Grenzenlose Schule Hartau/Hrádek

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Ort des Geschehens ist diesmal die Euroregion Neiße im tschechisch-polnisch-deutschen Dreiländereck, genauer gesagt die Gemeinden Hrádek und Hartau unweit von Zittau. Ihr Projekt - eine grenzenlose Schule für tschechische und deutsche Kinder - bemüht sich bereits von seinem Ansatz her die Entstehung der gängigen Klischees zu vermeiden, von denen die Atmosphäre der meisten Grenzregionen geprägt ist: Einkaufstourismus von Deutschland nach Tschechien, wobei sich die Tschechen sprachlich auf die Nachfrage der Deutschen einstellen.Kurz: Tschechen lernen deutsch, Deutsche kein Tschechisch. Und diese Tatsache spiegelt nicht nur rein sprachliche Präferenzen wider, sondern ist zumeist Ausdruck einer insgesamt mangelnden Gegenseitigkeit. In Hartau ist das - inzwischen - anders. Das ist das Thema der heutigen Sendereihe "Begegnungen",es begrüßt Sie Silja Schultheis.

Mike Wohne, Initiator der "Grenzenlosen Schule", informiert außerdem über die neueste Entwicklung: Doch beginnen wir von vorne. Konkrete Formen nahm die Idee der "Grenzenlosen Schule" 1998 an, als das Sächsische Kultusministerium die Schließung der staatlichen Grundschule Hartau beschloss - und damit wie an vielen anderen Orten in Sachsen auf den seit der Wende rapiden Rückgang der Schülerzahlen reagierte. Soweit nichts besonderes. Ungewöhnlich indes war die Reaktion der Gemeinde Hartau: Sie nahm die Schließung nicht einfach in Kauf, sondern entwickelte gemeinsam mit dem Schulträgerverein von Mike Wohne ein neues Konzept, das die Notwendigkeit einer Schule eben an diesem grenznahen Standort unterstrich. Ein Jahr später, 1999, wurde im alten Schulgebäude die neue Grenzenlose Schule als Freie, d.h. nichtstaatliche Grundschule eröffnet. Den Hartauern war es gelungen, aus der Not eine Tugend zu machen. Gleichzeitig hatten sie den Grundstein für ein gemeinsames pädagogisches Konzept mit der tschechischen Grundschule im benachbarten Hrádek gelegt. Das Leitmotiv dieses Konzeptes: "Kinder kennen keine Grenzen"; einer seiner zentralen Inhalte: das Erlernen der Sprache des Nachbarn ab der 1. Klasse. Gefördert wird das Projekt inzwischen vom Deutsch-tschechischen Zukunftsfonds, dem INTERREG-Programm der EU und der Robert Bosch Stiftung. Insgesamt 80 Kinder aus Hradek und Hartau sind derzeit in das Projekt integriert, die Zahl der Neuanmeldungen übersteigt mittlerweile die der zur Verfügung stehenden Plätze um das doppelte.

Die Frage, die sich unweigerlich stellt: Wie kommt es ausgerechnet in Hartau zu einer solchen Nachfrage nach Tschechischunterricht, während sich in den meisten anderen Grenzregionen die Deutschen - wenn überhaupt - doch nur sehr schwer dafür begeistern lassen?

Mike Wohne erkennt in Hartau folgende Entwicklung: Zunächst waren das neue Pädagogische Konzept und die freien Unterrichtsformen ausschlaggebend dafür, dass die Eltern ihre Sprösslinge anmeldeten. Schon bald aber änderten sich die Prioritäten: Mike Wohne ist überzeugt davon, dass diese Nachfrage nicht von ungefähr kam: Vielleicht könnte man diese Entwicklung am treffendsten in Form eines ökonomischen Leitsatzes auf den Punkt bringen, der insbesondere im Zeitalter der Werbung an Aktualität eher gewinnt als verliert: Wo es ein entsprechendes Angebot gibt, gibt es auch eine Nachfrage.

Wie sieht es nun auf der tschechischen Seite mit der Nachfrage an dem Projekt "Grenzenlose Schule"aus?

Da die Gemeinden Hartau und Hrádek aber nicht nur aus Kindern bestehen, planen die Initiatoren der Schule für die nächste Zukunft nicht nur die Ausweitung auf die Klassenstufen 5-10 und die Gründung eines sächsisch-böhmischen Schulverbundes, sondern haben dabei stets auch die Einbettung des Konzeptes in die regionalen Gegebenheiten im Auge.

Bleibt zu hoffen, dass das Beispiel Hartau/Hrádek auch anderswo Schule macht. Denn vielleicht ließen sich so einige Probleme in der Kooperation zwischen Brüssel, Prag und den Euroregionen sowie in den Grenzregionen selbst ja ganz von alleine vermeiden, wenn man künftig häufiger die Kinder zu Wort kommen ließe - egal in welcher Sprache.