Hintergründen der Aussiedlung der Sudetendeutschen aus der damaligen Tschechoslowakei

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Ahoi und herzlich willkommen, liebe Hörerinnen und Hörer, zu Ihrer Sendung - dem Hörerforum. Am Mikrofon begrüßen Sie Ludmila Clauss und Lothar Martin.

"Wenn es dem Esel zu gut geht, begibt er sich aufs Eis," sagt ein altes Sprichwort. Unter Freunden kann man gegebenenfalls lachen, wenn einer etwas übermütig aus der Reihe tanzt. Passiert ähnliches jedoch in der Politik, schlägt dies mit Sicherheit hohe Wellen. Bei so manchen Äußerungen des tschechischen Ministerpräsidenten Milos Zeman - über die wir berichtet haben - ist das ganz offensichtlich der Fall. Dies verdeutlichen auch die Reaktionen einiger unserer Hörer. So schrieb uns Herr Horst Krüger aus Hannover:

"Vom führenden Vertreter eines Landes, das selbst so unter der Unterdrückung seiner Landsleute gelitten hat, sollte man eigentlich ein etwas differenziertes Urteil erwarten, als es Herr Zeman gefällt hat. Man muss die Terroranschläge verurteilen, die zur Zeit in Israel an der Tagesordnung sind, man sollte aber nicht vergessen, durch welche Provokation und durch wen diese Welle der Gewalt in Gang gesetzt wurde. Die Äußerungen Ihres Ministerpräsidenten passen leider zu seinen Auslassungen, die er in der jüngsten Zeit von sich gegeben hat."

Herr Ernst Lemmer aus Köln geht in seinem Brief noch einmal auf die von Zeman zu den Sudetendeutschen gemachten Aussagen ein und formuliert:

"Ich verstehe nicht, dass Herr Zeman solche unüberlegten Äußerungen zu der heutigen Zeit in der ganzen Welt veröffentlicht. Konnte er nicht oder wollte er nicht die Wahrheit sagen, denn Unschuldige gab es sowohl unter der tschechischen als auch der deutschen Bevölkerung der damaligen Tschechoslowakei, welche darunter leiden mussten. Ich bin anderer Meinung und glaube, dass Herr Zeman kein gut informiertes Wissen über die Lage der Tschechen und Deutschen in diesem Land zur damaligen Zeit hat."

Quasi als Beleg für seine Vermutung führt Herr Lemmer an, dass er 1924 im tschechischen Chcebuz geboren wurde, als Deutscher mit tschechoslowakischer Staatsangehörigkeit. Seine Freunde waren Tschechen und untereinander habe man sich nie etwas Böses angetan. Herr Lemmers Schreiben endet darauf auch mit dem Ausdruck der Verbitterung: "Ich fühle mich nicht eingeordnet zur Angehörigkeit der fünften Kolonne Hitlers. Dies war für mich eine schäbige Beleidigung."

Wie diffizil dieses Thema jedoch ist und welch breites Band an Gefühlen es nach wie vor aufreißt, dies belegen die Zeilen, die uns unser Hörer J. Friedrich aus Frantiskovy Lázne/Franzensbad geschrieben hat. Er schreibt u.a.:

"Ich bin 1931 in Pistany im Kreis Litomerice/Leitmeritz geboren. So habe ich noch die erste Republik erleben dürfen. Die Sudetendeutsche Partei (SDP), die waren sozusagen ein Verein wie die UCK. Sie bekamen Revolver von Deutschland und machten Protestmärsche durch die Straßen. Ich kann mich noch gut erinnern, als die Staatspolizei-Polizisten sagten, wir können da nicht eingreifen. Das könnte nur das Militär und das gäbe Bürgerkrieg. Man hatte damals tschechische Bürger gefangen, die auf der Straße waren, und sie mussten mitmarschieren zum Neuner Kreuz auf den Fettberg/Mastná hora."

Dieses und andere Erlebnisse aus der damaligen Zeit haben Herrn Friedrich offensichtlich geprägt, wie auch den nächsten Zeilen zu entnehmen ist:

"Ich wollte von Anfang an nichts mit diesen Vereinen zu tun haben. Denn ich war als Zehnjähriger vom Jungvolk Hitler-Jugend nach Heringsdorf an die Ostsee geschickt worden, um ein ´Echter Deutscher´ zu werden. Vor dem Frühstück drei Nazilieder singen, dabei wurde die Fahne hochgezogen. Und es gab auch Schläge, wenn man nicht richtig geschrieben hatte, so zum Beispiel meiner Mutter."

Beide zuletzt zitierten Hörerbriefe haben sicher gezeigt, dass man diese Thematik nicht nur einseitig betrachten darf. Deshalb stießen die derben Formulierungen von Premier Zeman, die übrigens in dieser Schärfe von Staatspräsident Václav Havel und anderen tschechischen Politikern abgelehnt wurden, auch auf so heftige Gegenwehr. Eine Tatsache, die unseren Hörer Bernd Bickelhaupt aus Seeheim-Jugenheim veranlasste, uns u.a. folgendes mitzuteilen: "Mit solch einem Premierminister Vertrauen zwischen Deutschen und Tschechen zu schaffen, dürfte eine schwierige Aufgabe werden. So gesehen hat Radio Prag noch viel zu tun, und es hat mich damals auch nicht gewundert, als man Ihre Rundfunkanstalt schließen wollte. Ich hoffe, dass bei der nächsten Wahl jemand gewählt wird, der sich nicht ständig dadurch profilieren muss, die Bürger des Nachbarlandes als Bedrohung darzustellen."

Soweit Herr Bickelhaupt, der in seinem Brief auch schrieb: "Es ist schade, dass solche Schlagzeilen so vieles andere verdrängen." Das stimmt leider, denn uns fehlt wieder einmal die Zeit, auch noch Hörer zu anderen Themen zu Wort kommen zu lassen. Zum Abschluss der Sendung wollen wir nämlich gleich noch auf eine Hörerfrage zu unserem heutigen Hauptthema antworten.


In unseren Hörerbriefen sind wir zuletzt mehrfach sinngemäß gefragt worden, ob die Tschechen nach dem Zweiten Weltkrieg nicht von den westlichen Alliierten gezwungen wurden, die Sudetendeutschen zu vertreiben. Dazu antwortet unsere Geschichtsexpertin Katrin Bock:

Die Frage der Vertreibung der in der Tschechoslowakei lebenden Deutschen kam bereits während des Zweiten Weltkriegs zur Sprache und dies von der tschechoslowakischen Exilregierung in London. Bereits im Sommer 1941 erklärte ein Mitglied der Exilregierung vorsichtig: "Es wird notwendig sein, mit allen angemessenen Mitteln, eventuell auch durch eine organisierte Anwendung des Prinzips der Umsiedlung von Bevölkerungen, Deutschland am Missbrauch seiner nationalen Minderheiten für seine pangermanischen Ziele zu hindern."

Der Präsident der tschechoslowakischen Exilregierung, Edvard Benes, versuchte seit 1942, die Zustimmung der Alliierten für eine "Reduzierung der Zahl der in der Tschechoslowakei lebenden Deutschen" zu erhalten. Im Juli 1942 fällte das Londoner Kabinett den Grundsatzbeschluss, den Transfer von deutschen Minderheiten in Mittel- und Südosteuropa nach Deutschland in notwendigen und wünschenswerten Fällen zu akzeptieren. Etwa zur gleichen Zeit erklärte Moskau die Frage des Bevölkerungstransfers zu einer internen Angelegenheit der Tschechoslowakei, 1943 stimmte der US-Präsident den Plänen zu.

Die Vorstellungen über die Zahl der zu Vertreibenden und die Ausführung des Transfers änderten sich im Verlauf des Krieges. Edvard Benes sprach zunächst von einer Teilumsiedlung, tschechische Widerstandsgruppen und radikale Exilpolitiker forderten jedoch mehr. Kurz nach Kriegsende wurden die Vertreibungspläne bereits in die Tat umgesetzt. Während der so genannten Wilden Vertreibung durch tschechische Revolutionsgarden kamen Hunderte, wahrscheinlich auch Tausende von Deutschen ums Leben. Die Potsdamer Konferenz reagierte im August 1945 auf Nachrichten von Gräueltaten während der Umsiedlung von Deutschen aus Ostmitteleuropa. Die Alliierten erklärten, dass die Aussiedlung der deutschen Bevölkerung aus Polen, Ungarn und der Tschechoslowakei in einer humanen und ordnungsgemäßen Weise zu erfolgen habe - das bedeutete das Ende der bisherigen wilden Vertreibungen. Das heißt also, dass die Siegermächte Vorschläge der tschechoslowakischen aber auch der polnischen Exilregierung akzeptierten und durch ihren Beschluss auf der Potsdamer Konferenz die Vertreibungen nicht anregten, sondern in humanere Bahnen zu lenken versuchten.

In der von der deutsch-tschechischen Historikerkommission 1996 herausgegebenen Skizze einer Darstellung der deutsch-tschechischen Geschichte seit dem 19. Jahrhundert heißt es zu dieser Frage u.a.: "Die Vertreibung und Aussiedlung der deutschen Bevölkerung aus der CSR war im tschechischen Exil von langer Hand vorbereitet worden, gewann im Laufe des Kriegs Gestalt, namentlich in der von englischer Seite betriebenen Nachkriegsplanung, und wurde unter dem Druck der Widerstandsbewegung ausgeweitet. Die Radikalisierung der Vertreibungspläne und ihre Durchführung bei alliierter Zustimmung zum Transfer kann man nicht richtig beurteilen ohne Berücksichtigung der im Laufe der Kriegsjahre allgemein gewachsenen Barbarisierung und insbesondere der bekannt gewordenen deutschen Kriegsverbrechen ... Die Propagierung einer Beendigung des konfliktreichen Zusammenlebens mit den Deutschen in der CSR war das Ergebnis der Erfahrungen mit der Politik der Sudetendeutschen Partei und der radikalen deutschen Besatzungspolitik..."

Soweit unsere Antwort zu den Hintergründen der Aussiedlung der Sudetendeutschen aus der damaligen Tschechoslowakei. Und damit ist unser heutiges Hörerforum auch schon wieder beendet.

Autoren: Lothar Martin , Ludmila Clauss
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