Festivalgründer Rudy Linka und sein Bohemia Jazz Fest feiern Jubiläum

Rudy Linka (Foto: Tomáš Vodňanský, Archiv des Tschechischen Rundfunks)

Rudy Linka ist ein weltweit anerkannter Jazzgitarrist. Er wurde 1960 in Prag geboren, lebt aber seit 1985 in den Vereinigten Staaten. Rund 20 Jahre später begann sich Linka in seiner alten Heimat wieder stärker zu engagieren, unter seiner Federführung entstand 2005 das mittlerweile sehr populäre Bohemia Jazz Fest (BJF). Dieses Festival feiert derzeit sein zehnjähriges Jubiläum. Rudy Linka steht daher in diesen Tagen erneut im hiesigen Rampenlicht.

Rudy Linka (Foto: Tomáš Vodňanský, Archiv des Tschechischen Rundfunks)
Rudy Linka, das heißt auch BJF, und das Bohemia Jazz Fest ist ohnehin gleichzusetzen mit dem 55-jährigen Musiker. Als er dieses einzigartige Festival vor zehn Jahren ins Leben rief, da legte er ihm eine Idee zugrunde, die bis heute gilt. Rudy Linka:

„Das Festival ist so konzipiert, dass die Konzerte stets auf historischen Marktplätzen stattfinden. Die Architektur auf den zentralen Plätzen in tschechischen Städten ist einfach verblüffend und phantastisch. Auf der anderen Seite ist sie auch sehr statisch, daher ist meiner Meinung nach der Jazz geradezu prädestiniert, diese Statik mit Leben zu erfüllen. Denn Jazz ist alles andere als statisch, doch er muss von Musikern interpretiert werden, die etwas Originelles tun, und zwar im Moment ihres Auftritts.“

Bohemia Jazz Fest (Foto: Archiv Centrum Bohemia Bavaria)
Die Ausrichtung eines unter dem Dach des Festivals stehenden Jazzkonzerts ist heiß begehrt, doch kaum mehr als ein Dutzend Städte in Böhmen und Mähren hatten bisher das Glück, Gastgeber einer Konzertveranstaltung des Jazz Festes zu sein. Laut Linka wird sich daran auch vorerst nichts ändern:

„Es ist wirklich nicht einfach und erst recht nicht ohne weiteres möglich, das Festival auszudehnen angesichts des Budgets, das uns zur Verfügung steht. Denn wenn wir die Qualität in allen Städten, wo die Musiker auftreten, aufrechthalten wollen, dann kann das Festival nicht expandieren, um überall zu spielen. Das ist einfach nicht möglich.“

Linka: „Es ist wirklich erstaunlich zu sehen, wenn vor der Kulisse der historischen Bauten auf dem Altstädter Ring in Prag gespielt wird, wie viele Zuschauer kommen und welch tolle Atmosphäre dann hier herrscht.“

Dennoch hätten sich einige Städte bewährt und als Orte herauskristallisiert, wo eine vorzügliche Konzertatmosphäre herrsche, betont Linka:

„Es ist wirklich erstaunlich zu sehen, wenn vor der Kulisse der historischen Bauten auf dem Altstädter Ring in Prag gespielt wird, wie viele Zuschauer kommen und welch tolle Atmosphäre dann hier herrscht. Auch Liberec hat einen wunderschönen Marktplatz, von dem aus man ein Konzert sehr gut verfolgen kann. Doch jeder Platz hat sein eigenes Flair, und entsprechend unterschiedlich ist auch die Konzertatmosphäre. Dessen sind wir uns erst im vergangenen Jahr vollkommen bewusst geworden, nachdem der amerikanische Jazzgitarrist und Komponist John Scofield in drei verschiedenen Städten aufgetreten ist – in Pilsen, Liberec und Zlín. Jedes Konzert war völlig anders, obwohl Scofield und Band stets das gleiche Repertoire gespielt haben.“

Foto: pal2iyawit, FreeDigitalPhotos.net
Trotz der Vielzahl von schönen Veranstaltungsplätzen gibt es jedes Jahr für ihn ein Problem, das er mit viel Geschick und Diplomatie zu händeln habe, ergänzt Linka:

„Alle wollen in Prag spielen! Es liegt dann an mir, ihnen zu erklären, dass sie stattdessen in Tábor, Brünn oder Liberec spielen werden. Doch ich kann sagen: Es ist noch nie passiert, dass jemand der Musiker gesagt hätte, ihm würde es da oder dort nicht gefallen. Im Gegenteil, alle sind regelrecht begeistert, was sich vor dem jeweiligen Podium abspielt. Der Run auf den Veranstaltungsort Altstädter Ring in Prag aber ist stets am größten. Deshalb haben wir in diesem Jahr gleich drei Konzertabende nach Prag vergeben.“

Earth Wind & Fire Experience (Foto: YouTube)
In Prag steigt auch die offizielle Party zum Jubiläumsfestival, es ist das Konzert von Earth Wind & Fire Experience am 14. Juli. Dabei werde es einen großen Zuschauerandrang geben, glaubt Linka. Der 55-Jährige, der Anfang der 1980 Jahre über Deutschland nach Schweden emigrierte, in Stockholm Komposition studierte, bevor er 1985 nach Boston in die USA übersiedelte, freut sich aber ebenso auf das Prager Konzert am Mittwoch, dem 15. Juli:

„Ich werde gemeinsam mit Bill Frisell auf der Gitarre spielen. Bill Frisell ist ein genialer Jazzgitarrist, und außerdem tritt er mit genau dem Schlagzeuger auf, mit dem auch ich zusammenspiele. Ich habe ihn an der Musikhochschule in Boston kennengelernt, als ich 25 Jahre alt war. Er ist mein bester Freund und ich freue mich sehr auf ihn.“

Berklee College of Music in Boston (Foto: Tim Pierce, Wikimedia CC BY-SA 3.0)
Die Tatsache, dass er nicht nur am Stockholm Music Institute und am Berklee College of Music in Boston studiert habe, sondern sich danach auch immer besser in die New Yorker Jazzszene einfügte, hätte ihm sehr viele Kontakte beschert, die er jetzt als Festivaldirektor des Bohemia Jazz Festes vorteilhaft nutzen könne, sagt Linka. Dennoch reiche der Bekanntheitsgrad allein nicht aus, um gute bis sehr gute Musiker für die Konzerte in Böhmen und Mähren zu verpflichten, gesteht der Tschecho-Amerikaner:

„Ich kann mit Fug und Recht sagen: Die Mehrzahl der Musiker, die beim Jazz Fest auftreten, kenne ich persönlich. Es sind zumeist auch schon sehr lange Beziehungen, die ich mit ihnen pflege. Doch dann kommt der Manager des Musikers oder der Band ins Spiel und weist die mündliche Zusage seiner Klienten erst einmal zurück. Ich treffe eine Vereinbarung mit ihm, doch das wird später von dessen Agentur abgelehnt. Ich muss erneut verhandeln, und auch dann dauert es noch eine Zeitlang, bis alles in trocknen Tüchern ist. Die Musiker für einen Auftritt beim Jazz Fest zu verpflichten, ist also keine leichte Sache. Der Grund ist plausibel. Diese Leute haben viele Möglichkeiten und können folglich auswählen.“

Louis Armstrong (Foto: Wikimedia Public Domain)
Es gibt aber auch die andere Seite der Medaille, auf der steht, dass Festivalchef Linka ebenso nicht alle Interpreten und Bands einlädt, die ihm empfohlen werden. Es habe beispielsweise schon mehrfach Anfragen über den Info-Link der Webseite des Festivals bohemiajazzfest.cz gegeben, bei denen danach gefragt wurde, warum beispielsweise nicht häufiger auch Big Bands auftreten, die Glen-Miller-Hits interpretieren. Oder aber, weshalb man noch nicht die tollen Musiker eingeladen habe, die auf der Prager Karlsbrücke so hervorragend Louis-Armstrong-Songs spielen. Dazu gibt Linka eine klare Antwort:

„Ich bin der Erste, der sofort sagt: Ich liebe Louis Armstrong. Er war ein ausgezeichneter Musiker. Das Problem aber, das ich damit habe, ist dies: Armstrong lebt nicht mehr. Auf dem Bohemia Jazz Fest hatten wir indes so gut wie noch nie eine Kapelle, die irgendjemanden kopiert. Gut, einmal war es der Fall, doch jene Musiker waren Extraklasse und machten ihre Sache sehr, sehr gut. Damit will ich sagen, beim Festival treten keine Musiker auf, deren Repertoire dem Museum entlehnt sein könnte. Das Festival soll aber kein Museum sein, sondern vielmehr Musikern vorbehalten sein, die den Moment ihres Auftritts dazu nutzen, um frank und frei aufzuspielen.“

Linka: „Zehn Jahre sind im Jazz eine verdammt lange Zeit, denn in diesem Genre ist es mithin nicht leicht, zu überleben. Wir haben aber diese zehn Jahre nicht nur überlebt, sondern sind zudem noch ständig gewachsen.“

Von dieser Sorte Musiker hat es bereits mehr als Einhundert gegeben, die sich beim Bohemia Jazz Fest ein Stelldichein gegeben haben – und dies in nur zehn Jahren. Etwas überrascht von der Schnelllebigkeit unserer Zeit, aber auch zu Recht mit Stolz blickt Festivaldirektor Linka anlässlich des Jubiläums auf die vergangene Zeit zurück:

„Zehn Jahre sind im Jazz eine verdammt lange Zeit, denn in diesem Genre ist es mithin nicht leicht, zu überleben. Wir haben aber diese zehn Jahre nicht nur überlebt, sondern sind zudem noch ständig gewachsen, was die Zuschauerzahlen, was die Zahl der Städte und der Konzerte betrifft.“

Während des Jubiläumsfestivals kommen weitere zehn Konzerte in acht tschechischen Städten hinzu. Und die 17 Bands aus acht Ländern, die bereits gespielt haben oder noch auftreten werden, sollten erneut sehr viele Zuschauer anlocken. Die Veranstalter rechnen mit mindestens 90.000 Besuchern insgesamt. Rudy Linka ist da sogar noch etwas optimistischer:

Luboš Andršt (Foto: Archiv von Luboš Andršt)
„Ich finde, das tschechische Publikum ist das Beste auf der Welt. Und das meine ich ganz ehrlich.“

Die Jazzfans aus Tschechien und unter den Touristen des Landes sind auch schon gespannt, was Rudy Linka beim Festival musikalisch abliefern wird, diesmal – wie schon erwähnt – gemeinsam mit dem US-Gitarristen Bill Frisell. Vor zwei Jahren, beim BJF 2013, ist Linka bereits beim Festival aufgetreten, und zwar mit den tschechischen Gitarrenvirtuosen Luboš Andršt und dessen Band.

Autor: Lothar Martin
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