Gesund in Europa - 1

Foto: Europäische Kommission
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Chemikalien gibt es überall. Im Auto, im Haus, im Pulli, im Deo, im Obst, im Gemüse. Nach einer Untersuchung des WWF hat inzwischen fast jeder EU-Bürger deshalb einige Dutzend Gifte im Blut. Umweltmediziner machen die Chemikalien für die Zunahme von Asthma, Allergien und Krebs mitverantwortlich. Doch einen Überblick, was genau in welcher Kombination und Menge Einfluss auf unsere Gesundheit hat, gibt es nicht. Mit der EU-Chemikalienverordnung REACH soll sich dies ändern, soll die Gefährlichkeit einschätzbarer werden. Das ist auch nötig, denn nicht nur Ärzte und Patienten stehen den umweltbedingten Erkrankungen meist ratlos gegenüber. Gero Rueter gibt einen Einblick in die Schwierigkeiten der Umweltmedizin.

Michaela Reichberger (Name von Redaktion geändert) wurde eine Amalgamplombe rausgebohrt. Eigentlich ein Routineeingriff. Für Michaela Reichberger hatte dieser jedoch schwerwiegende Folgen:

"Ich hatte rasende Kopfschmerzen, wirklich rasende. Außerdem verspürte ich große Unruhe und natürlich auch Angst, weil ich nicht wusste, was das ist. Das war dann schließlich die Motivation, jemanden zu finden, der mir hilft. Sonst hätte ich nie im Leben einen Toxikologen angerufen."

Gerold Sigrist, Umweltmediziner und Toxikologe, erkannte eine Vergiftung durch die Quecksilberdämpfe, die bei der Amalgamplombenentfernung freigesetzt und eingeatmet wurden. Die schnell eingeleitete Medikamentgabe sorgte für Entgiftung und konnte schlimmeres verhindern:

"Zehn Minuten, nachdem ich die Medikamente eingenommen hatte, waren die Kopfschmerzen weg. Und sie sind nie wieder gekommen", sagt Michaela Reichberger.

Sie hatte Glück im Unglück, da sie einen der wenigen Umweltmediziner fand. Ihr Zahnarzt und ihre Hausärztin erkannten die Vergiftung nicht. Jahre später hätten die Ablagerungen des Quecksilbers im Gehirn schwerste Krankheiten bei ihr auslösen können. Den Zusammenhang mit der Amalgamplombenentfernung hätte dann vermutlich niemand erkannt.

Für Gerold Sigrist war der Zusammenhang offenkundig, und die Lösung einfach. In der Regel ist aber für den Umweltmediziner die Suche nach Krankheitsursachen kompliziert:

"Ich persönlich komme aus dem Bereich Pharmakologie und Toxikologie, das ist die Wissenschaft der Wirkung von Chemikalien auf den Menschen. Mein spezielles Arbeitsgebiet ist die wilde Chemie. Ein Beispiel: Sie kaufen im Baumarkt Farbe und übermalen damit eine alte Wandverkleidung. Nun laufen ungeheure Dinge ab. Nach ein paar Tagen können Sie schlecht schlafen, und dann kriegen Sie nachts Alpträume und Schweißausbrüche, oder Sie wachen mit Atemnot auf. Irgendwann haben Sie das Gefühl, dass bei der Renovierung der Wohnung etwas daneben gegangen ist. Aber Sie wissen nicht, was. Ist es der Fußbodenbelag, der Wandanstrich, oder ist es die Farbe selber, die Sie nicht vertragen. Auf jeden Fall haben Sie aus ihrem Zuhause so eine Art Fegefeuer gemacht. In dieser Situation versuche ich dann zuzuordnen, wo das Problem liegen könnte."

Die detektivische Arbeit von Gerold Sigrist beruht zu 80 Prozent auf Ursachenrecherche. Die Testung und Dokumentation von Chemikalien, wie sie die EU-Chemikalienrichtlinie REACH vorsieht, findet der Umweltmediziner grundsätzlich hilfreich. Bis dann aber der Zusammenhang zu den Erkrankungen der einzelnen Patienten hergestellt werden kann, bleibt noch ein schwieriger Weg, sagt Sigrist:

Foto: Europäische Kommission
"Wenn ich nicht für die Frage, woraus man denn einen Toner für ein Fotokopiergerät herstellt, vier bis fünf Tage lang im Internet recherchieren müsste, um alle 40 Stoffe zusammenzuhaben, dann würde das die Arbeit sicherlich erleichtern. Aber es würde nicht die grundsätzliche Frage beantworten, warum der Sachbearbeiter X jetzt keine Luft mehr kriegt. Denn derzeit ist es so, dass sich die Sektoren der individualmedizinischen Erkrankungen und der experimentellen Toxikologie auf der Produktionsseite noch nicht mal die Hand reichen. Das sind momentan Wörterbücher von verschiedenen Welten und Sprachen."

Die Umweltmedizin wie auch Gesundheitsschutz, Transparenz und Aufklärung haben nach Meinung von Sigrist in der Gesellschaft noch immer einen viel zu geringen Stellenwert. Weiterhin wird gegenüber den Produktherstellern zu viel Rücksicht genommen.

"Im Moment werden ja die gesundheitlichen Risiken immer bagatellisiert, obwohl sie den Herstellern durchaus geläufig und bekannt sind. Nach dem Motto: 'Wir wollen es ja um Gottes Willen nicht den Kunden sagen, denn dann verkaufen wir ja nichts mehr.' Und solange sich der Gesetzgeber bei der Deklaration damit zufrieden gibt, habe ich doch meine Bedenken, ob da die notwendige Ehrlichkeit oder Aufrichtigkeit überhaupt gewollt ist. Wenn ich mich in mein neu gekauftes Auto setze, und dieses Auto stinkt innen, dann muss es mir möglich sein nachzugucken, woraus das Armaturenbrett gemacht ist, woraus die Polsterung und die Unterpolsterung gemacht sind, welche Kleber verwendet wurden usw."

Aber auch unser Gesundheitswesen setzt nach Meinung des Umweltmediziners an der falschen Stelle an. Anstatt immer mehr Gelder in die Reparaturmedizin zu pumpen, sollten krank machende Faktoren konsequent bekämpft werden. Sei es der Schimmel - die Gefahrenquelle Nummer eins in Gebäuden -, der Lärm, oder chemische Belastungen in Kleidung, Obst und Gemüse. Zwar kosten gesundheitsfördernde Aufklärung und Beratung der Patienten Geld, doch der gesundheitliche Gewinn zahlt sich auch volkswirtschaftlich aus. Gerold Sigrist fordert ein gesellschaftliches Umdenken:

"Das, was wir jetzt machen, ist unbezahlbar. Zu warten, bis wir nach 20 oder 30 Jahren fehlerhaften Lebens unsere Defekte entwickeln, und dann anzufangen, mit einem riesigen Aufwand zu reparieren - also etwa erst zu warten, bis ein Patient eine rheumatische Erkrankung im Vollbild entwickelt hat, und dann jedes einzelne Gelenk auszutauschen - das wird richtig teuer. Dagegen ist vorbeugende Medizin erstaunlich billig. Wenn Sie also das Thema Umweltmedizin in seiner ganzen Breite ansprechen, dann muss man ganz ernsthaft sagen: Wir müssen in unserer Gesellschaft umdenken. Wir müssen darüber nachdenken, welchen Stellenwert dieses Problem haben soll."