Finanzieller Zuschlag reizt viele Tschechen zur Nachtarbeit

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Vor einer Woche veröffentlichte das Tschechische Statistikamt (ČSÚ) das Ergebnis einer Analyse zur Nachtarbeit in Tschechien. Die Daten verblüfften, denn es stellte sich heraus: Fast jeder sechste Festangestellte in Tschechien arbeitet in der Nacht. Der Anteil der Arbeitnehmer, die hierzulande zwischen 22 und 6 Uhr tätig sind, beträgt 16,2 Prozent. Dieser Anteil liegt um 1,6 Prozent über dem EU-Durchschnitt.

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Die Nachtarbeit in Tschechien ist gesetzlich geregelt. Sie darf pro Nacht nicht länger als 8 Stunden am Stück dauern und ist in der Regel auf die Fünf-Tage-Arbeitswoche begrenzt. Arbeitnehmer, die sie durchführen, werden vorher ärztlich untersucht. Die Tauglichkeitsbescheinigung erfüllt indes nur eine formelle Notwendigkeit, bemerkt der Chefarzt der Prager Uniklinik für Arbeits- und Reisemedizin, Evžen Hrnčíř:

„Auch bei Menschen, die völlig gesund sind, kann es durch stetige Nachtarbeit zu Störungen im Lebensrhythmus, zu gewissen Verdauungsstörungen oder psychischen Problemen, zu Müdigkeitsgefühl und Unwohlsein kommen.“

Jaroslav Šlehober  (Foto: ČT24)
Jaroslav Šlehober ist Technologe der Pilsener Urquellbrauerei. In dem berühmten Unternehmen, in dem das Pilsener Bier nonstop gebraut wird, arbeitet er seit 40 Jahren vorwiegend in der Nachtschicht. Der Unterschied zu seinen frühen Jahren sei wirklich zu spüren, sagt Šlehober:

„Im Alter schläft man nicht mehr so gut: Früher war das anders, da hat man auch noch am Nachmittag geschlafen.“

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Dennoch nehmen viele Tschechen und Tschechinnen die Nachtarbeit relativ gern auf sich. Der Hauptgrund dafür ist die bessere Bezahlung. Per Gesetz wird zugesichert, dass der Staat 20 Prozent des Tagessatzes zuzahlt. Wenn bei hoher Auftragslage, wie besonders in der Vorweihnachtszeit, zusätzliche Nachtschichten vereinbart werden, zahlen die Unternehmen zumeist noch einmal 20 Prozent mehr. Neben der Arbeit in Krankenhäusern, in sozialen Einrichtungen sowie auch im Sicherheitsbereich, wird hierzulande auch häufig in der verarbeitenden Industrie, in Restaurants sowie in Hotels und Pensionen nachts gearbeitet. Für die stereotype Arbeit an Fließbändern und anderen Taktstraßen sei es indes nicht leicht, sehr schnell Personal zu gewinnen, sagt der Direktor der Personalfirma Recruitment Academy, Milan Novák:

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„Für den logistischen Bereich zum Beispiel gelingt es uns, Arbeitnehmer für eine Tagesschicht binnen drei bis fünf Tagen zu finden. Für eine Nachtschicht aber dauert es etwas länger.“

Dennoch nimmt Tschechien beim Anteil der Nachtarbeit an der Gesamtbeschäftigung unter den 28 Mitgliedsländern der Union damit den neunten Platz ein. In besonders hohem Maße tragen dazu die Frauen bei. In Tschechien arbeiten 13,3 Prozent der weiblichen Beschäftigten auch nachts, der EU-Durchschnitt liegt indes bei 10 Prozent. Mehr Nachtarbeit verrichten lediglich die Slowakinnen und die Irinnen. Die tschechischen Männer hingegen liegen mit dem Anteil von 18,4 Prozent genau im europäischen Mittelmaß.