Guillotine der Nazis: Die bedrückende Geschichte der Hinrichtungsstätte in Prag-Pankrác

Ab April 1943 ließen die Nationalsozialisten auch in Prag direkt Menschen mit der Guillotine hinrichten. Die Köpfmaschine hatten sie extra aus Deutschland in die Stadt an der Moldau gebracht, vor allem um die Todesurteile an tschechischen Widerstandskämpfern vor Ort vollstrecken zu können. Das grausame Gerät ist Teil der Gedenkstätte im Gefängnis Pankrác.

Selbst wenn man heute in diesen Raum kommt, läuft es einem kalt den Rücken herunter. Weiß gekachelte Wände, von denen das Blut leicht abgespült werden konnte, an der Wand ein Schlauch unter dem Wasserhahn. Und in der Mitte steht die Guillotine mit der hölzernen Liege für den Todeskandidaten und dem Loch, durch das er seinen Kopf stecken musste und in dem der Hals festgeklemmt wurde. Davor eine Kiste, in die das abgetrennte Körperteil plumpste. Und als ob all das nicht genug wäre, findet sich an der Seite ein zweistufiger Schemel unter einer Metallstange, die an der Decke befestigt ist. Von mehreren Haken hängen Seile mit Schlaufen herab. Hier wurden jene, die von den Nationalsozialisten des Köpfens nicht würdig befunden wurden, minutenlang zu Tode stranguliert.

Foto: Barbora Navrátilová,  Radio Prague International

Die Hinrichtungsstätte ist im Prinzip so erhalten, wie sie im Mai 1945 von den Deutschen zurückgelassen wurde. Sie befindet sich im Gefängnis Pankrác, das in den 1880er Jahren eröffnet wurde. Auch vor dem Zweiten Weltkrieg und vor allem aber danach in der kommunistischen Ära wurden dort Todesurteile vollstreckt.

Der Historiker Aleš Kýr leitet das Dokumentationszentrum des tschechischen Gefängnisdienstes. In dieser Funktion müsste er an den bedrückenden Ort in Pankrác eigentlich gewöhnt sein. Im Interview für Radio Prag International gesteht er jedoch, lieber nicht so sehr an das Grauen innerhalb der gekachelten Wände zu denken...

„Ich versuche, eher die Tapferkeit der Menschen wahrzunehmen, die sich unter der Gefahr des Todesurteils dem deutschen Nationalsozialismus entgegengestellt haben – ob nun als einzelne oder als Mitglieder einer Widerstandsgruppe. Und ich bewundere, dass sie den Tod nicht gefürchtet haben, obwohl er schrecklich war. Viele hat die Rache der Nazis auch abgeschreckt. Aber die Menschen hier haben diese Angst überwunden“, so Kýr.

Aleš Kýr | Foto: Barbora Navrátilová,  Radio Prague International

Bei der Guillotine denkt man als erstes an die Französische Revolution. Weniger bekannt ist, dass sie sich später auch in anderen Ländern als Henkerswerkzeug durchsetzte – unter anderem in den während der Napoleonischen Kriege von den Franzosen besetzten Teilen Deutschlands. Im Habsburger Reich fand sie jedoch keine Verwendung. Daher kam sie erst während der nationalsozialistischen Besatzung nach Böhmen und Mähren. Der Historiker:

„Die Guillotine war die dezidiert deutsche Weise der Hinrichtung, sie war schon vor dem Zweiten Weltkrieg auf deutschem Boden angewendet worden. Zu Hitlers Zeiten wurden 22 Guillotinen genutzt – 17 direkt im sogenannten Dritten Reich und die anderen in den besetzten Ländern. Das waren etwa Polen, Österreich oder eben das hiesige ‚Protektorat Böhmen und Mähren‘.“

Scharfrichter aus München

Schon im August 1933 begannen die Nationalsozialisten in Deutschland mit politischen Hinrichtungen. Während des Zweiten Weltkriegs schlug das Hitler-Regime in einer Weise um sich, die nur ein Ziel hatte: Angst und Schrecken zu verbreiten. Und im Protektorat richtete sich das vor allem gegen jegliche Formen von Auflehnung.

„Das deutsche Sondergericht, das in Fällen des Widerstands von Einzelpersonen und Gruppen gegen den Nationalsozialismus urteilte, verhängte als Strafe das Köpfen durch Guillotine. Andere Urteile wurden nicht von diesem Gericht gesprochen. In der ersten Phase des Protektorats wurden die Verurteilten zur Vollstreckung des Spruchs nach Dresden gebracht. Etwa 500 Menschen von hier sind dort hingerichtet worden. 1943 wurde dann in Prag die Guillotine installiert. Das verbilligte das Verfahren, weil keine Eskorte mehr nötig war, und es beschleunigte die Prozedur“, schildert Aleš Kýr.

Vorraum der Hinrichtung | Foto: Barbora Navrátilová,  Radio Prague International

Die Guillotine – oder wie die Nazis wegen der französischen Herkunft des Wortes eher sagten: „das Fallbeil“ – wurde aus Deutschland nach Prag gebracht. Am 5. April 1943 richteten die Besatzer mit ihm die ersten fünf Todeskandidaten im Gefängnis Pankrác.

Der Museumsteil in der heutigen Haftanstalt umfasst aber nicht nur die Hinrichtungsstätte selbst, sondern noch weitere Räume, die nicht weniger fürchterlich sind. In einem wurden die Urteile verkündet. Dazu kam der deutsche Staatsanwalt mit einem Dolmetscher am Tag der Hinrichtung ins Gefängnis. Er ließ sich die Todeskandidaten nach seiner Liste vorführen:

„Nachdem ihnen die Tatsache verkündet worden war, wurden sie gefesselt und in eine der drei Zellen geführt, die direkt gegenüber dem Sitzungssaal lagen. Nach 15 Uhr wurden die Todeskandidaten zur Hinrichtung geführt. Dies durften nur noch deutsche Aufseher machen, tschechische waren nicht zugelassen. Im Sitzungssaal überprüfte der Staatsanwalt dann die Identität, unter Anwesenheit des Vorsitzenden des deutschen Strafgefängnisses und eines NSDAP-Funktionärs, womit die Hinrichtung eine politische Aufsicht hatte. Zugegen war auch ein Schriftführer und der Gefängnisarzt, der letztlich die Sterbeurkunde unterschrieb.“

Aleš Kýr | Foto: Barbora Navrátilová,  Radio Prague International

Alles sei mit deutscher Gründlichkeit notiert und ziemlich schnell abgespult worden, bevor der Verurteilte in Unterwäsche dem Henker überantwortet wurde, schildert Kýr weiter:

„Der Henker kam aus München, hieß Alois Weiß und war ein professioneller Scharfrichter. Er hatte einen deutschen Helfer sowie drei Tschechen, die auf diese Weise mit dem Hitler-Regime kollaborierten. Zwei der tschechischen Assistenten wurden nach dem Krieg festgenommen, vom Sonder-Volksgerichtshof verurteilt und hier im Gefängnis Pankrác hingerichtet.“

Im Hinrichtungsraum stand die 2,25 Meter hohe Guillotine mit ihrem 60 Kilogramm schweren Fallbeil. Wenn sich der Todeskandidat auf der Liege befand, hielten ihn die Assistenten fest, damit er sich beim Herabfallen des Beils nicht bewegte. Der abgetrennte Kopf wurde der Kommission gezeigt. Währenddessen spülten die Helfer mit dem Schlauch das Blut von der Guillotine. All das dauerte nur ein bis zwei Minuten. Die Überreste der Hingerichteten brachte man ins Krematorium in den Stadtteil Strašnice, verbrannte sie dort und schüttete die Asche in eine Grube.

Foto: Barbora Navrátilová,  Radio Prague International

In der Moldau versenkt

In der Regel verrichtete Weiß etwa fünf bis sechs Hinrichtungen an einem Tag. Am 4. August 1944 wurden von ihm aber 29 Menschen in Pakrác geköpft. All das wissen die Historiker, weil der Scharfrichter bei der Flucht aus Prag sein Notizbuch mit handschriftlichen Eintragungen liegen ließ. Dort sind genau 1075 Namen vermerkt, die Weiß gerichtet hat. Der Henker selbst lebte nach dem Krieg in Bayern, wo ihn die Justizbehörden 1947 wieder anstellen wollten. Dazu kam es aber nicht, weil kurz darauf im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland die Todesstrafe abgeschafft wurde.

Kleidung eines deutschen Henkers | Foto: Barbora Navrátilová,  Radio Prague International

Die große Mehrheit der Enthaupteten in Prag waren Widerstandskämpfer. Es habe aber auch andere Fälle gegeben, erläutert der Historiker:

„Ebenso wurden Menschen enthauptet, die für sogenannte Wirtschaftsdelikte verurteilt worden waren. Das bezog sich auf die Herstellung und Verteilung von Nahrungsmitteln. Im Zweiten Weltkrieg herrschte Hunger, und daher wurden Nahrungsmittel vom Land in die Stadt gebracht. Darauf standen grausame Strafen. Wenn dies in größerem Umfang geschah, landeten die Täter unter der Guillotine.“

Allerdings wurden im Gefängnis Pankrác noch viele weitere Menschen hingerichtet – und zwar erhängt. Diese Todesurteile vollstreckten jedoch wohl SS-Angehörige. Bei den Opfern handelte es sich den Vermutungen nach um Juden, desertierte Soldaten und um Schwerverbrecher. Doch ihre Namen sind nicht erhalten, und damit ist auch ihre Zahl unbekannt. Denn die Deutschen begannen vor Ende des Zweiten Weltkriegs, alle Dokumente zu vernichten.

Foto: Barbora Navrátilová,  Radio Prague International

„Wahrscheinlich haben sie die Aufzeichnungen im Heizkessel des Gefängnisses verbrannt. Und natürlich mussten sie auch die Guillotine verschwinden lassen. Das geschah in der Nacht vom 29. auf den 30. April 1945. Die Deutschen zerlegten die Hinrichtungsmaschine und brachten sie auf die Karlsbrücke. Und am vierten Brückenpfeiler warfen sie die größeren Einzelteile ins Wasser der Moldau. Das geschah damals heimlich. Aber nach dem siegreichen Prager Aufstand wurden die deutschen Gefängniswächter von Pankrác festgenommen, und eine Wächterin verriet diese Geschichte. Dann wurde nach der Guillotine gesucht, und die Taucher der Flussverwaltung fischten zusammen mit der Feuerwehr und der Polizei die Teile des Geräts aus dem Wasser. Diese wurden nach Pankrác zurückgebracht, und man setzte die Guillotine erneut zusammen“, so Aleš Kýr.

1965 wurde die Gedenkstätte im Gefängnis Pankrác eröffnet, mit der Guillotine als zentralem Ausstellungsstück. Sie steht aber nicht für die breite Masse an Besuchern offen. Laut Kýr liegt das vor allem daran, dass hier weiter eine Haftanstalt betrieben wird. Zweimal im Jahr lassen sich jedoch bei Gedenkaktionen auch die schauerlichen Räume in Augenschein nehmen. Zudem hält der Historiker regelmäßig Vorträge für Studierende unterschiedlicher Fächer – von Psychologie über Geschichte bis zu Jura.

Liste der Hingerichteten im Pankrác-Gefängnis | Foto: Barbora Navrátilová,  Radio Prague International