Ferdinand Kindermann: Wiens Beauftragter für die böhmischen Schulen

Ferdinand Kindermann

Die böhmischen Länder gehörten bis 1918 zur habsburgischen Monarchie. Daher waren es auch die Reformideen der österreichischen Kaiserin Maria Theresa, die das Schulsystem auf dem Gebiet des heutigen Tschechiens beeinflussten. Ferdinand Kindermann, ein Priester und späterer Bischof von Litoměřice / Leitmeritz legte im Auftrag des Wiener Hofes die Grundlagen dieses Systems in Böhmen.

Ferdinand Kindermann
Man schrieb das Jahr 1740, als Maria Theresia den habsburgischen Thron bestieg. Im selben Jahr kam in der nordböhmischen Gemeinde Königswalde (Království u Šlunkova) Ferdinand Kindermann zur Welt. Er sollte später Maria Theresias großer Bewunderer werden. Die Familie Kindermanns war sehr religiös, alle drei Söhne wurden Ordensbrüder. Ferdinand begann seine Laufbahn als Chorsänger im augustinianischen Kloster in Sagan (heute in Polen). Dort begegnete er zahlreichen Mönchen, die den Ideen der Aufklärung anhingen. Sie begeisterten Kindermann für die Pädagogik, in der der junge Mann den besten Weg erblickte, dass allgemeine Wohl des Volkes zu erhöhen. Der junge Mann sehnte sich daher nach einer Ausbildung, er interessierte sich für Musik, Fremdsprachen und gesellschaftliches Geschehen. In Prag studierte er dann Theologie und erwarb 1766 einen Doktortitel.

Johann Nepomuk Buquoy
Als Priester wurde Kindermann als Dechant ins südböhmische Städtchen Kaplitz / Kaplice geschickt. Der dortige Landbesitzer, Johann Nepomuk Buquoy, wollte seine Herrschaft wirtschaftlich und kulturell verbessern. In vielen Dingen war Buquoy mit Kindermann einig und ließ ihm daher freie Hand, die Schulausbildung auf seinem Gebiet zu organisieren. Der Priester legte sich eifrig ins Zeug und innerhalb von drei Jahren errichtete er in Kaplitz eine Schule. Josef Hanzal hat sich als einer der wenigen Historiker mit der Person von Kindermann befasst. Er schreibt in seiner Monographie über den Priester:

„Die Aufgabe, die sich Kindermann vorgenommen hatte, war nicht einfach. Es war damals nicht üblich, die Kinder in die Schule zu schicken. Kindermann musste zunächst die Eltern überzeugen, dass die Ausbildung wichtig sei. Glücklicherweise konnte er mit der Unterstützung des Adeligen Buquoy und einigen Bürgerlichen rechnen. Kindermann arbeitete selbst einen festen Lehrplan aus: neben Lesen, Schreiben und Rechnen wurden auch Grundlagen von Geschichte, Geographie, Naturkunde und Musik unterrichtet. Die gemeinsame Ausbildung von Jungen und Mädchen war selbstverständlich. Eine wahre Neuheit waren die Praktika im Schulgarten, wo die Kinder moderne Erkenntnisse aus der Landwirtschaft kennenlernten. Neben Kindermann unterrichteten an der Schule noch zwei weitere Lehrer, unter ihnen ein Tscheche. Die Schule besuchten nämlich sowohl deutschsprachige, als auch tschechischsprachige Kinder.“

Allgemeine Schulgesetz (1775)
Kindermann blieb jedoch nicht lange in Kaplitz. Nachdem er seine Schule eröffnet hatte, trat 1775 in der Monarchie das Allgemeine Schulgesetz in Kraft, das auch eine Schulpflicht einführte. Der begeisterte Pädagoge wurde nach Prag berufen, um dort in der neu gegründeten Landesschulkommission zu arbeiten. Als Schulrat war er für so die genannten Normalschulen zuständig. Diese sollten sich in jeder Kreisstadt befinden und als Vorbild für ländliche Schulen dienen. Bemerkenswert ist, dass das Kriterium für die Einordnung eines Schülers in eine Schulklasse nicht sein Alter, sondern sein Talent war. Begabte Kinder konnten daher schneller vorankommen und innerhalb kürzerer Zeit mehr lernen. Kindermann legte großen Wert auf die Errichtung der Normalschule in Prag. Er besorgte ein großes Gebäude in der Prager Altstadt, gewann die besten Lehrer und übernahm die Schirmherrschaft. Zu den Aufgaben dieser Schule gehörten auch Kurse für Lehrer, Katecheten und andere Erzieher, die laut Gesetz eine Prüfung ablegen mussten. Anlässlich der Eröffnung der Prager Normalschule hielt Kindermann eine ausführliche Rede, in der er praktisch die künftige Schulpolitik in Böhmen skizierte. Unter dem Titel „Rede von dem Einflusse der niederen Schulen auf Lehr-, Nähr- und Wehrstand“ erschien sie auch in Schriftform. Josef Hanzal gibt ihre Hauptideen in seinem Buch wieder:

Foto: Karmeliter-Verlag Kostelní Vydří
„Kindermann war der Überzeugung, die Schule habe eine nicht zu ersetzende humanistische Sendung: sie solle den Schülern nicht nur Sachkenntnisse vermitteln, sondern auch zu Nachdenken, Verantwortungsbewusstsein und Disziplin erziehen. Er betonte die Notwendigkeit, Geschichte zu lehren, damit die jungen Menschen die wichtigen Zusammenhänge der gesellschaftlichen Entwicklung begreifen. Ein wichtiges Fach war auch die Muttersprache: so sollte der Wortschatz der Kinder vertieft und die Ausdrucksmöglichkeiten erweitert werden. Nachdem die Muttersprache gut beherrscht wurde, empfahl Kindermann das Lernen von Fremdsprachen. Er fand vor allem Latein wichtig, denn die klassische Kultur sei Grundstein der europäischen humanistischen Tradition. Im Geiste der Aufklärungsphilosophie behauptete er, das der Reichtum des Staates und seiner Bürger aus Wissen und Fleiß entstehe, wobei junge Menschen sich beides in der Schule aneignen müssten.“

Ein weiterer Verdienst von Kindermann war das Konzept der Industrieschule, das er in die Praxis umsetzte. Anlass war die schnelle Entwicklung der Manufakturen, vor allen in der Textilherstellung. Die Industrieschulen standen auf der gleichen Stufe wie die Normalschulen, waren jedoch praktisch orientiert. Sie dienten Kindern beider Geschlechter, doch die Mädchen überwogen. Das war ein echter Fortschritt, da der Ausbildung von Mädchen bislang fast keine Aufmerksamkeit gewidmet wurde. Von den Industrieschulen wurden später die Mädchenschulen abgetrennt. Dort hat sich der Unterricht auf so genannte Frauenarbeiten konzentriert. Das hatte auch eine wichtige soziale Bedeutung, da die Mädchen aus der Stadt dadurch leichter Arbeit finden konnten.

Maria Theresia
Kindermanns Arbeit wurde am Wiener Hof aufmerksam beobachtet - und sehr hoch geschätzt. Kaiserin Maria Theresia bedachte ihn mit persönlichem Lob und belohnte ihn auch finanziell. 1777 erlebte Kindermann gleich eine doppelte Anerkennung: Die Kaiserin erhob ihn in den Adelstand, wobei er sich selbst das Prädikat „von Schulstein“ auswählte. Dadurch wollte er seine Lebensaufgabe zum Ausdruck bringen. Zugleich wurde er zum Dechant beim Kapitel auf dem Prager Hradschin ernannt. Josef Hanzal merkt an, dass diese Stelle von großer politischer und wirtschaftlicher Bedeutung gewesen sei:

„Die Würde eines Dechanten garantierte Kindermann ständige Einnahmen durch zwei untergeordnete Dörfer: Choteč und Zbuzany. Dazu erhielt er in Choteč ein kleines Schlösschen und zusätzlich noch eine jährliche Rente von 300 Gulden. Seine Priestertätigkeit musste aber hinter seine Arbeit als Schulreformator zurücktreten. Er verfasste eine neue Schulordnung, die in allen Pfarrgemeinden eine so genannte „triviale“ Schule vorsah. Diese Schulen sollten allen Kindern elementare Bildung in ihrer Muttersprache vermitteln. Das „Trivium“ bedeutete Lesen, Schreiben und Rechnen. Je nach Möglichkeiten sollten weitere Fächer auf Deutsch unterrichtet werden. Die zuständige Herrschaft war verpflichtet, diese Schulen zu errichten und zu finanzieren. Zur Umsetzung dieser Idee standen Kindermann alle Beamten des Staates zur Verfügung. Trotz Schwierigkeiten in einigen Kreisen war die Reform erfolgreich, innerhalb von drei Jahren hat sich die Zahl der „trivialen“ Schulen in Böhmen verdreifacht.“

 Josef II.
1780 starb Maria Theresia und an ihre Stelle trat ihr Sohn Josef II. Obwohl er vieles an der Politik seiner Mutter änderte, rührte er die Schulreform indes nicht an. Er ernannte Kindermann zum Propst auf dem Prager Vyšehrad. Das dortige Kapitel erfreute sich traditionell einer außerordentlich herausragenden Position. Ihre Mitglieder waren von der Rechtskraft der Prager Erzbischöfe ausgenommen. Formell unterstanden sie dem Papst, praktisch standen sie jedoch eher im Dienste der Herrscher. Das Vertrauen des Kaisers wollte Kindermann natürlich nicht enttäuschen. Als oberster Schulinspektor in Böhmen überwachte er die Qualität der Schulen und die Ausbildung der Lehrer. Zusätzlich entstanden auf seine Initiative zahlreiche weitere Lehranstalten. So gründete er zum Beispiel im Dorf Žiletice, das zur Propstei Vyšehrad gehörte, die erste landwirtschaftliche Schule in der Monarchie. Im Jahr 1790 erreichte Kindermann im Alter von 50 Jahren den höchsten Posten seiner Karriere: Er wurde Bischof in Leitmeritz. Josef Hanzal beschrieb die Umstände seiner Ernennung:

Bischofswappen des Bischofs Ernst von Waldstein
„Als 1789 der Bischof Ernst von Waldstein starb, boten sich mehrere Kandidaten für seinen Sitz an. Die religiöse Hofkommission entschied sich schließlich für Kindermann. Grund waren gerade seine Verdienste um die Entwicklung des Schulwesens in Böhmen. Aber auch als Priester stellte er sich als sehr fähig heraus. Die Ernennungsmacht lag beim Kaiser, der sich laut einigen Berichten für Kindermann engagiert haben soll. Das ist aber umstritten, denn die Sache wurde ein paar Tage vor dem Tod des Kaisers verhandelt und dieser hatte sicher manch wichtigere Aufgabe. Die Unterschrift des Kaisers bedeutete noch keine persönliche Befürwortung. Was die Rolle des Papstes betraf, bestand sie damals nur in einer formellen Bestätigung, sie folgte ein paar Wochen nach der kaiserlichen Ernennung.“

Es wurde vorausgesetzt, dass Kindermann sich weiter der Schulthematik widmete. Er blieb tatsächlich oberster Schulinspektor, nur auf seine Stelle in der Landesschulkommission musste er verzichten. Aber er hatte auch so genug mit seinem Engagement zu tun: Er sorgte für die gründliche Ausbildung der Seminaristen, für die er in Leitmeritz eine Lehranstalt errichtete. Die begabten künftigen Priester schickte er zum Studium ins Ausland. Der Glauben hänge mit der Moral zusammen, diese mit der Bildung und diese wieder mit der Qualität der Priester, führte Kindermann an. Um zu zeigen, dass er das ernst meinte, besuchte er unermüdlich Pfarrgemeinden, laut historischen Aufzeichnungen bis zu 60 pro Jahr.

Ferdinand Kindermann war zu seiner Zeit eine sehr berühmte Person. Josef Hanzal berichtete, dass sich bei seiner Bischofsweihe in Leitmeritz Tausende Gläubige aus der weiteren Umgebung versammelten. Doch nicht überall herrschte Begeisterung. Bei der Weihe war kein Bischof aus Böhmen anwesend. Das wiederholte sich auch bei Kindermanns Begräbnis im Jahr 1801. Der Grund schien laut Historiker Hanzal klar zu sein: Der Schulreformator war unter den andren kirchlichen Würdenträgern nicht beliebt, denn er war ihnen eine zu eindrucksvolle Persönlichkeit. Darüber hinaus gehörte Kindermann den Freimauern an, 1792 trat er in die Prager Loge „Wahrheit und Einheit“ ein. Kaiser Rudolf sah darin kein Problem, die Kirche hielt es jedoch für eine unverzeihliche Sünde. Kindermann war also in vielerlei Hinsicht ein typischer Aufklärer seiner Zeit.