Im Zeichen von Musikerfamilien: Das 26. Sommerfest der Alten Musik in Prag
An diesem Donnerstag wird in Prag das Internationale Sommerfest der Alten Musik eröffnet.
Die 26. Auflage des Sommerfests der Alten Musik hat den lateinischen Untertitel „familia“. Im Fokus des Festivals stehen aber nicht nur namhafte Musikerfamilien, wie die Festivalleiterin Josefína Matyášová gegenüber Radio Prag International erläutert:
„In der Dramaturgie des diesjährigen Sommerfestes haben wir den Begriff der Familie sehr breit gefasst. Im Programm finden sich nicht nur Musiker- oder Komponistenfamilien, die das musikalische Handwerk von Generation zu Generation weitergegeben haben, sondern auch beispielsweise Verlegerfamilien, die Noten herausgebracht haben. Ohne sie wäre die entsprechende Musik nicht bis heute erhalten.“
Die Verleger mussten laut der Festivalleiterin gute Handwerker und tüchtige Geschäftsleute sein, um Musik, die sie druckten, auch zu verkaufen. Die Werkstatt der Familie Gardano/Magni habe zu den größten und wichtigsten Musikverlagen nicht nur in Venedig, sondern in ganz Europa, gehört, sagt Matyášová.
„Die Familie Gardano/Magni gab eine ganze Reihe der damals berühmtesten und progressivsten Komponisten heraus. Ich spreche über die zweite Hälfte des 16. und die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts. Beim Konzert, das sich um diese Druckerfamilie dreht, erklingt Musik der größten Komponisten, die in der Spätrenaissance und im Frühbarock in Venedig tätig waren. Zu ihnen gehörten Claudio Monteverdi, Dario Castello, Giovanni Legrenzi, Maurizio Cazzati und weitere bekannte Namen, die die Renaissancemusik in Barockmusik verwandelt haben.“
Die Verleger werden oft vergessen, dabei spielten sie eine sehr wichtige Rolle bei der Verbreitung der Musik. Ihre Arbeit endete nicht mit der Herausgabe des Notenmaterials, wie die Festivalleiterin betont:
„Sie mussten auf den Markt reagieren und gute Geschäftsleute sein. Im Fall von Venedig handelte es sich nicht nur um den dortigen Markt, sondern um die Nachfrage auch in weiteren Teilen Europas. Im Rahmen der Reisen, die die Musiker oder Adeligen unternahmen, kauften sie Notenmaterial in Venedig und brachten es in andere Länder. Dank dessen sind Partituren auch in Archiven weiterer Länder erhalten, die weit von Venedig entfernt sind.“
Das Sommerfest der Alten Musik wird mit einem Konzert des Berliner Ensembles Polyharmonique eröffnet. Das Programm steht im Zeichen der Familie Bach. Josefína Matyášová:
„Die Bachs sind wahrscheinlich die berühmteste Musikerfamilie der Welt, und zwar nicht nur wegen des vermutlich bedeutendsten Barockkomponisten Johann Sebastian Bach. Er knüpfte an einige Generationen interessanter Komponisten an, von denen er sich inspirieren ließ. Und er war sich der Familientradition sehr bewusst. Bach erstellte einen Stammbaum seiner Vorfahren, in dem er die musikalisch begabten Vertreter der Familie heraushob. Zudem gründete er das sogenannte Altbachische Archiv, in dem er das Notenmaterial seiner Vorfahren zusammentrug. Von diesem Archiv geht die Dramaturgie unseres Eröffnungskonzerts aus.“
Das Berliner Ensemble Polyharmonique hat aus diesem Archiv laut der Festivalleiterin nicht nur Werke von Johann Sebastian Bach ausgesucht, sondern auch Kompositionen seiner Vorfahren Johann Michael, Heinrich, Johann Christoph und Johann Ludwig.
„Es erklingt Musik von den ältesten bis zu den jüngsten Mitgliedern der Musikerfamilie Bach. Die Konzertbesucher haben die Gelegenheit, die musikalische Entwicklung sowie die Inspirationsquellen zu verfolgen, die Johann Sebastian Bach in seine Werke miteinbezogen hat. Die Perle des Programms ist die berühmteste und längste Bach-Motette ,Jesu, meine Freude‘.“
Das Ensemble Polyharmonique tritt zum zweiten Mal beim Sommerfest auf. Schon vor zwei Jahren eröffnete es das Festival.
Nach 14 Jahren kehrt auch das portugiesische Ensemble Sete Lágrimas nach Prag zurück. Josefína Matyášová:
„Unser Publikum hat immer wieder nach dem Ensemble gefragt, und wir sind froh, dass wir ihnen den Wunsch erfüllen können. Das Programm, mit dem das Ensemble auftritt, konzentriert sich auf Rituale, die sich im Rahmen einer Familie abspielen, wie beispielsweise die Begrüßung eines neugeborenen Kindes. Es ist zudem ein Programm, das von der Volksmusik und von der Musik der portugiesischen Diaspora im Ausland beeinflusst ist.“
Einige Interpreten treten in Prag aber auch zum ersten Mal auf. Zu ihnen gehören laut der Festivaldirektorin zwei aufgehende Stars der Alten Musik: der französisch-amerikanische Cembalist Justin Taylor und der französische Barockgeiger Théotime Langlois de Swarte. Sie spielen Werke der Brüder Francœur, zweier französischer Barockkomponisten. Seine Prager Premiere erlebt zudem das schweizerisch-italienische Ensemble Concerto Scirocco. Unter der Leitung von Giulia Genini spielt es Kompositionen, deren Partituren einst in der Druckerei Gardano/Magni in Venedig gedruckt wurden. Und Josefína Matyášová macht noch auf weitere Künstler aufmerksam:
„Das spanische Ensemble Tasto Solo tritt zum ersten Mal in Prag auf. Bei seinem Konzert erklingt die älteste Musik, die beim Sommerfest zu hören sein wird. Es sind mittelalterliche Kompositionen aus dem 13. und von Anfang des 14. Jahrhunderts. Das Programm ist von zwei wichtigen mittelalterlichen Handschriften inspiriert.“
Wie jedes Jahr finden die Konzerte der alten Musik an unterschiedlichen Orten Prags statt. Josefína Matyášová:
„Wir bemühen uns, Orte auszusuchen, die zur Alten Musik passen und die ihr auch akustisch entsprechen. In diesem Jahr haben wir uns unter anderem für die bewährten Konzerträumlichkeiten wie beispielsweise das Schloss Troja oder die Kirche in der Benediktinerabtei Emaus entschieden. Weitere Konzerte finden im Palais Lobkowicz auf der Prager Burg und in der Simon-und-Juda-Kirche statt. Nach langer Zeit gibt es auch wieder eine Veranstaltung in der Peter-und-Paul-Basilika auf dem Vyšehrad. Dort wird die mittelalterliche Musik erklingen.“
Wie Matyášová anmerkt, ist das Interesse für die Alte Musik sehr groß. Das Festival habe nach den 25 Jahrgängen sein stabiles Publikum, so die Expertin.
„Die Leute fragen schon vor der Veröffentlichung des Programms, wann die Konzerte stattfinden, um den Urlaub planen zu können. Das freut uns sehr. In Prag ist das Interesse für Alte Musik allgemein stark, und zwar nicht nur im Sommer, sondern auch in der Saison, wobei das Angebot verhältnismäßig bunt ist. Ich denke, der Grund ist einfach, dass Alte Musik immer noch aktuell ist. Sie ist übersichtlich, hat eine Struktur und eine klare Botschaft. Wenn jemand sie hören und sich öffnen will, versteht er sie. Hörern, die nach einer bestimmten Entspannung und Beruhigung suchen, bringt sie auch Belehrung. Zudem enthält sie eine Art Stabilität und Ruhe, die in der heutigen Zeit notwendig sind.“
Den Großteil der Besucher des Sommerfests der Alten Musik bilden Matyášová zufolge tschechische Musikliebhaber.
„Wir haben zwar auch Konzertbesucher aus dem Ausland. Die Besucher aus den Reihen der Touristen bilden aber nur knapp zwei Prozent des Publikums. Das wissen wir auch deswegen, weil schon vor Start des Festivals ein Großteil der Veranstaltungen ausverkauft ist. Die Besucher sind meist Menschen, die im Voraus planen. Natürlich gibt es aber auch regelmäßige Festivalbesucher, die aus dem Ausland stammen und in Prag oder in Mittelböhmen leben.“
Das Sommerfest der Alten Musik findet noch bis 5. August in Prag statt. Für einige Konzerte gibt es noch Restkarten. Mehr über das Programm erfahren Sie unter https://letnislavnosti.cz/en/.
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