Der Adel von nebenan: Ein Rundgang durch das Schloss Boskovice

Das Schloss im mährischen Boskovice / Boskowitz ist nicht nur aufgrund seiner Baugeschichte anders als andere: Denn das Adelsgeschlecht Mensdorff-Pouilly bewohnt das Anwesen noch heute. Aber auch Touristen können den Prachtbau mit seiner beeindruckenden Treppenhalle und den üppig ausgestatteten Zimmern besuchen.

Foto: Ondřej Tomšů,  Radio Prague International

Der Schlüsselbund von Milan Vaněrka ist groß und schwer. Nicht ohne Grund, ist er doch der Kastellan des Schlosses von Boskovice. Zu seinem Job gehört auch, Führungen durchzuführen. Vaněrka zeigt etwa die prächtige Bibliothek, verschiedene Jagdtrophäen an den Wänden, ein Rokoko-Puppentheater, aber auch den Dachboden des Hauses. Die Rundgänge mit dem Kastellan, sie unterscheiden sich von vielen üblichen Schlossbesichtigungen etwa durch ihre Länge. Drei Stunden lang nimmt Vaněrka die Besucher mit. Doch es gibt noch mehr Besonderheiten, erklärt er im Interview für Radio Prag International:

„Die Führungen mit mir laufen ein wenig anders ab. Ich halte mich nicht so sehr an den Text, der sonst erzählt wird. Jeder Gästeführer bei uns hat ein speziell angepasstes Skript. Und alle müssen gut kommunizieren können. Vielleicht haben Sie ja gemerkt, dass ich keine Jahreszahlen aufsage und nicht jedes einzelne Gemälde beschreibe. Es geht uns eher um das Erzählen der Geschichte des Schlosses, der Räumlichkeiten und der Bewohner.“

Das Schloss Boskovice – Milan Vaněrka kennt es wie seine Westentasche. Aber was ist an der Anlage so besonders? Wie unterscheidet sie sich von den anderen, über 100 Schlössern in Tschechien?

„Das Gebäude ist nicht aus dem Umbau eines Barock- oder Renaissance-Schlosses oder einer Burg entstanden. Vielmehr handelt es sich sozusagen um einen ‚Neubau‘ aus dem 19. Jahrhundert im Stil des Empire. Derartige Schlösser sind nur sehr selten der Öffentlichkeit zugänglich.“

Foto: Ondřej Tomšů,  Radio Prague International

Ein kompletter „Neubau“ ist das Schloss dabei nicht, entstand es doch aus einem Kloster, das hier, auf einem Hügel über der Stadt Boskovice, im 17. Jahrhundert erbaut wurde. 1819 bis 1826 erfolgte schließlich der Umbau zum Schloss unter dem Adelsgeschlecht Dietrichstein. Wenige Jahrzehnte später ging die Anlage an die Familie Mensdorff-Pouilly über. Dieses weitverzweigte Geschlecht stammte ursprünglich aus der französischen Region Lothringen, später lebte die Familie auch in Österreich – und nicht nur da, sondern auch in Tschechien. Die Familienmitglieder wohnen – mit Unterbrechung – bis heute im Schloss. Das sei absolut einmalig, meint Milan Vaněrka:

„Für andere Burgen oder Schlösser in der Umgebung gilt nicht, dass die Besitzer direkt dort wohnen. Die Besucher von Boskovice können die Grafenfamilie aber wirklich treffen. Sie bewegen sich ganz normal im Schloss, dem Innenhof oder dem Schlosspark und gehen den Touristen nicht aus dem Weg. Wir sind also kein totes Objekt, das lediglich als Museum fungiert, nein, hier lebt es wirklich noch.“

Kein Museum, sondern ein lebendiges Haus

Foto: Ondřej Tomšů,  Radio Prague International

Drei Vertreter des Geschlechts Mensdorff-Pouilly wohnen dauerhaft im Schloss, wenn sie nicht gerade in Wien oder Prag sind…

„Die Besucher können die gräfliche Familie treffen, seien es Ferdinand oder Gabriele von Mensdorff-Pouilly. Graf Hugo kann man mitunter auch an der Kasse sehen. Das ist etwas Einzigartiges, was man auf staatlichen Schlössern vergeblich sucht.“

Dass die Adeligen direkt vor Ort sind, habe noch einen weiteren Vorteil:

„Sie fahren hier nicht nur zu Besuch her oder um die Einnahmen zu überprüfen. Sie leben wirklich mit dem Gebäude und haben auch Ideen für Umbauten. Ferdinand zum Beispiel hat viele Pläne für den Schlosspark. Er soll nicht nur für die Besucher, sondern auch für potentielle Vermietungen des Schlosses funktioneller werden.“

Außerdem werden in einem leerstehenden Teil des Schlosses Gästewohnungen gebaut, und geplant ist auch eine neue Heizungsanlage. Der Adel spricht zudem Tschechisch oder lernt die Sprache derzeit. Hugo Mensdorff-Pouilly, der 1929 in Boskovice geboren wurde, beherrscht Tschechisch perfekt.

Nach der Enteignung kam die Holzfäule…

Foto: Ondřej Tomšů,  Radio Prague International

Als die Nationalsozialisten 1939 Böhmen und Mähren besetzen, gerät auch das Adelsgeschlecht Mensdorff-Pouilly ins Visier – unter anderem weil Alfons-Karl Graf von Mensdorff-Pouilly eine Erklärung des tschechischen Adels gegen Hitler unterzeichnet hatte. Das Schloss gibt die Familie zunächst nicht her. Nach dem kommunistischen Putsch 1948 sei es aber von der Regierung konfisziert worden, so Milan Vaněrka:

„Das Schloss wurde 1952 verstaatlicht. Ein sehr kleiner Teil wurde der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Drei Viertel des Gebäudes nutzte man als ein Internat der pädagogischen Mittelschule. Dafür wurde das Schloss entsprechend angepasst – oft nicht adäquat.“

So wurden Wände entfernt oder eingezogen und elektrische Heizungen eingebaut. Mitte der 1970er Jahre gab es den nächsten Schicksalsschlag für das Gebäude: „1975 wurde Holzfäule an den Decken zwischen dem ersten und dem zweiten Stock sowie auf dem Dachboden festgestellt“, meint Vaněrka.

Foto: Ondřej Tomšů,  Radio Prague International

Im gesamten Gebäude befanden sich Holzdecken und -balken. Zur Nutzung als Internat waren jedoch zahlreiche Sanitärräume eingerichtet worden, die anscheinend nicht ordnungsgemäß geplant wurden…

„Die Decken wurden ständig durchfeuchtet. Dadurch waren Pilze entstanden. Wegen dieses Hausschwamms mussten die gesamten hölzernen Decken entfernt werden. Ersetzt wurden sie damals durch eine Lösung aus Eisenbeton.“

In den 1970er und 1980er Jahren wurden so zwei Drittel des Schlosses komplett umgebaut. Nach der Samtenen Revolution sei der Bau schließlich in den Besitz der Familie Mensdorff-Pouilly zurückgekehrt, berichtet Vaněrka:

Neuanfang nach der Samtenen Revolution

Foto: Ondřej Tomšů,  Radio Prague International

„Als die Restitutionen möglich wurden, machten fünf Brüder und Schwestern ihre Ansprüche geltend: Hugo und seine vier Geschwister. Graf Hugo feiert in diesem Jahr seinen 93. Geburtstag, er war also schon damals recht alt. Die Geschwister kümmerten sich um das Gebäude. Die 50 Jahre Vernachlässigung konnten nur sehr schwer wieder aufgeholt werden.“

Man dürfe sich nicht vorstellen, dass die Familie auf das Schloss zurückgekehrt sei und wie zuvor weitergelebt hätte, meint Milan Vaněrka. Bewohnbar sei zu diesem Zeitpunkt nämlich nur eine einzige bescheidene Wohnung gewesen, nämlich die das Kastellans. In den 1990er Jahren wurden dann spartanische Einzimmerappartements eingerichtet. Dort kam die Familie unter, wenn sie sich um das Gebäude kümmern wollte. Milan Vaněrka sagt aber auch:

„Mit der Zeit entstanden hier Wohnungen zum Leben, und im Prinzip läuft dieser Prozess auch heute noch. Teile des Schlosses, die während der kommunistischen Zeit für das kleine Museum umgebaut wurden, um die Holzfäule zu bekämpfen gestalten wir nach und nach um. Entstehen sollen neue Wohnflächen für die Familie und ihre Besucher.“

Foto: Ondřej Tomšů,  Radio Prague International

Milan Vaněrka ist seit 2019 der Kastellan der privaten Schlossanlage. Ein Problem bereitete nach seinem Antritt die Corona-Pandemie, weil mit einem Mal gar keine Besucher mehr kamen. Das Portfolio des Schlosses hat sich seitdem erweitert. Von den Touristen allein könne man das Gelände nicht mehr unterhalten:

„Wir zielen nicht nur auf den gängigen Besucherbetrieb ab. Vor allem nach der Corona-Pandemie haben wir unser Angebot für Vermietungen zu Hochzeiten ausgebaut: von der Trauung im Schlosspark, dem Hauptsalon oder der Sala terrena bis hin zur Komplettvermietung mit Festessen und Disko bis spät in die Nacht.“

Zudem möchte man Firmenkunden gewinnen, die das Schloss für Veranstaltungen mieten. Auch bei Aktionen für die Öffentlichkeit werden die Räumlichkeiten genutzt. Das Kulturamt der Stadt organisiert zudem im Gewächshaus des Schlosses eigene Veranstaltungen.

Die Öffnungszeiten des Schlosses Boskovice finden Sie unter http://www.zamekboskovice.cz/en.

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