Festival im mährischen Städtchen Boskovice

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Unweit der mährischen Hauptstadt Brno/Brünn liegt das Städtchen Boskovice, das sich über Jahrhunderte zur drittgrössten jüdischen Enklave von Böhmen und Mähren entwickelt hatte, bereits Mitte des 16. Jahrhunderts als jüdische Siedlung bekannt. Die Existenz dieser Gemeinde beendete gewaltsam die Deportation von mehr als 400 jüdischen Bürgern durch die deutschen Nationalsozialisten während des Zweiten Weltkriegs, von denen nur eine Hand voll zurückkehrte. Einige Gebäude wurden nach dem Krieg wieder aufgebaut, vieles blieb jedoch dem Zerfall preisgegeben. Zur Rettung des Boskovicer jüdischen Stadtviertels und den dort existenten Kulturwerten wurde 1992 ein Festival iniziiert, das in den letzten Jahren bis zu 4000 Besucher hatte. Organisatorisch nahm sich des Festivals die erfahrene tschechische Kulturvereinigung UNIJAZZ an. Brigitte Silna weiss mehr.

Nun fand vom 11. bis 14. Juli das zehnjährige Jubiläum statt.

Im Gegensatz zu anderen Festivals sind hier die Programme nicht nur an Konzerte aller Genres gebunden, sondern präsentieren weitere kulturelle Möglichkeiten. Diesmal wurden überaus interessante Ausstellungen geboten, wobei die grossformatigen, der Drogen-Problematik gewidmeten Schwarz-Weiss-Fotos von Jindrich Streit noch bis zum 18. August und die verblüffenden farbigen Momentaufnahmen von Martin Kollar aus dem slowakischen Alltagsleben 2001 bis zum 4. August im Boskovicer Museum erlebbar sind.

Weiterhin gab es Vorführungen ganzer Spielfilme, Dokumentarfilme, Präsentationen von Filmschulen sowie Animationsfilme für Jung und Alt. Vorwiegend auf der Boskovicer Burg zeigten bei Sonnenschein und Regen unterschiedlichste Theatergruppen mit z.T. phantasievoller Improvisation ihre Kunst. Interessant waren die gewählten Themen der Vorlesungen und anschliessenden Diskusionen - zum Judaismus, zu Gender und Feminismus und zum Kampf der amerikanischen Indianer um ihre Existenzberechtigung. Das letztere Thema wurde durch die Tänze und das Punk-Rock-Konzert der bekannten Jones Benally Family aus Arisona vom Volk der Navarro-Indianer ergänzt. Übrigens treten die drei Benally-Geschwister als BLACK FIRE Band am Dienstag, den 16. Juli, noch einmal in Prag auf.

Ansonsten gaben auch weniger bekannte oder neu gegründete interessante Bands und Kapellen für die angereisten Gäste aller Altersstufen ihr Bestes.

Cestmir Hunat, Chefmanager der Kulturvereinigung UNIJAZZ und über 10 Jahre für den Festivalablauf verantwortlich, erklärt uns die Konzeption:

"Die Konzeption des Festivals besteht im eigenen Suchen der Besucher, was sie sehen möchten. Sie müssen sich zwischen mehreren Alternativen entscheiden. Das erinnert mich etwas an unsere Generation, als wir keinen Zugang zu Informationen und Konzerten hatten. Wir mussten das suchen und finden, was uns gefiel. Dieses Festival basiert z.B. nicht auf Stars. Die Leute kommen hier her und kennen z.T. die Namen der Künstler gar nicht, aber "riskieren" sozusagen die Reise und können etwas Neues entdecken."

Autor: Brigitte Silna
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