Floorball-WM in Prag: Lob für Organisation, sportlich aber keine Medaille

Foto: ČTK / Michal Kamaryt

In Prag ist am Sonntag die 12. Floorball-Weltmeisterschaft der Männer zu Ende gegangen. Den Gastgebern brachte vor allem die gute Organisation der Titelkämpfe viel Lob ein und die Besucherzahlen brachen alle Rekorde. Das Wichtigste fehlte jedoch, denn auch diesmal konnte die tschechische Mannschaft zu Hause keine Medaille gewinnen.

Matěj Jendrišák (links). Foto: ČTK / Michal Kamaryt
Die tschechischen Floorballer haben bei der Heim-WM in Prag ihr sportliches Ziel verfehlt. Sie wollten auf jeden Fall eine Medaille gewinnen, doch am Ende belegten die Schützlinge des finnischen Trainers Petri Kettunen nur den undankbaren vierten Platz. Im Spiel um Bronze unterlagen sie am Sonntag der Schweiz mit 2:4. Entsprechend getrübt war die Laune von Kapitän Matěj Jendrišák:

„Wir sind sehr enttäuscht. Wir wollten eine Medaille, haben sie aber nicht. Das ist eindeutig ein Misserfolg.“

Schon bei den zwei vorangegangenen Weltmeisterschaften im eigenen Land saßen die Tschechen bei der Siegerehrung nur auf der Zuschauertribüne. 1998 kamen sie nicht über den sechsten Platz hinaus, vor zehn Jahren reichte es ebenfalls nur zu Platz vier.

Diesmal sollte der Bock aber endlich umgestoßen werden. Eigens dafür absolvierte die Mannschaft kurz vor der WM noch ein Trainingscamp auf Teneriffa. Doch gleich im Auftaktspiel gegen Deutschland zeigte sich, dass Training und Wettkampf zwei verschiedene Paar Schuhe sind. Die Spieler um Kapitän Jendrišák konnten ihre sichtbare Nervosität nur allmählich abstreifen. Nach dreimaligem Rückstand dominierten sie dann aber ab der Hälfte der Spielzeit und gewannen das Match noch deutlich mit 10:5. In der zweiten Partie war Lettland der Gegner. Die Balten nutzten die Schwächephasen der Gastgeber konsequent – und gewannen mit 4:3. Nach der Pleite resümierte Jendrišák:

Matěj Jendrišák: „Wir sind sehr enttäuscht. Wir wollten eine Medaille, haben sie aber nicht. Das ist eindeutig ein Misserfolg.“

„Wir haben in der Offensive enttäuscht und zu viele Chancen ausgelassen. Unser Selbstbewusstsein ist jetzt natürlich stark angekratzt. Auf der anderen Seite haben wir einen Tag Zeit, uns wieder aufzurappeln und dann zu zeigen, was wirklich in uns steckt. Denn bisher sind wir unter unseren Möglichkeiten geblieben.“

Nach diesem Dämpfer geriet die tschechische Mannschaft unter Druck. Denn im letzten Gruppenspiel wartete mit der Schweiz der stärkste Gegner. Und bei einer erneuten Niederlage drohte den Gastgebern schon im Viertelfinale das Aufeinandertreffen mit Finnland oder Schweden, also einem der beiden WM-Favoriten. Von Depression aber keine Spur, der Kapitän gab sich vor der Partie kämpferisch:

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„Uns ist klar, dass unsere Begegnungen mit Deutschland und Lettland nicht perfekt waren. Unsere Leistung entsprach bei Weitem nicht dem, was wir wirklich können. Von daher wollen wir jetzt die Schweizer schlagen.“

Einen Tag vor dem Duell mit den Eidgenossen bekamen die Tschechen zudem unerwartete Schützenhilfe vom Nachbarn: Deutschland bezwang das lettische Team mit 4:3. Dadurch hatten die Hausherren den zweiten Tabellenplatz sicher und konnten mit einem knappen Sieg sogar Gruppensieger werden. Diese Chance packten die Männer von Trainer Kettunen beim Schopf und gewannen das Spiel gegen die Schweiz mit 6:4. Torwart Lukáš Souček war hochzufrieden:

„Wir haben endlich sehr gut in der Abwehr gestanden und im Passspiel kaum Fehler gemacht. Wir haben wirklich sehr abgeklärt gespielt und verdient gewonnen.“

Adam Delong freut sich nach seinem Tor (Foto: ČTK / Michal Kamaryt)
Großen Anteil an diesem Sieg hatte Stürmer Adam Delong, der die Hälfte der sechs Tore schoss. Der 22-Jährige wusste seine Steigerung auch zu erklären:

„Das ist im Grunde darauf zurückzuführen, dass ich meine innere Ruhe wiedergefunden habe. Ich habe mich inzwischen an die WM-Atmosphäre gewöhnt und bin nicht mehr so nervös. Mir ist es gelungen, mich vor den Treffern gut in Position zu bringen. Doch manchmal war wohl auch etwas Glück dabei.“

Der tschechische Motor, der vordem noch stotterte, war endlich in Gang gekommen. Im Nu war auch das Selbstvertrauen zurück, dass die tschechischen Spieler bis dahin vergeblich suchten. Im Viertelfinale brachten sie ihr Können dann voll zur Geltung, das 10:1 über Dänemark war eine klare Sache. Co-Trainer Radek Sikora zog dieses Fazit:

Patrik Dóža (links). Foto: ČTK / Ondřej Deml
„Dieses Spiel haben wir so gemeistert, wie wir es uns vorgenommen hatten. Nicht ganz zufrieden sind wir lediglich mit dem ersten Drittel, in dem wir schnell 2:0 führten, danach aber sehr kompliziert gespielt haben. Das haben wir uns in der Pause klargemacht. Zudem brachen die Dänen immer mehr ein, was kein Wunder ist, denn sie bestritten schon ihr fünftes Spiel binnen fünf Tagen.“

Angreifer Patrik Dóža blickte indes schon voraus auf die nächste Partie:

„Unsere Formkurve geht nach oben. Jetzt haben wir ein Tag Pause, um uns auf das Halbfinale vorzubereiten. Dort müssen wir unser Level weiter anheben. Das wird zwar nicht einfach, doch wir müssen uns noch steigern, wenn wir erfolgreich sein wollen.“

Im Halbfinale traf Tschechien auf Titelverteidiger Finnland. Die von Dóža geforderte Top-Leistung war das eine Mittel, um dem großen Favoriten beizukommen. Das zweite Faustpfand aber sollten die Zuschauer sein, die ihr Team in jeder Begegnung leidenschaftlich unterstützten. Sie machten sich während des Turniers nicht nur lautstark bemerkbar, sondern kamen auch sehr zahlreich in die beiden WM-Spielstätten, die O2 Arena und die Arena Sparta in Prag. Deshalb konnte der Präsident des tschechischen Floorball-Verbandes, Filip Šuman, schon nach dem ersten Viertelfinaltag konstatieren:

Filip Šuman: „Drei Tage vor Ende der Weltmeisterschaft ist es uns gelungen, den WM-Zuschauerrekord zu brechen. Das freut mich ungemein. Ich hätte selbst im Traum nicht damit gerechnet.“

„Drei Tage vor Ende der Weltmeisterschaft ist es uns gelungen, den WM-Zuschauerrekord zu brechen. Das freut mich ungemein. Ich hätte selbst im Traum nicht damit gerechnet, dass uns dies schon am ersten Viertelfinaltag gelingt.“

Der vorherige Rekord stammte von der WM 2014 in Schweden und lag bei 104.406 Besuchern. Beim Turnier in Prag aber wurde schon am sechsten von neun Spieltagen die Marke von 107.000 Zuschauern geknackt. Zuvor hatten die Gastgeber bereits die Bestmarke für den Auftaktspieltag auf über 31.000 Besucher verbessert. Die großartige Unterstützung der Fans im Duell mit Finnland reichte aber letztlich nicht, um den Sprung ins Finale zu schaffen. Dazu spielte die tschechische Mannschaft zu unentschlossen und fehlerhaft, so dass sie mit 2:7 unterging. Tschechiens Torjäger Delong räumte nach der Partie ein:

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„Die Enttäuschung ist groß. Es war aber zu sehen, wie taktisch klug die Finnen spielen. Wir können viel von ihnen lernen, das war heute bester Anschauungsunterricht.“

Der große Traum vom Finale, in das die Tschechen bisher lediglich im Jahr 2004 einzogen, war somit geplatzt. Jetzt wollten die Spieler von Trainer Kettunen im kleinen Finale wenigstens die Bronzemedaille gewinnen, so wie es ihren Vorgängern bei den Weltmeisterschaften der Jahre 2010 und 2014 gelungen ist. Ihre Widersacher waren einmal mehr die Schweizer, gegen die man schon bei den beiden vorherigen Titelkämpfen um den dritten Platz spielte – 2014 mit Erfolg, vor zwei Jahren in Riga gewann das Alpenland. Und auch diesmal hatten die Eidgenossen mit 4:2 das bessere Ende für sich. Patrik Dóža erklärte dann auch ohne Umschweife, weshalb man den drei Medaillengewinnern den Vortritt lassen musste:

„Für meinen Geschmack konnten wir im Kombinationsspiel einfach nicht mithalten. Die Schweden, Finnen und Schweizer kombinieren in höchstem Tempo mit blindem Verständnis. Das müssen wir auch lernen.“

Milan Garčar: „Wir haben nicht die Leistungen geboten, die mit der erstklassigen Organisation und dem großen Zuschauerinteresse bei dieser WM mithalten konnten. Aus sportlicher Sicht waren wir also kein solch guter Botschafter für den tschechischen Floorball.“

Das Endspiel war erneut eine rein nordeuropäische Angelegenheit. Durch einen 6:3-Sieg über Schweden haben die Finnen ihren Titel erfolgreich verteidigt. Mit 16.276 Zuschauern bescherte das Finale den Gastgebern schließlich noch einen weiteren Besucherrekord. Für die tschechische Mannschaft zog Verteidiger Milan Garčar daher dieses Resümee:

„Wir haben nicht die Leistungen geboten, die mit der erstklassigen Organisation und dem großen Zuschauerinteresse bei dieser WM mithalten konnten. Aus sportlicher Sicht waren wir also kein solch guter Botschafter für den tschechischen Floorballsport.“

Einziges Trostpflaster ist wohl lediglich die Wahl von Adam Delong in das All-Star-Team dieser WM. Der Stürmer des 1. SC Vítkovice will auch beim nächsten Mal dabei sein, und dann 2020 in Helsinki erneut angreifen. Die Heim-WM bleibt ihm aber auch so in guter Erinnerung – wegen der Zuschauer:

„Es freut mich sehr, dass Floorball auch bei vielen Leuten ankommt, die diesen Sport bisher nicht kannten. Jetzt liegt es an ihnen, ob sie uns die Stange auch weiter halten oder nicht. Ich hoffe aber, dass es immer mehr Zuschauer werden.“

Autor: Lothar Martin
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