Für einen Arbeitsplatz ins Ausland – und dann macht die Firma dicht

Foto: Siemens AG

Vor einem Jahr wurde es bekannt gegeben, seit einigen Wochen ist die Entscheidung endgültig: Das Werk Siemens-Schienenfahrzeuge in Prag wird seine Tore für immer schließen. Die Deutsche Kristin Vogelbein hatte in Prag endlich einen Arbeitsplatz gefunden, was ihr in Deutschland nicht gelungen war. Nach vier Jahren muss sie sich nun erneut auf Arbeitssuche begeben. Christian Rühmkorf traf Kristin Vogelbein in einem Prager Restaurant.

Kristin Vogelbein
C.R.: Kristin Vogelbein, Sie sind Deutsche, arbeiten aber seit Jahren bei Siemens-Schienenfahrzeuge in Prag. Der Weg, der Sie hierher geführt hat, war recht steinig, recht lang. Sie haben Soziologie in Deutschland studiert, haben sich weitergebildet in Richtung Wirtschaft und haben in Deutschland immer wieder versucht, einen Job zu bekommen, was unmöglich war. Weil Sie Erfahrungen mit Tschechien hatten - Sie haben hier ein Jahr studiert, sie haben sogar ein Freiwilliges Soziales Jahr in Tschechien gemacht – hat es dann letztlich geklappt, dass Sie einen Job bei Siemens-Schienenfahrzeuge in Prag bekommen, also im Ausland. Nun arbeiten Sie hier seit vier Jahren. Wo haben Sie angefangen bei Siemens?

Kristin Vogelbein:„Ich habe erstmal in der IT-Abteilung als Team-Assistentin gearbeitet.“

C.R.: Und wo stehen Sie heute?

Kristin Vogelbein:„Ich habe vor etwa anderthalb Jahren die Abteilung gewechselt, weil ich ein Angebot bekommen habe, im Verkauf zu arbeiten und bin seitdem zuständig für die Beschaffung von Teilen für die Schienenfahrzeuge.“

C.R.: Bei Siemens werden U-Bahn-Züge gebaut und auch normale Züge, also Fernzüge, Nahverkehrszüge und so weiter. Vor einem Jahr nun, im Juli 2008, kam eine ziemlich überraschende Bekanntmachung auf Sie zu. Und zwar, das Siemens-Schienenfahrzeuge geschlossen wird. Wie haben Sie damals diesen Moment erlebt?

Kristin Vogelbein:„Das war ganz merkwürdig, ich wurde an einem Samstagmorgen um neun Uhr von meiner Schwester aus dem Bett geklingelt und die sagte mir dann, sie hätte gerade in Berlin im Radio gehört, dass unser Werk geschlossen wird. Ich wollte das gar nicht glauben. Meine Schwester hat dann noch mal beim Radio angerufen und das überprüft. Es war sehr merkwürdig, weil man es nicht vom Werk selber erfahren hat, sondern erstmal von außen. Ich konnte es kaum glauben. Dann kam ich am Montag in die Firma, da hatten alle schon davon Wind bekommen. Sogar unser Chef hat gesagt, er wüsste von nichts, ihm habe zuvor niemand etwas gesagt. Und erst ein paar Tage später gab es dann eine offizielle Versammlung, auf der uns dann bekannt gegeben wurde, dass unser Werk tatsächlich geschlossen werden soll.“

C.R.: Sie haben ja erst seit drei Jahren bei Siemens gearbeitet. Wie war das für Sie, zu erfahren, dass Sie einen Arbeitsplatz, in den Sie sich gerade erst eingearbeitet haben, schon wieder verlieren sollen?

Kristin Vogelbein:„Ich war erstmal ziemlich traurig und schockiert. Also die ersten Tage, war das ganz schrecklich. Ich war demotiviert. Ich dachte, das wird jetzt alles ganz furchtbar, wir werden nichts mehr zu tun haben. Und ich war eben traurig, dass ausgerechnet der Arbeitsplatz, der mir gerade so Spaß machte, schon wieder verloren gegangen sein soll. Ich bin ja extra wegen der Arbeit nach Tschechien gekommen und jetzt war schon wieder alles vorbei.“

C.R.: Wie war die Stimmung im Betrieb, die Reaktion der Belegschaft in dem Augenblick, in dieser Woche und in der Folgezeit, nachdem das dann bekannt geworden war?

Kristin Vogelbein:„Die Leute waren schockiert, die wollten das alle nicht glauben. Es gab dann tagelang immer wieder Versammlungen, die Leute waren aufgebracht. Es ging dann soweit bis zu Streiks, kurzen Streiks, auch der Androhung von Generalstreiks. Die Leute waren ziemlich mobil und waren bereit, um ihre Arbeitsplätze zu kämpfen.“

C.R.: Haben sich dann auch die Medien dafür interessiert, hier in Tschechien?

Kristin Vogelbein:„Ja, das Fernsehen kam, Radio. Wir waren eigentlich die ganze Zeit, man kann sagen, so im Rahmen von zwei, drei Wochen, immer präsent in den Medien. Das war natürlich ein heißes Thema. Unsere Firma ist nicht klein, wir haben 1000 Mitarbeiter. Und der Verlust von 1000 Arbeitsplätzen, auch hier in Prag, bedeutet schon einen ziemlichen Einschnitt.“

C.R.: Und können Sie sich an Gespräche zwischen den Kollegen erinnern? War die Verzweiflung groß?

Kristin Vogelbein:„Na, die Leute hatten halt Zukunftsangst. Also niemand wusste halt in dem Moment, wie lange das dauern wird, bis das Werk geschlossen wird, wann wir wieder auf Jobsuche gehen sollen, was überhaupt auf uns zukommt. Natürlich waren die Leute nicht froh. Es gibt viele Leute, die schon sehr viele Jahre in der Firma waren und natürlich auch an der Firma hängen.“


C.R.: Ein Jahr danach steht nun endgültig fest, dass Siemens das Werk schließt. Es gab zwischendurch noch die Möglichkeit, dass vielleicht eine andere Firma Siemens übernehmen und auch die Angestellten damit übernehmen wird. Was ist in dieser Zwischenzeit eigentlich passiert, zwischen Bekanntgabe und jetzt?

Kristin Vogelbein:„Also ich muss im Rückblick sagen, dass es ganz anders gelaufen ist, als ich mir das vorgestellt hatte. Ich dachte, es kommt ein sehr, sehr trauriges, sehr deprimierendes Jahr auf uns zu, aber ganz im Gegenteil: Alles hat ein bisschen an Dynamik gewonnen. Wir mussten natürlich die Projekte ein bisschen beschleunigen, um bis zum Ende fertig zu werden. Und ich muss sagen, es gehört für mich eigentlich zu den besseren Jahren bei Siemens.“

C.R.: Die Gewerkschaften haben auch mit der Unternehmensführung verhandelt, hart verhandelt. Was konnten sie herausholen?

Foto: ČTK
Kristin Vogelbein:„Also die haben wirklich sehr, sehr gute Ergebnisse für uns herausgeholt. Sie haben erwirkt, dass wir monatlich eine zusätzliche Prämie bekommen, und sie haben erreicht, dass wir bei Schließung eine Abfindung in Höhe von 16 Monatsgehältern bekommen.“

C.R.: Hat das die Stimmung im Betrieb jetzt ein Jahr danach und wenige Monate vor der tatsächlichen Schließung dann gebessert? Wie ist die Stimmung jetzt? Redet man über die Zukunft? Reden die einzelnen Mitarbeiter über ihre ganz persönlichen Zukunftspläne?

Kristin Vogelbein:„Also zwischendurch hat das natürlich, die Tatsache, dass wir Zusatzprämien bekommen, die Leute stark motiviert, besser zu arbeiten, schneller zu arbeiten, bessere Ergebnisse abzuliefern, was sich natürlich auch auf die Situation insgesamt positiv ausgewirkt hat. Und inzwischen, nachdem es feststeht, kann man nur sagen: ja, vielleicht auch ein bisschen Erleichterung, dass man endlich Gewissheit hat. Irgendwie hat man es sowieso die ganze Zeit geahnt, dass es auch nicht weitergehen wird. Und nach so einer langen Zeit, in der man verunsichert ist, ist man auch froh, dass man einfach Sicherheit hat. Und jetzt: Ich habe nicht das Gefühl, dass die Leute jetzt verängstigt sind, größere Zukunftsangst haben. Die Stimmung unter den Leuten ist ganz normal. Also es überrascht mich jedes Mal, wie normal die Situation oder Stimmung in einer Firma sein kann, die kurz vor der Schließung stehen kann.“

C.R.: Wie sieht es aus mit Ihnen? Gehen Sie zurück nach Deutschland? Bleiben Sie in Tschechien? Ich könnte mir vorstellen, dass gerade Ihre Situation - die Sie sich komplett auf ein Leben in Tschechien eingestellt haben - jetzt auf den Kopf gestellt ist, oder?

Kristin Vogelbein:„Nein, überhaupt nicht. Also für mich steht fest, dass ich hier bleiben werde. Denn ich bin nach wie vor der Meinung, dass es für mich viel, viel leichter ist, hier einen Job zu finden. Für mich gibt es keine Sprachbarriere. Das heißt, ich kann jeder Zeit auch in irgendeiner anderen Firma anfangen. Ich glaube, es ist sogar von Vorteil, dass ich hier Ausländerin bin. Ich spreche Deutsch und Englisch und Tschechisch fließend. Ich werde auf jeden Fall hier in Tschechien bleiben und bin überzeugt, dass ich auch einen Job finden werde.“