„Ich kann sehr vieles nicht“ - Corinna Harfouch über Rollen, Pläne und Erinnerungen

Corinna Harfouch im Film „Was bleibt“ (Foto: Offizielle Webseite des Films)

Sie ist derzeit wohl eine der renommiertesten deutschen Schauspielerinnen: Corinna Harfouch. Sie arbeitet am Theater, im Fernsehen und beim Film. In der letzten Zeit hat sie im Film vor allem schwierige Frauen verkörpert – so auch im aktuellen Streifen „Was bleibt“, den sie im Rahmen des deutschsprachigen Filmfests in der vergangenen Woche in Prag vorstellte. Bei einem Treffen mit deutschsprachigen Journalisten in der Moldaustadt sprach Corinna Harfouch über diesen Film, ihre Rollen, ihre Karriere und ihre Beziehung zu Tschechien.

Foto: Times, Wikimedia Creative Commons 3.0
Corinna Harfouch wurde 1954 im thüringischen Suhl geboren, wuchs aber in Sachsen auf. 1978 ging sie nach Berlin an die Hochschule für Schauspielkunst. Noch zu DDR-Zeiten spielte sie unter der Regie-Ikone Heiner Müller die Lady Macbeth. Auch ein weiterer Großer der Zunft beeinflusste ihren Werdegang: Intendant Frank Castorf vom Deutschen Theater Berlin. Für ihre Rolle des Generals Harras im Bühnenstück „Des Teufels General“ unter der Regie von Castorf wurde Harfouch 1997 zur deutschen Schauspielerin des Jahres gewählt.

Die erste größere Filmrolle erhielt Corina Harfouch 1988 im Polit-Liebesdrama „Die Schauspielerin“. Seitdem hat sie in unzähligen Kinoproduktionen gespielt. Zu sehen war sie zum Beispiel in der Rolle der Magda Goebbels im Erfolgsstreifen „Der Untergang“. Im Fernsehen wurde sie unter anderem durch die Serie „Unser Lehrer Doktor Specht“ bekannt.

Corinna Harfouch im Film „Was bleibt“ (Foto: Offizielle Webseite des Films)
„Was bleibt“ – so heißt der aktuelle Kinofilm mit ihr: Corinna Harfouch spielt in dem aktuellen Streifen eine Mutter, die nach 30 Jahren ihre Psychopharmaka absetzt und die heile Welt der Familie zum Bröckeln bringt. Den Regisseur Hans-Christian Schmid kannte Harfouch vorher nicht. Dass es zur Zusammenarbeit kam, verdankt sie der allerersten Fassung des Drehbuchs von Schmid und seinem Co-Autor Bernd Lange:

„Die erste Fassung, die ich zu lesen bekam, war ganz aufregend – man verstand sozusagen nichts. Es schälte sich erst langsam heraus, worüber da in der Familie geredet wurde. Ich fand das unheimlich spannend. Andererseits bekam man mit, dass die Familie in einer Art Familien-Ton miteinander spricht - und man spürte die ganze Zeit diese Geheimnistuerei, diese Besorgnis um diese Mutter. Diese Krankheit, die in der Mitte dieser Familie wohnt und jeden beherrscht beziehungsweise beeinflusst, lässt jeden zu dem werden, was er jetzt gerade ist. Diese Art und Weise zu erzählen, was das aus einer Familie macht, aus den Menschen, die damit umgehen müssen, weil es die Mutter ist, weil es der Vater ist, weil es das Kind ist – das fand ich einen unheimlich spannenden Ansatz.“

Corinna Harfouch im Film „Was bleibt“ (Foto: Offizielle Webseite des Films)
In „Was bleibt“ spielt Corinna Harfouch zum wiederholten Mal eine ähnliche Rolle wie in anderen Filmen aus der letzten Zeit auch. Kein Zufall, sagt sie:

„Es gibt eine Konstante, die ergibt sich aus meinem Alter. Ich bin jetzt in den Alter, wo ich erwachsene Söhne habe – ich persönlich und die Figuren, die ich spiele. Es gibt komischerweise im Moment – im letzten Jahr ist mir das aufgefallen – eine Tendenz, dass ich im Film ausschließlich depressive, traurige Mütter gespielt habe, deren Kinder nun mehr flügge werden und die aus diesem und jenem Grunde daran zerbrechen oder traurig werden. Dies spiegelt ein Segment meines Weltverständnisses wider - ich weiß, dass es das gibt, auch massenhaft meinetwegen. Aber ich sehe genau so häufig das genaue Gegenteil: richtig starke Frauen, die sehr wohl Kinder haben und danach auch noch ein Leben entwickeln, etwas verwirklichen oder überhaupt lustig und stark sind. Ich habe jetzt meiner Agentur mal gesagt, dass es sehr schön und eine große Erfahrung war, aber für dieses Jahr und die nächsten Jahre für mich zum Spielen dieses Thema als abgehakt betrachten möchte.“

Corinna Harfouch in der Komödie „Irren ist männlich“
Tatsächlich ist die Schauspielerin auch in einigen Komödien zu sehen gewesen, so zum Beispiel in „Irren ist männlich“. Von der Geliebten bis zur Psychopathin – Corinna Harfouchs Repertoire ist ziemlich groß. Da muss man schon die Frage stellen: Was kann sie eigentlich nicht?

„Ich kann wahnsinnig viel nicht. Als ich anfing zu arbeiten in dem Beruf als Schauspielerin, da habe ich mal eine Filmrolle gespielt – das war noch zu DDR-Zeiten –, bei einem Regisseur namens Roland Gräf. Ich war ein Mädchen im Krieg, das bei seinen Schwiegereltern lebt und erfährt, sein frisch vermählter Ehemann sei gefallen. Und ich hatte mir immer vorgestellt, dieses Mädchen ist ein Schmetterling, so ein luftiges Fehenwesen, das über die Wiese springt, Locken hat, ein ganz zartes Ding ist – und dann eben zerbricht. Ich habe mich auch so herrichten lassen und habe versucht, dieses lockere Fehenwesen zu spielen. Aber als ich das dann gesehen habe, wusste ich: Fehenwesen sind nicht mein Ding, das kann ich zum Beispiel nicht. Dabei wäre ich so gerne dies und das, doch vieles davon bekomme ich nicht hin. Aber dafür kann ich andere Sachen wiederum sehr gut. Man muss irgendwann einfach erkennen, was man nicht kann, das gehört zur Qualität dazu.“

Corinna Harfouch als Božena Němcová (Foto: Archiv des Tschechischen Fernsehen)
Was Corinna Harfouch jedoch sehr gut gelungen ist, war 2005 die Rolle der tschechischen Schriftstellerin und Nationalheldin Božena Němcová. Für die Dreharbeiten verbrachte sie mehrere Wochen in Prag. Aber auch so hat die deutsche Schauspielerin eine eigene Beziehung zu Tschechien: Aufgewachsen in Sachsen, war die damalige Tschechoslowakei nicht weit entfernt.

„Man traf sich hier mit den Westverwandten - in Prag oder zwischen Dresden und Prag irgendwo auf der Landstraße. Das ist zum Beispiel eine ganz starke Erinnerung. Oder nach der Wende die Wanderungen von Bad Schandau nach Böhmen rüber und im Böhmerwald – diese unglaublich Landschaft. Und dieser wahnsinnige Humor, den die Menschen hier haben. Wie die Kollegen, mit denen ich hier im Film gespielt habe, die Dinge angehen, welche Art Humor sie haben, wie sie sind – da träumt man als Deutscher davon, würde ich sagen. Es gibt viele verschiedene Bilder, ich fühle mich sehr verbunden. Václav Havel – ein großer Held von uns allen, finde ich.“

Corinna Harfouch im Film „Die Schauspielerin“
Mit der Tschechoslowakei ist auch ihre erste künstlerische Auszeichnung verbunden: Beim Filmfestival in Karlovy Vary / Karlsbad erhielt sie 1988 den Preis als beste Darstellerin für ihre Rolle in „Die Schauspielerin“:

„Tatsächlich hatte ich das vergessen. Stimmt, da habe ich mal einen Preis bekommen für einen Film – und zwar wurde er mir von Tschingis Aitmatov überreicht. Das war ein Riesenheld für uns, seine Literatur haben wir weinend verschlungen, uns gegenseitig vorgelesen – und dann steht er da plötzlich und übergibt dir einen Preis. Außerdem hatte ich mir gerade das allererste Auto in meinem Leben gekauft: einen quietschgelben Trabi. Ich konnte noch gar nicht so richtig fahren, es war alles so aufregend. Über den Preis war ich sehr glücklich und auch sehr stolz.“

Etel Adnan (Foto: Nanwieser, Wikimedia Creative Commons 3.0)
Der Preis bedeutete den Beginn ihrer Karriere als Kino-Schauspielerin. Vor allem als solche wird sie heute auch wahrgenommen, dies scheint in den vergangenen Jahren bei Corinna Harfouch im Vordergrund zu stehen. Oder doch nicht?

„Ich glaube, dass der Eindruck sogar ein bisschen täuscht, weil ich anteilig schon mehr Theater spiele, beziehungsweise Regie mache, als dass ich Filme drehe. Mein nächstes Regieprojekt ist ein Text von einer libanesisch-amerikanischen Autorin. Etel Adnan heißt sie. Sie ist momentan meine absolute Heldin, eine Dichterin, eine großartige Poetin, Philosophin, die jetzt 86 Jahre alt ist und in Paris lebt.“

Das Bühnenstück soll im Juni kommenden Jahres in Berlin Premiere haben.