Handball-EM: Tschechisches Team trotz Fortschritten weiter im Umbruch

Foto: ČTK / AP Photo / Ronald Zak

Die Endrunde der Handball-Europameisterschaft der Männer wird erstmals mit 24 Teilnehmern ausgetragen. Das Turnier läuft derzeit in drei Ländern. Dabei und auch noch im Rennen ist die tschechische Mannschaft, die mit weiteren elf Teams die Hauptrunde erreicht hat.

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Daniel Kubeš (Foto: Armin Kübelbeck, Wikimedia Commons, CC-BY-SA)
Die tschechischen Handballer sind mit einer vorsichtigen Zielsetzung in die Europameisterschaft gegangen. Priorität sei der Einzug in die Hauptrunde, sagten die Nationaltrainer Jan Filip und Daniel Kubeš vor Turnierbeginn. Um dorthin zu kommen, mussten sich die Tschechen zunächst in einer ausgeglichenen Gruppe mit Österreich, Nordmazedonien und der Ukraine behaupten und am Ende auf Platz eins oder zwei der Tabelle stehen.

In ihrem ersten Spiel trat die tschechische Mannschaft in Wien gegen Co-Gastgeber Österreich an und verlor die Begegnung mit 29:32. Ein missglückter Einstand also, der zur Folge hatte, dass die übrigen zwei Partien gewonnen werden mussten. Gegen Nordmazedonien zeigten sich die Tschechen formverbessert und siegten mit 27:25. Der herausragende Akteur auf dem Parkett war Torhüter Martin Galia. Der 40-Jährige wusste danach genau zu sagen, worin für ihn der Unterschied zum Auftaktspiel bestand:

„Heute war das von uns eine ganz andere Vorstellung. Vom Einsatz und Willen her haben wir auch gegen Österreich überzeugt, doch diesmal haben wir zudem unsere spielerische Klasse aufs Parkett gebracht. Die Abwehr funktionierte gut, wir sind mehr gelaufen und leichter zum Torerfolg gekommen. Genauso wollen wir spielen. Hut ab vor meinen Teamkollegen, es war ein sehr schweres Match.“

Tschechien - Österreich (Foto: ČTK / AP Photo / Ronald Zak)
Zur Halbzeit lag Tschechien noch mit 9:11 zurück, doch nach dem Seitenwechsel drehten die Männer um Kapitän Ondřej Zdráhal mächtig auf. Dabei konnten sie sich auf Keeper Galia verlassen, der 14 Bälle der Südosteuropäer entschärfte. Der Oldie aber schätzte seine eigene Leistung sehr nüchtern ein:

„Ich hatte gegen die Mazedonier von Anfang an ein gutes Gefühl. So wie sie mich kennen, kenne auch ich ihre Tricks, also blieb ich sehr entspannt. Trotzdem hätte ich noch ein paar Bälle mehr halten können, speziell gegen Lazarov. Er hat mich dreimal überwunden, obwohl ich mit beiden Händen dran war. Demnach bin ich noch nicht zu 100 Prozent in der Form, die ich bei dieser EM ausstrahlen will.“

Während Galia also auch bei sich selbst noch weitere Reserven sucht, weiß Trainer Kubeš nur zu gut, welch starke Stütze er da zwischen den Pfosten hat:

Daniel Kubeš über Torhüter Galia: „Martin bestritt sein erstes Turnier vor 20 Jahren, und in den ersten 15 davon haben wir noch zusammengespielt. Da habe ich genügend Spiele miterlebt, in denen er ähnlich geglänzt hat. Das waren stets tolle Momente, und ich freue mich für ihn, dass er sie noch immer erlebt.

„Martin bestritt sein erstes Turnier vor 20 Jahren, und in den ersten 15 davon haben wir noch zusammengespielt. Da habe ich genügend Spiele miterlebt, in denen er ähnlich geglänzt hat. Das waren stets tolle Momente, und ich freue mich für ihn, dass er sie noch immer erlebt. Martin ist ein phantastischer Torwart und Mensch zugleich. Jetzt habe ich nur eine Gänsehaut von dem, was er heute gezeigt hat.“

Galia selbst sieht seine erste Aufgabe darin, vor allem für die jungen Spieler im Team ein Rückhalt zu sein. Schon vor der Endrunde war vereinbart worden, dass Tomáš Mrkva gegen die Österreicher im Kasten stehen wird und Galia gegen Nordmazedonien. Und so ist der erfahrene Torwart auch ziemlich unaufgeregt in diese Partie gegangen:

„Ich kann nicht sagen, dass ich das Spiel mit allen Fasern meines Körpers durchlebt habe. Ich bin schon 40 und will einfach nur helfen. Heute haben alle im Team an einem Strang gezogen. So müssen wir gegen die Ukraine weitermachen, dann erreichen wir auch die nächste Runde.“

Tschechien - Ukraine (Foto: ČTK / AP Photo / Ronald Zak)
Die tschechische Mannschaft knüpfte gegen die Ukraine dann auch nahtlos an die vorherige Leistung an. Sie gewann die Begegnung mit 23:19 und zog als Gruppenzweiter in die Hauptrunde ein. Torhüter Galia benannte einen Grund dafür:

„Das liegt gewiss an unserer Erfahrung. Unser Team besteht nicht nur aus jungen Hüpfern, sondern im Kader stehen auch ältere Haudegen. Wir Alten müssen vorangehen und die anderen führen, die von uns lernen müssen. Darin liegt meiner Meinung nach die Stärke der Mannschaft.“

Auch Trainer Daniel Kubeš zeigte sich sehr zufrieden:

„Wir sehen bestimmte positive Aspekte unserer Arbeit, das Spiel der Mannschaft verbessert sich in allen Bereichen. Das freut uns natürlich und motiviert uns für die weitere Arbeit.“

Martin Galia: „Unser Team besteht nicht nur aus jungen Hüpfern, sondern im Kader stehen auch ältere Haudegen. Wir Alten müssen vorangehen und die anderen führen, die von uns lernen müssen. Darin liegt meiner Meinung nach die Stärke der Mannschaft.“

Daniel Kubeš und Jan Filip bilden schon seit fünfeinhalb Jahren das Trainertandem der Nationalmannschaft. Kurz vor der EM hat der tschechische Verband die Zusammenarbeit mit beiden um weitere drei Jahre verlängert. Und das Vertrauen hat das Duo schon zurückgezahlt: Sie haben das Auswahlteam das zweite Mal in Folge in die Hauptrunde eines internationalen Wettbewerbs geführt. Das weiß auch ein wahres Idol des tschechischen Handballs zu schätzen, der langjährige National- und Bundesligaspieler Filip Jícha. Derzeit ist der 37-Jährige Trainer des THW Kiel. Als solcher interessiert er sich besonders für das Auftreten seiner Schützlinge bei der EM. Nach dem Spiel gegen Spanien sagte er vor Zeitungsjournalisten unter anderem:

„Eine sehr positive Überraschung sind die Leistungen der tschechischen Mannschaft. Das wir hier in dieser Phase des Turniers überhaupt die Möglichkeit haben, gemeinsam zu sprechen, ist eine kleine Handball-Sensation. Das wird meiner Meinung nach unterbewertet.“

Tschechien - Spanien (Foto: ČTK / AP Photo / Ronald Zak)
Die Hauptrunde begannen die Tschechen jedoch mit einer Niederlage. Sie verloren das Spiel gegen Titelverteidiger Spanien mit 25:31. Es war die zu erwartende Pleite gegen einen der großen Turnierfavoriten. Trotzdem zogen mehrere Spieler viel Positives aus der Partie. Kapitän Ondřej Zdráhal:

„Spanien war zu 100 Prozent unser bisher bester Gegner. Die spielerische Klasse und die taktische Reife des Kontrahenten sind auf einem extrem hohen Level. Dennoch haben wir in der Abwehr einschließlich unseres Torwarts sehr gut gespielt. Das Match haben wir im Angriff verloren. Da haben wir zu viele Fehler gemacht, für die uns die Spanier bestraft haben.“

Und auch Schlussmann Tomáš Mrkva lobte die Klasse der Iberer:

Daniel Kubeš: „Wir sehen bestimmte positive Aspekte unserer Arbeit, das Spiel der Mannschaft verbessert sich in allen Bereichen. Das freut uns natürlich und motiviert uns für die weitere Arbeit.“

„Bei ihnen ist zu sehen, dass jeder Akteur Verantwortung übernehmen und das Spiel entscheiden kann. Für einige meiner Mitspieler war das eine neue Erfahrung, doch als Team haben wir ganz gut dagegengehalten. Bis zur 43. Minuten lagen wir nur drei Tore zurück. Dann aber machten wir ein paar leichte Fehler und kassierten Gegentreffer in unser entblößtes Tor. Doch unsere Leistung insgesamt sollte uns Selbstvertrauen geben für die nächsten Spiele.“

In der zweiten und wegweisenden Partie der Hauptrunde traf Tschechien am Samstag auf Weißrussland. Gegen diese Mannschaft hatte man in der EM-Qualifikation je einmal gewonnen und verloren. Ein Widersacher auf Augenhöhe also, gegen den die Tschechen auch wieder punkten wollten. Doch sie unterlagen mit 25:28. Darüber war auch Ondřej Zdráhal: sehr verärgert:

Ondřej Zdráhala (links). Foto: ČTK / AP Photo / Ronald Zak
„Ich sage nicht, dass für den Moment nicht jeder alles geben wollte. Doch wenn wir gegen ein Team wie Spanien verloren hätten, das klar besser war, dann tut das nicht so weh. Heute wollten wir aber zwei Punkte, und mir schien es nicht so, dass alle dafür auch alles getan haben.“

Die bittere Niederlage hat zur Folge, dass Tschechien in der Hauptrunde immer noch null Punkte hat. Dadurch sind alle Medaillenhoffnungen futsch, und auch das Spiel um Platz 5 ist in weite Ferne gerückt. Der EM-Fünfte bekommt die Möglichkeit, sich in einem Zusatzturnier noch für die Olympischen Spiele dieses Jahr in Tokio zu qualifizieren. Dazu muss die tschechische Mannschaft aber ihre beiden übrigen Hauptrundenspiele unbedingt gewinnen – am Montag gegen Kroatien und am Mittwoch gegen Deutschland. In beiden Partien ist man jedoch nur Außenseiter. Und so wird es auch schwer, den Erfolg von 2018 zu wiederholen. Bei der Europameisterschaft vor zwei Jahren hatte das tschechische Team überraschend den sechsten Platz erkämpft.

Autor: Lothar Martin
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