Für kürzere Arbeitszeiten und gerechten Lohn

Andrej Babiš, Josef Středula (Foto: ČTK)

Die Gewerkschaften fordern kürzere Arbeitszeiten und mehr Mindestlohn. Politik und Wirtschaft sind dagegen.

Andrej Babiš, Josef Středula (Foto: ČTK)
Beim Treffen ihres Dachverbandes ČMKOS haben sich die tschechischen Gewerkschaften selbstbewusst gezeigt. Dass man auch immer optimistischer die geballte Faust emporstrecken könne, bestätigt Verbands-Vize Vít Samek. Denn in seinen Augen werden die Arbeitnehmervertreter in Tschechien immer wichtiger:

„Derzeit gehören unserem Dachverband 29 Gewerkschaften an. Es dürften aber noch weitere dazukommen, die Beschäftigten treten verstärkt unseren Organisationen bei. Tatsächlich ist es so, dass sich immer mehr Menschen an uns wenden. Denn bei der derzeit guten Wirtschaftslage versuchen manche Arbeitgeber, unfair gegenüber ihren Angestellten zu sein. Diese erheben sich aber immer öfter und versuchen sich zu wehren.“

Wehren sollen sich die Beschäftigten vor allem gegen die weiterhin niedrigen Löhne in Tschechien. Josef Středula wurde am Wochenende als ČMKOS-Chef wiedergewählt:

„Wir haben die Geduld bereits verloren. Tschechien ist sehr leistungsstark, unser Bruttoinlandsprodukt liegt mittlerweile bei 90 Prozent des EU-Durchschnitts. Unsere Löhne liegen aber nicht einmal bei 30 Prozent. Zögern sollte man da nicht mehr.“

Foto: Michal Polášek, ČRo
Bei dem Kongress am Samstag in Prag ging der Blick der Gewerkschafter diesmal vor allem in eine Richtung – und zwar nach Deutschland und Frankreich. Die deutschen Metaller haben nämlich erst kürzlich eine Reduzierung der Wochenarbeitszeit erreicht, bei Bedarf auf 28 Stunden. Das soll auch für Tschechien ein Vorbild sein, die Gewerkschaften wollen die Wochenarbeitszeit hierzulande von 40 Stunden auf 37,5 drücken. Schon jetzt sei das in einigen Branchen ein Erfolgskonzept, so Středula:

„Wir haben bereits erreicht, dass in 77 Prozent der Tarifverträge, die in den vergangenen Jahren abgeschlossen wurden, eine 37,5-Stunden-Woche verankert ist. Wir wollen, dass das aber nicht nur da der Fall ist, wo die Gewerkschaften aktiv sind. Ideal wäre eine flächendeckende gesetzliche Regelung.“

Die Arbeitgeber halten erwartungsgemäß nicht viel von dem Vorstoß. Jaroslav Hanák leitet den einflussreichen Industrie- und Verkehrsverband. Er warnt vor Arbeitszeitverkürzungen, und zwar ebenfalls mit Blick auf Deutschland:

„Laut der aktuellen Abmachung ist es deutschen Arbeitnehmern möglich, ihre Wochenarbeitszeit freiwillig auf 28 Stunden zu drücken. Das bedeutet aber gleichzeitig ein Minus beim Lohn.“

Was Hanák aber unterschlägt: In der Bundesrepublik soll es für die betroffenen Arbeitnehmer eine Kompensation geben, beispielsweise wenn sie sich in der Zeit um pflegebedürftige Verwandte oder ihre Kinder kümmern.

Für den geschäftsführenden Premier Andrej Babiš (Partei Ano) steht eine gesetzliche Arbeitszeitverkürzung ebenfalls nicht zur Debatte. „Bei der guten Wirtschaftslage und dem Fachkräftemangel besteht an einer Arbeitszeitverkürzung sowieso kein Interesse“, so der Regierungschef.

Jaroslav Hanák (Foto: Filip Jandourek, Archiv des Tschechischen Rundfunks)
Weniger Arbeit war aber nicht das einzige Thema der Arbeitnehmervertreter. Sie pochen weiterhin auf einen höheren Mindestlohn in Tschechien, er soll schon ab Januar mindestens 13.700 Kronen (538 Euro) im Monat betragen. Immerhin ist Tschechien bisher mit 12.200 Kronen (479 Euro) fast Schlusslicht in Europa. Auch in dieser Frage hält sich aber die Begeisterung der Arbeitgeber in Grenzen. Immerhin signalisierte Jaroslav Hanák vom Industrieverband minimale Dialogbereitschaft.