Gashahn zugedreht: Was bedeutet der Lieferstopp an Polen und Bulgarien für Tschechien?

Seit Mittwoch erhält Polen kein Erdgas mehr aus Russland. Und Bulgarien wurde dasselbe angedroht, obwohl dies bis Mittwochmittag noch nicht umgesetzt war. Als Grund für den Lieferstopp nannte die russische Staatsfirma Gazprom, dass die Zahlungen für den Rohstoff nicht in Rubel erfolgt seien. Nun befürchten auch weitere EU-Länder, Moskau könnte ihnen den Gashahn zudrehen. Ein Bericht über die Lage in Tschechien.

René Neděla | Foto:  ČT24

Derzeit fließt das Erdgas aus Russland noch nach Tschechien. Der Handel mit dem Energieträger liegt hierzulande komplett bei Privatfirmen. Und diese beziehen ihre Ware aber meist nicht auf direktem Weg. René Neděla ist Staatssekretär im Industrie- und Handelsministerium in Prag:

„Soweit ich weiß, kaufen die meisten tschechischen Firmen in Deutschland ein. Das bedeutet, dass nicht Gazprom der Handelspartner ist. Unter welchen Bedingungen gehandelt wird, liegt an den Firmen, schließlich sind diese nicht in staatlicher Hand.“

Petr Fiala | Foto: Petr Sznapka,  ČTK

Laut Informationen des Tschechischen Rundfunks beziehen die hiesigen Firmen etwa 90 Prozent des Gases aus Deutschland – und das ist russischer Provenienz.

Den Lieferstopp an Polen und Bulgarien hat noch am Dienstagabend auch der tschechische Premier Petr Fiala (Bürgerdemokraten) scharf kritisiert. Russland spitze die Lage noch weiter zu und verstoße gegen bestehende Verträge, schrieb der Regierungschef auf Twitter. Zugleich verwies er darauf, dass Europa schrittweise von russischen Energieträgern unabhängig werden müsse.

In einigen EU-Ländern bestehen nun Befürchtungen, dass Gazprom auch an sie demnächst seine Lieferungen einstellen könnte. Václav Bartůška ist der Energiebeauftragte der tschechischen Regierung. Gegenüber Radio Prag International sagte er, dass Europa derzeit noch nicht wirklich auf einen solchen allgemeinen Lieferstopp vorbereitet sei:

Illustrationsfoto: Ivan Holas,  Tschechischer Rundfunk

„Das wäre der größte Schock für unser Energiesystem in den vergangenen Jahren. Europa kann das meistern, allerdings mit Schwierigkeiten. Man müsste die russischen Lieferungen durch andere Quellen für Erdgas ersetzen. Das geht nicht innerhalb von mehreren Tagen oder Wochen, ist aber in wenigen Jahren machbar.“

Unter Umständen fließt das Erdgas aus Russland aber schon demnächst nicht mehr. Was dann?

Václav Bartuška | Foto: Kateřina Cibulka,  Tschechischer Rundfunk

„Wenn dies in den nächsten Tagen oder Wochen geschieht, müsste in einer ersten Phase das vorhandene Erdgas unter den EU-Ländern aufgeteilt werden. Im vergangenen Jahr machten die russischen Lieferungen 40 Prozent der gesamten Gasversorgung Europas aus. 155 Milliarden Kubikmeter Erdgas gibt der Weltmarkt nicht einfach so her. Ein Teil davon lässt sich aber durch andere Energieträger für Strom und Wärme ersetzen – vor allem ist das Kohle. Zugleich muss man weltweit nach neuen Lieferanten suchen. Dabei dürfte es vor allem um Flüssigerdgas gehen, zum Beispiel aus Katar, Australien und den USA oder auch von kleineren Produzenten“, so der Energiebeauftragte der tschechischen Regierung.

Ansonsten betont Bartůška, dass die großen Probleme erst mit Beginn der nächsten Heizsaison, also im Herbst und Winter aufkommen dürften. Dann könnte ein Zuteilungssystem in Europa nötig werden.

Foto: RWE

Der Speicherplatz für Erdgas ist in Tschechien im Übrigen relativ groß. Knapp drei Milliarden Kubikmeter können hierzulande gelagert werden. Wichtigster Betreiber ist RWE Gas Storage. Derzeit sind die tschechischen Speicher rund zu einem Drittel gefüllt. Dieser Umfang könnte – je nach Wetter – für bis zu einen Monat reichen. Doch für die Versorgung mit Flüssigerdgas müsse man mit dem Ausland zusammenarbeiten, sagt Václav Bartůška:

„Mit Sicherheit haben wir Interesse, uns an den sogenannten LNG-Terminals in anderen Ländern zu beteiligen. Das müssen nicht nur die Nachbarn Deutschland und Polen sein, sondern es kann sich etwa auch um die Niederlande, Frankreich oder Italien handeln. Wir suchen nach einer europäischen Lösung, da eine rein tschechische nicht möglich sein wird. Wir haben ja keine Häfen und keinen Zugang zum Meer, daher sind wir immer abhängig von der Zusammenarbeit mit unseren Nachbarn.“