in solchen Fällen härter durchgreift. Denn das Gesetz 159, nach dem Reiseverkehrsunternehmen zur Gewährleistung von Reisen versichert sein müssen, muss für alle gelten.“

Foto: Hans Thoursie, Stock.xchng
Ein weiteres Problem, was die Tourismusbranche derzeit gerade in Prag zu lösen hat, sind die ziemlich stark schwankenden Preise für Hotels in den höheren Kategorien. Dieses Problem aber sollte der Markt bald selbst lösen, glaubt Papež:

„Ich denke, das größte Problem liegt vor allem darin, dass beispielsweise derzeit in Prag fast 20.000 Betten mehr für eine Übernachtung angeboten werden als vergleichsweise in Wien. Das bedeutet, in Prag sind die Hotelkapazitäten in ganz wilder Weise ausgebaut worden, doch der Markt hat bereits signalisiert, dass es zu viele Betten gibt.“

In einem Industriezweig wie der Tourismusbranche, in der eh alles immer in Bewegung ist, werden sich diese und andere Probleme aber sicher auch in Zukunft relativ einfach aus dem Weg räumen lassen.


Dieser Beitrag wurde am 1. Februar 2012 gesendet. Heute konnten Sie seine Wiederholung hören.