Gehirnwäsche und Rübenanbau: Gedenkstätte für verfolgte Geistliche auf dem Muttergottesberg

Muttergottesberg (Foto: Martina Schneibergová)

Der Muttergottesberg bei der ostböhmischen Stadt Králíky / Grulich war ab dem 18. Jahrhundert ein bedeutender Wallfahrtsort. Das zugehörige Kloster hatte später eine bewegte Geschichte: Während des Zweiten Weltkriegs wurde es vorübergehend zum Zufluchtsort für Mütter mit Kindern aus zerbombten deutschen Städten. Später wurden dort Piloten der alliierten Armeen gefangen gehalten. Während des Kommunismus wurde das Kloster in ein Konzentrationslager für Ordensmitglieder verwandelt. Ende April wurde auf dem Muttergottesberg eine Gedenkstätte eröffnet, die an die vom kommunistischen Regime verfolgten Geistlichen erinnert.

Muttergottesberg (Foto: Martina Schneibergová)
Die ostböhmische Stadt Králíky sowie der Muttergottesberg verdanken ihre Berühmtheit dem Bischof von Hradec Králové / Königgrätz Tobias Johannes Becker. Er ließ Ende des 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts auf dem Hügel nahe der Stadt eine Klosteranlage mit einer Wallfahrtskirche errichten. Der Grund waren die dortigen Heilquellen. Seitdem wurde die Erhebung Muttergottesberg / Hora Matky Boží genannt. Ab Ende des 19. Jahrhundertes kümmerte sich der Redemptoristenorden um den Wallfahrtsort, bis die Kommunisten in der Tschechoslowakei die Macht ergriffen. Sie richteten in dem Kloster ein Internierungslager für Mitglieder verschiedener Kirchenorden ein. In den Jahren 1950 bis 1961 waren dort mehr als 500 Geistliche eingesperrt. Erst im Jahr 2002 wurde das Klosterareal dem Orden zurückgegeben, eine Bürgerinitiative hatte dann die Idee, dort eine Gedenkstätte für verfolgte Geistliche zu einzurichten. Josef Michalčík ist der Provinzial, also der Leiter des Redemptoristenordens in Tschechien. Bei der Eröffnung des Museums sagte der Redemptorist:

Josef Michalčík (Foto: Martina Schneibergová)
„Diese Ereignisse dürfen nicht vergessen werden. Es ist wichtig, dass auch die jüngere Generation die Geschichte unseres Landes kennt und weiß, dass viele unserer Mitbrüder während des Kommunismus zu Märtyrern geworden sind.“

Die Gedenkstätte, in der an das Leiden von Hunderten Ordensmitgliedern in den 1950er Jahren erinnert wird, befindet sich direkt im Kloster. Einleitend wird die Entwicklung der Beziehungen zwischen dem kommunistischen Staat und der Kirche dokumentiert. Beschrieben wird der von der kommunistischen Partei gesteuerte Prozess der Auflösung von Ordensgemeinschaften in der Tschechoslowakei. Dargestellt werden die allmähliche Einschränkung der Demokratie und der Freiheit des Wortes sowie die Verfolgung von Gläubigen und Priestern, die in Schauprozessen verurteilt wurden.

Petra Gabrielová
Die Besucher der Gedenkstätte werden zudem mit dem durchdachten System von Konzentrations- und Internierungsklöstern bekannt gemacht, in denen die Ordensmitglieder eingesperrt wurden. Die Ordensgemeinschaften hörten damit praktisch auf zu existieren. Petra Gabrielová ist Theologin. Sie hat großen Anteil an der Zusammenstellung der Dauerausstellung in der Gedenkstätte:

„In der ersten Phase wurden jede Ordensgemeinschaft an einem Ort konzentriert. Hier auf dem Muttergottesberg wurden alle Redemptoristen eingesperrt. Später war es dem Regime wichtig, die jungen Priester von den älteren zu trennen. Die ältesten Geistlichen wurden in ein Heim in Moravec geschickt. Die jüngsten mussten im September 1950 zum Militär gehen, sie dienten bei den berüchtigten ´technischen Hilfsbataillons – PTP´.“

Foto: Martina Schneibergová
In der zweiten Hälfte des Jahres 1950 wurden die Orden nicht mehr voneinander getrennt interniert, sondern vermischt in den so genannten „Konzentrationsklöstern“ gefangen gehalten.

„Hier im Kloster auf dem Muttergottesberg wollten die Kommunisten ursprünglich eine Fabrik aufbauen. Da das Kloster aber weit entfernt von allen Industriezentren liegt, wurde das Kloster in eine Farm umgewandelt. Die Ordensmitglieder, die hier eingesperrt waren, züchteten dann Tiere und bauten Rüben an. In der zweiten Hälfte der 1950er Jahre arbeiteten die Geistlichen auch bei einigen Staatsgütern in der Umgebung – natürlich wurden sie streng bewacht.“

Das Kloster auf dem Muttergottesberg diente vom 14. April 1950 bis Ende April 1955 als so genanntes „Konzentrationskloster“. 1955 wurde ein Teil der dort eingesperrten Ordensmitglieder freigelassen. An ihre Stelle traten Ordensleute aus dem Internierungslager in Želiv. Petra Gabrielová:

Foto: Martina Schneibergová
„Ordensbrüder, die sich stark zur Wehr setzten, wurden in ein so genanntes ´Internierungszentrum´ eingesperrt. Das war auch ein Kloster, aber mit einer viel strengeren Ordnung. In Böhmen war zunächst in Želiv ein solches Internierungszentrum eingerichtet. 1955 war auch der Muttergottesberg nicht mehr Konzentrationskloster, sondern Internierungszentrum. Es wurden hier Ordensmitglieder eingesperrt, die das kommunistische Regime nicht dazu bewegen konnte, aus dem Orden auszutreten. Die Geistlichen blieben bis 1960 hier.“

Foto: Martina Schneibergová
Wie in der Ausstellung dokumentiert wird, versuchte das kommunistische Regime, die eingesperrten Geistlichen umzuerziehen: Mit harter Arbeit, strengen Regeln und intensiven politischen Schulungen wurden sie gezwungen, ihr früheres Ordensleben aufzugeben.

„Es handelte sich im Grunde genommen um eine Gehirnwäsche. Dazu wurden, wie wir hier auch beschrieben haben, Vorträge sowie Gesang genutzt. Die Geistlichen mussten beispielsweise auch Referate zu einem entsprechenden Thema ausarbeiten. Die ursprüngliche Klosterbibliothek wurde weggeschafft und ihre Bestände durch Schriften ersetzt, die der kommunistischen Ideologie entsprachen.“

Foto: Martina Schneibergová
Wenn die Umerziehung nach Meinung der Verantwortlichen nicht den gewünschten Effekt hatte, wurde der Geistliche in ein Internierungslager oder ein Zwangsarbeitlager geschickt, erzählt Petra Gabrielová:

„Und wenn die so genannte ´Umerziehung´ auch dann noch versagte, wurde der Geistliche in einem politischen Prozess verurteilt und ins Gefängnis geschickt. Wir haben in der Gedenkstätte versucht, alle diese Ebenen darzustellen. Im Hauptsaal wird die Geschichte dieses Ortes beschrieben, als hier das Konzentrationskloster eingerichtet wurde. In den beiden kleineren Sälen widmen wir uns den Zwangsarbeitlagern und Gefängnissen in der kommunistischen Tschechoslowakei.“

Foto: Martina Schneibergová
Was half den eingesperrten Geistlichen trotz des harten Drucks, der auf sie ausgeübt wurde, und den unmenschlichen Bedingungen, in denen sie hier gefangen gehalten wurden, zu überleben? Petra Gabrielová:

„Die Menschen mussten etwas finden, was ihnen die Kraft verlieh, das auszuhalten. Sie waren natürlich Ordensleute, Priester. Neben der geistlichen Dimension hat sie meiner Meinung nach das Zusammengehörigkeitsgefühl gestärkt.“

ie Führung durch die Gedenkstätte auf dem Muttergottesberg werden wir in einer der nächsten Ausgabe des Reiselands fortsetzen. Die Gedenkstätte ist vom Mai bis Oktober täglich von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Vom November bis März kann man die Gedenkstätte nach vorheriger Anmeldung besichtigen.

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