Goethes Ulrike und ihr Granat-Schatz

Schmucksatz von Ulrike von Levetzow (Foto: Pavel Škácha, Gebietsmuseum Most und Galerie)
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Ulrike von Levetzow ist bekannt als Goethes letzte große Liebe. Als sie neunzehn Jahre alt war, hielt der 74 Jahre alte Dichter um ihre Hand an. Sie wies ihn allerdings ab. Im Regionalmuseum in Most / Brüx erinnert seit Ende vergangenen Jahres eine neue Dauerausstellung an Ulrike. Im Mittelpunkt steht ein echter Schatz: ein Granat-Schmucksatz aus dem Nachlass der Baronin.

Schmucksatz von Ulrike von Levetzow (Foto: Pavel Škácha, Gebietsmuseum und Galerie Most)

Radek Hanus (Foto: Filip Jandourek, Archiv des Tschechischen Rundfunks)
Unter dickem Panzerglas werden sie ausgestellt: die Juwelen der Ulrike von Levetzow. Die Geschmeide sind mit insgesamt 469 Edelsteinen besetzt und können sich als die umfangreichste Kollektion der größten böhmischen Granate überhaupt rühmen. Angeblich soll Johann Wolfgang von Goethe sie der jungen Frau als Zeichen seiner Liebe geschenkt haben. Das ist aber nur eine Legende. Der Edelstein-Experte und Restaurator Radek Hanus kennt den wahren Hintergrund der Prunkstücke:

„Den Schmuck ließ höchstwahrscheinlich Ulrikes Stiefvater herstellen, der kaiserliche Beamte Franz von Klebelsberg. Er hat die Geschmeide Ulrikes Mutter Amalie geschenkt, die er sehr liebte. Ulrike hat sie nach deren Tod geerbt. Anschließend kamen die Juwelen in den Besitz von Ulrikes Neffen, dem sie diese gemeinsam mit dem Schloss und der Herrschaft vererbte. Er veräußerte sie dann an die Stadt Most. Das Museum der Stadt ist seit mehr als 100 Jahren im Besitz der Schmuckstücke.“

Die größten böhmischen Granate

Ohrringen von Ulrike von Levetzow (Foto: Pavel Škácha, Gebietsmuseum und Galerie Most)
Der Schmucksatz besteht aus einer Halskette mit fünf Granat-Reihen, zwei Armbändern mit drei Granat-Reihen, einem Ring, Ohrringen und einer Gürtelspange. Doch nicht einmal die Experten wissen, welcher Goldschmied die Stücke Anfang des 19. Jahrhunderts hergestellt hat:

„Wenn man heute Schmuck macht, versieht man ihn mit einer Punze, also einem Herstellungszeichen. Daher ist ganz einfach zu bestimmen, wer beziehungsweise welche Werkstatt ihn hergestellt hat. Die vorliegenden Stücke von Ulrike von Levetzow tragen aber keine dieser Stempelzeichen, denn zu jener Zeit war diese Praxis noch nicht üblich. Wir haben angenommen, dass ein Goldschmied, der ein so bedeutendes Werk geschaffen hatte, sich damit höchstwahrscheinlich gerühmt hätte. Wir haben Archive in den Goldkunstzentren Turnov, Prag, Augsburg, Dresden, Wien und Venedig durchforscht, haben aber keine Eintragung dazu gefunden.“

Ulrike von Levetzow (Foto: Tschechisches Fernsehen)
Der einzige Leitfaden bei der Suche nach dem Ursprung des Schmucks ist die sogenannte Repunze. Damit sind allerdings nicht alle Stücke, sondern nur die Halskette und die Armbänder versehen:

„Die Repunze ist ein Stempelzeichen, das Kaiser Franz I. im Jahr 1806 angeordnet hatte. Österreich hatte damals in den Napoleonischen Kriegen eine Niederlage erlitten, und die Staatskasse war leer. Der Kaiser führte daher eine Sondersteuer auf Gold, Silber und Edelmetalle ein. Sie war extrem hoch, man musste das 40-Fache der ursprünglichen Steuer auf Gold und das 48-Fache der ursprünglichen Steuer auf Silber bezahlen. Viele Leute konnten sich das nicht leisten und ihre Schmuckstücke wurden beschlagnahmt.“

Ein unbekannter Goldkünstler

Foto: Pavel Škácha, Gebietsmuseum und Galerie Most
Bei diesem Anlass wurden die Juwelen eben mit einer Repunze versehen. Ulrikes Halskette und Armbänder sind mit einem B im Rhombus versiegelt, also einem Zeichen, das 1806 in Prag verwendet wurde. Das belegt, dass sie in jenem Jahr schon existierten.

„Aber die Ohrringe, der Ring und die Spange tragen dieses Siegelzeichen nicht. Es gibt zwei Möglichkeiten, dies zu erklären: Entweder wollte man sie verheimlichen. Da ihr ursprünglicher Besitzer Finanzminister war und genug Geld für die Steuer hatte, gilt diese Variante als wenig wahrscheinlich. Die andere Möglichkeit ist, dass die Schmuckstücke erst ein paar Jahre später hergestellt wurden.“

Eine weitere Spur haben die Fachleute im Prager Domschatz entdeckt:

Foto: Pavel Škácha, Gebietsmuseum und Galerie Most
„Einer der Gegenstände im Domschatz ist ein Brustkreuz, das mit einem Lila-Amethyst geschmückt ist. Dieses Kreuz ist sehr ähnlich verziert wie der Ring und die Gürtelspange. Auf dem Kreuz fehlt aber die Punze. Wir sind der Meinung, dass die beiden Juwelen von einem und demselben Meister hergestellt wurden, sein Name ist uns aber weiterhin nicht bekannt.“

Die Restaurierung der Schmuckstücke von Ulrike von Levetzow dauerte zwei Jahre. Wegen des hohen Wertes der Juwelen mussten die Arbeiten direkt im Museum von Most gemacht werden, erzählt Radek Hanus weiter:

„So ein Vorgehen kannte ich bis dahin noch nicht. Dennoch ist eine solche Praxis bei außerordentlich wertvollen Dingen üblich, weil die Sicherheitsregeln so streng und kompliziert sind. Da ist es einfacher, wenn der Berg zu Mohammed kommt.“

Fehlende Edelsteine

Ausstellung „Baronin Ulrike von Levetzow 1804–1899“ (Foto: Archiv des Gebietsmuseums und der Galerie Most)
Bei der Restaurierung wurde im Sommer 2017 festgestellt, dass sieben Steine der Geschmeide im Laufe der Zeit verloren gegangen sind. Die Polizei leitete Ermittlungen ein, die bis heute laufen. Für die Restauratoren öffnete sich damit aber die Frage, wie sie den Schmuck reparieren sollen.

„Es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder ersetzt man die verlorenen Steine mit roten Glasstücken. Das ist ganz üblich, und man kann dagegen nichts einwenden. Die Leitung des Museums sagte aber, sie wünsche, dass echte böhmische Granate eingesetzt würden. Es wäre schade, wenn der Schmucksatz rund 460 böhmische Granate und sieben Glassteine tragen würde.“

In diesem Moment stieß man aber auf ein großes Problem, sagt der Edelstein-Experte:

„Die Steine sind außerordentlich groß, und zwar acht bis neun Millimeter. Wenn man heute bei der Förderung auf einen 6-Millimeter-Granat stößt, handelt es sich schon um einen außerordentlichen Fund. Und wir brauchten noch zwei Millimeter mehr. Wir haben zunächst eine Förderfirma kontaktiert, die Genossenschaft Granát Turnov, dort hatte man keine Steine mit den nötigen Maßen auf Lager. Eine weitere Möglichkeit war, Steine aus alten Schmuckstücken zu verwenden. Dies würde aber bedeuten, diese zu beschädigen. Schließlich haben wir uns an Mineraliensammler gewandt und von ihnen acht Steine gekauft. Für alle Stücke haben wir Gutachten, die belegen, dass es sich um echte böhmische Granate handelt.“

Museum (ehemalige Kirche) in der Gemeinde Třebenice (Foto: SchiDD, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)
Die Restauratoren haben die Steine auf eine traditionelle Weise geschliffen und den Granat-Juwelen ihre ursprüngliche Schönheit gegeben. Der Schmucksatz wird nun im Museum von Most unter bruchsicherem Panzerglas aufbewahrt und präsentiert. In der Vergangenheit waren Ulrikes Granat-Juwelen aber nicht so streng gehütet. Bis 1988 wurden sie sogar in der Dorfkirche in der Gemeinde Třebenice / Trebnitz in Nordböhmen ausgestellt, in der das Museum der böhmischen Granate sitzt. Einen Einbruchsversuch in den 1960er Jahren konnten die dortigen Einwohner noch verhindern. Doch 1988 waren die Diebe erfolgreich.

Der Diebstahl im Jahr 1988

„Uns stehen sehr genaue Informationen über den Diebstahl zur Verfügung. Denn durch einen Zufall ist die Ermittlungsakte erhalten geblieben. Wir haben sie gründlich studiert und die interessantesten Passagen kopiert. Wir wissen also, wer die Schmucke gestohlen hat, was sein Motiv war, wie der Diebstahl durchgeführt wurde und wo die Sachen versteckt wurden. Mit einem Foto in der Ausstellung erinnern wir auch an den Kriminalisten, der die Diebe aufgespürt hat.“

Ein Jahr nach dem Raub wurde der Granat-Schatz in einer Blechdose im Bahndamm der Strecke zwischen Prag und Ústí nad Labem gefunden. Die Täter waren nicht imstande, die Sachen zu verkaufen. Sie wurden später verurteilt, dem Drahtzieher gelang es aber, ins Ausland zu flüchten.


Das Regionalmuseum befindet sich in der Straße Čsl. armády 1360/35 in Most. Die Öffnungszeiten: Di - Fr: 12:00 - 18:00 Uhr; Sa - So: 10:00 - 18:00 Uhr; Feiertage: 10:00 - 18:00 Uhr; Montag: geschlossen

Die neue Ausstellung „Baronin Ulrike von Levetzow 1804 – 1899“ in Most zeigt Ulrike von Levetzow als eine gebildete Frau und faszinierende Persönlichkeit des 19. Jahrhunderts. Sie war eine bedeutende Mäzenin vieler Sozialprojekte. Ausgestellte Urkunden belegen unter anderem, dass sie an der Wiege des Prager Nationalmuseums stand. Zu sehen ist auch der einzige Brief von Johann Wolfgang von Goethe, der im Nachlass von Ulrike erhalten wurde. Die Baronin hat ihre Korrespondenz mit dem Dichter vor ihrem Tod verbrannt, die Asche sollte in einer Urne in ihr Grab gelegt werden. Sie starb im hohen Alter von fünfundneunzig Jahren auf ihrem Gut Třebívlice/Trziblitz.

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