General Gajda und die tschechischen Faschisten

Radola Gajda (Foto: Boris7, Wikimedia CC BY-SA 3.0)

Erst war er Legionär im Ersten Weltkrieg, dann Leiter des Generalstabs der tschechoslowakischen Armee und schließlich Führer der tschechischen Faschisten – einen solchen Karrierebogen hat Radola Gajda geschlagen. In der Zwischenkriegszeit galt er als das „schwarzes Schaf“ der tschechoslowakischen Politik - und sein Vermächtnis ist bis heute umstritten.

Radola Gajda (Foto: Boris7, Wikimedia CC BY-SA 3.0)
Es ist der 22. Januar 1933, um halb drei nachts, und in der Kaserne in Brünn-Židenice wird plötzlich Alarm geschlagen. 21 Männer dringen auf das Gelände, überrumpeln die überraschte Wache und verschaffen sich Zutritt zum Waffenlager. Dies sei ein faschistischer Staatsputsch, rufen die Angreifer. Doch schon bald erhalten die Truppen in der Kaserne Verstärkung von außen. Es kommt zu einer Schießerei, bei der einer der Aufständischen getötet wird. Ansonsten sind nur leichte Verletzungen zu beklagen. Die Angreifer laufen weg, werden jedoch meist noch in derselben Nacht gefasst. Nur ihrem Befehlshaber gelingt es, über Wien nach Jugoslawien zu fliehen. Der Hauptinitiator des so genannten „Židenice-Putschs“ wird indes bald in Prag verhaftet. Er heißt Radola Gajda, oder Rudolf Gaidl, wie sein ursprünglicher Name lautet.



Kotor
Ein ehrgeiziger Abenteurer, Hochstapler und auch genialer Feldherr, in jedem Fall aber eine höchst kontroverse Persönlichkeit - so wird Radola Gajda von den Historikern bezeichnet. In dalmatinischem Kotor geboren, vertrat er die damals sehr populäre panslawische Idee. Sein Vater kam aus Mähren, seine Mutter war Kroatin. Während des Ersten Weltkriegs wurde Gajda tschechoslowakischer Legionär. Dem ging jedoch eine kuriose Geschichte voraus. Petr Koura ist Historiker an der Prager Karlsuniversität.

„Nach der Niederlage der serbischen Armee floh Gajda nach Russland. Er war dabei als russischer Arzt und Offizier verkleidet und mit falschen Dokumenten ausgestattet. Nachdem er in Russland angekommen war, behielt er diese Identität. Später konnte er daher in der tschechoslowakischen Legion als Offizier anfangen, ohne die erforderliche Universitätsausbildung nachweisen zu müssen. Als sich später aber die Wahrheit herausstellte, wurde dies nicht als grundsätzlicher Verstoß geahndet. Gajda soll also nicht unehrlich gehandelt haben.“

Schlacht bei Sboriw
Der Grund für diese Nachsicht seitens der Armeeführung lag wohl in Gajdas militärischen Fähigkeiten. Am 2. Juli 1917 griffen bei Sboriw nahe dem westukrainischen Lemberg rund 3500 tschechoslowakische Legionäre deutsche und österreich-ungarische Truppen an. Sie erbeuteten dabei eine große Menge an Munition und nahmen mehr als 3000 Soldaten der Mittelmächte gefangen. Es handelte sich um die bedeutendste Schlacht tschechoslowakischer Legionäre während des Ersten Weltkriegs. Radola Gajda kommandierte dabei das erste Bataillon.



Stanislav Čeček (Foto: Boris7, Wikimedia CC BY-SA 3.0)
„Die Militärhistoriker sind sich einig, dass Gajda über großes militärisches Talent verfügte. Dass diese Begabung aber so hervortreten konnte, war einem gewissen Zufall zu verdanken: Die russischen Offiziere, die die Legionäre in der Schlacht bei Sboriw eigentlich kommandieren sollten, waren damals angeblich demoralisiert und sogar betrunken. Zwei Tschechen übernahmen daher die Führung: Stanislav Čeček und eben Radola Gajda. Nach dem Ersten Weltkrieg, als die Schlacht bei Sboriw zur Legende geworden war und ihre Teilnehmer gefeiert wurden, machten beide Befehlshaber dann eine steile Karriere in der tschechoslowakischen Armee. Gajda fehlte dabei sowohl die geforderte medizinische Ausbildung, als auch die schulische Bildung. Erst 1921 holte er in der Schweiz das Abitur nach, da hatte er bereits den Rang eines Generals inne“, so Petr Koura.

1920, im Alter von nur 28 Jahren, gab Gajda bereits seine Memoiren heraus. Darin hob er die Verdienste des ersten tschechoslowakischen Staatspräsidenten Tomáš G. Masaryk hervor, politisch stand er jedoch auf anderer Seite. Er tendierte zur Nationaldemokratischen Partei, die ein Bündnis aller slawischen Staaten durchsetzen wollte. Masaryk und Außenminister Edvard Beneš orientierten sich hingegen vor allem in Richtung Frankreich. Des Weiteren lehnte Gajda den Bolschewismus ab und freundete sich daher mit russischen Emigranten in Prag an.

Petr Koura (Foto: Tschechisches Fernsehen)
Radola Gajdas Karriere erreichte 1926 den Höhepunkt: Der General wurde mit der Leitung des Generalstabs beauftragt. Der politische Gegensatz zu Masaryk war damals schon längst bekannt. Später wurde spekuliert, der Staatspräsident habe seinen Gegner nur deswegen zum Stabsleiter ernannt, um ihn „in den Augen zu behalten“. Jedenfalls blieb Gajda nur acht Monate auf dem neuen Posten. Dann wurde er nicht nur entlassen, sondern sogar degradiert: vom General zum Schützen. Historiker Koura:

„Hier muss man die internationalen Zusammenhänge sehen. Im Mai 1926 kam es in Polen zum Rechtsputsch, bei dem General Józef Piłsudski die Macht ergriff. Es gab Befürchtungen, dass so etwas auch in der Tschechoslowakei möglich sei und gerade Gajda mit seinem abenteuerlichen Charakter und der rechtsradikalen, stark antibolschewistischen Gesinnung der hiesige „Piłsudski“ werden könnte. Masaryk fürchtete diese Gefahr deutlich mehr als einen möglichen kommunistischen Umsturz. Daher entschied er sich, diesen möglichen Rechtsputsch noch im Keim zu ersticken. Heute sind die meisten Historiker der Meinung, dass die Beschuldigungen gegen Gajda erfunden und falsch gewesen seien.“

1933 kommt es zum Putschversuch in der Kaserne in Brünn-Židenice (Foto: Archiv des Vereins für Militärgeschichte - 43. Regiment Brünn)
Der suspendierte General lässt sich aber nicht so einfach abdrängen. 1927 gründet er die „Nationale Faschistische Gemeinschaft“ und wird Abgeordneter für diese Partei. 1933 kommt es zum erwähnten Putschversuch im südmährischen Brno / Brünn, wobei Gajda tatsächlich im Hintergrund steht. Er soll sich an die Spitze des Aufstands stellen und Masaryk als Staatspräsident ablösen, so lautet das Vorhaben. Ziel soll sein, die parlamentarische Demokratie abzuschaffen und einen korporativen Staat nach dem Vorbild des faschistischen Italiens zu gründen. Stattdessen wird er aber verhaftet, dann kurz darauf wieder entlassen und nach Protesten von Masaryk aber vor Gericht gestellt und zu einem halben Jahr Gefängnis verurteilt. Das Echo in der Öffentlichkeit ist zweigeteilt: Die einen halten ihn für einen gefährlichen Mann, die anderen für einen zu Unrecht verfolgten Märtyrer. Seine Anhänger werden mehr, je näher der Zweite Weltkrieg rückt.

Edvard Beneš
„Im Jahr 1938, als Hitler der Tschechoslowakei wegen der so genannten Sudetenkrise mit Krieg drohte, machte sich Gajda für eine Verteidigung des Staates stark. Wenn es um das Schicksal des Volkes geht, dann müsse jeder Baum, jeder Baumstumpf, jede Rinne und jeder Kanal schießen - schrieb damals Gajda in einem Zeitungsbeitrag. Er wandte sich sogar an seinen großen politischen Feind, Staatspräsident Edvard Beneš, und stellte sich selbst und seine militärischen Fähigkeiten zur Verfügung. Dies wurde jedoch abgelehnt. Gajda meinte seine Bereitschaft jedoch ernst: Nach dem Münchner Abkommen vom September 1938 gab er aus Protest gegen die französische Zustimmung zu Hitlers Anspruch auf die Sudetengebiete zwei hohe französische Auszeichnungen zurück“, so Koura.

Emil Hácha (Foto: Tschechisches Fernsehen)
In der Zeit nach der Abtretung der Sudetengebiete an Deutschland zeigten sich große Teil der tschechoslowakischen Bevölkerung desillusioniert. Masaryks „Erste“ Republik wurde heftig kritisiert, der Antisemitismus erhielt Auftrieb. Die Regierung plante sogar, bestimmte korporative Elemente in der Wirtschaft umzusetzen. Die Faschisten waren plötzlich im Kurs, der neue Staatspräsident Emil Hácha gab Gajda sogar seinen Generalsrang zurück. Am 15. März 1939 marschierte aber die deutsche Wehrmacht in Prag ein, und Hitler ließ das „Protektorat Böhmen und Mähren“ ausrufen. Radola Gajda gründete nun den „Sankt-Wenzel-Nationalausschuss“, dieser hatte aber nur kurze Zeit Bestand. Historiker Koura:

Radola Gajdas Grab auf dem Friedhof in Prag-Olšany (Foto: Dezidor, Wikimedia CC BY-SA 3.0)
„Gajda nahm an, dass die Okkupanten im Protektorat neue politische Strukturen aufbauen würden. Diese entschieden sich aber für die Kontinuität, sie ließen also die bisherige Prager Regierung formal weiter amtieren. Gajda löste daher seinen Ausschuss auf und engagierte sich während der Okkupation nicht mehr politisch. Er war zwar ambitiös, aber eine Zusammenarbeit mit den Nazis kam für ihn wahrscheinlich nicht in Frage. Vielleicht war ihm als Soldat sogar klar, dass die Deutschen den Krieg nicht gewinnen konnten.“

Gleich nach dem Krieg wurde Radola Gajda wegen Kollaboration verhaftet und 1947 dann zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Da er aber bereits durch die Untersuchungshaft seine Strafe abgesessen hatte, kam er sofort wieder frei. Das Urteil entsprach ohnehin praktisch einem Freispruch, denn Kollaborateure wurden ansonsten zu langjährigen Gefängnisstrafen oder sogar zum Tod verurteilt. Dennoch war er bereits gebrochen und starb am 15. April 1948 im Alter von nur 56 Jahren. Sein Tod kam im Übrigen nur wenige Wochen, nachdem die Kommunisten die Macht im Land ergriffen hatten.