Jahrelanges Tauziehen um den Neubau der Nationalbibliothek

Entwurf der Nationalbibliothek von Jan Kaplický

Sie beherbergt sechs Millionen Bücher und hat 60 000 registrierte Benützer. Die Rede ist von der Nationalbibliothek der Tschechischen Republik in Prag. Seit Jahren gibt es Streit um den dringend benötigten Bibliotheks-Neubau. Diese Woche hat der Konflikt einen neuen Höhepunkt erreicht: Bibliotheksleiter Vlastimil Ježek wurde gefeuert. Wir haben dies zum Anlass genommen, die Diskussionen um den Neubau der Nationalbibliothek noch einmal Revue passieren zu lassen.

Seit dem siebzehnten Jahrhundert hat die bedeutendste tschechische Bibliothek ihren Sitz im Prager Clementinum. Doch das ehemalige Jesuiten-Kloster im Zentrum Prags platzt aus allen Nähten. In den 1990er Jahren stand die Bibliothek vor dem Kollaps: Für die rund 70 000 neuen Bücher, die die Bibliothek jedes Jahr bekommt, war kein Platz mehr vorhanden. Als Übergangslösung lagerte man einen Teil des Bestands in eine eilends als Depot adaptierte Halle im Prager Industriegebiet Hostivař aus. Doch seither ist klar, dass entweder das Clementinum aus- und umgebaut werden muss oder die Bibliothek einen Neubau braucht. Die Adaptierung des historischen Gebäudes im Prager Zentrum ist aus Gründen des Denkmalschutzes jedoch äußerst aufwändig. Zudem liegt es in unmittelbarer Nähe zur Moldau und ist wegen der drohenden Hochwassergefahr kein sicherer Standort für die teilweise sehr wertvollen Bücher.

Im Jahr 2004 wurde Vlastimil Ježek zum neuen Leiter der „Národní knihovna České republiky“ ernannt. Bereits kurz nach seinem Amtsantritt sprach sich Ježek für einen Neubau der Bibliothek aus. Seiner Meinung nach liege der ideale Standort etwas außerhalb des Stadtzentrums, möglichst in U-Bahn-Nähe. Gegenüber seinen Vorgängern schlug er damit einen neuen Weg ein. Bisher war man nämlich immer von einer Rekonstruktion und Erweiterung der historischen Räumlichkeiten im Clementinum ausgegangen.

Prager Clementinum
Anfang 2005 gaben Bibliotheksleitung und Kulturministerium die Standtortentscheidung bekannt: Der Bibliotheks-Neubau sollte auf der Prager Letná-Höhe errichtet werden. Mehr als ein Jahr später beschloss der Prager Stadtrat, der Bibliothek das Grundstück auf der Letná zu verkaufen. Wiederum ein Jahr später – wir schreiben mittlerweile März 2007 – gab Vlastimil Ježek im Beisein zahlreicher Politprominenz das Ergebnis des internationalen Architektenwettbewerbs bekannt. Der tschechische Architekt Jan Kaplický und sein Londoner Büro „Future Systems“ gingen als Sieger hervor. Kaplický gewann den Wettbewerb mit einem futuristischen Entwurf. Der eigentliche Bibliotheksbau sollte unter einer grellgrünen mit großen Löchern versehenen Fassadenhaut verschwinden. Das Innere der Haut sollte in kräftigem Violett erstrahlen. Der gewagte Plan rief alsbald geteilte Reaktionen hervor. Während die eine Seite, unter ihnen Bibliotheksdirektor Ježek und zunächst auch der Prager Bürgermeister Pavel Bém nicht müde wurde, die Einzigartigkeit des Entwurfs hervorzuheben, gab es auch heftige Kritik. Ein derart futuristisches – mancherorts war mehr oder weniger öffentlich und in unterschiedlicher Deutlichkeit auch der Ausdruck hässlich zu vernehmen – habe in unmittelbarer Nachbarschaft zur Prager Burg nichts verloren. Es störe das historische Panorama der Stadt. Staatspräsident Václav Klaus bezeichnete den geplanten Bibliotheksbau als „stark überdimensioniert und arrogant“. Das Staatsoberhaupt stieß sich auch an Ausstattungsdetails wie den nicht zu öffnenden Fenstern und der künstlichen Beleuchtung. In einem Gastkommentar für die Tageszeitung „Mf Dnes“ warf Klaus sogar die Frage auf, ob die Nationalbibliothek denn überhaupt ein neues Gebäude brauche.

Aber nicht nur auf politischer Ebene wurden die Töne schriller. Einige der im Architektenwettbewerb unterlegenen Studios hegten Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Jury-Entscheidung. Ebenso die Tschechische Architektenkammer. Dieser Meinung schlossen sich auch Fachleute an. In der Ausschreibung des Wettbewerbs war gefordert, dass die Bücherspeicher oberirdisch angeordnet werden müssen. In Kaplickýs Entwurf, der mittlerweile von den Medien und der Öffentlichkeit die Spitznamen „Blob“ und „Krake“ bekommen hatte, sind die Magazine jedoch unter der Erde geplant. Wie in den meisten anderen Bibliotheken der Welt auch. Die Gegner des Projekts schalteten auch die tschechische Wettbewerbsbehörde ein. Das Kartellamt erklärte sich jedoch zunächst für nicht zuständig und verwies auf die Internationale Architektenunion UIA. Diese konnte jedoch keine Unregelmäßigkeiten in der Ausschreibung erkennen. Nach einigen weiteren Beschwerden und einem entsprechenden Auftrag vonseiten den Kulturministeriums leiteten die Wettbewerbshüter im Februar 2008 doch noch ein Prüfungsverfahren ein. Im August dieses Jahres erklärte die stellvertretende Behördenleiterin, der Architektenwettbewerb stehe offensichtlich nicht im Einklang mit dem EU-Recht und empfahl der Bibliotheksleitung, das Auswahlverfahren zu annullieren. Bibliotheks-Chef Ježek hingegen vertrat weiterhin den Standpunkt, die Jury-Entscheidung sei rechtmäßig. Eine eventuelle Neuausschreibung könnte zu jahrelangen Rechtsstreitigkeiten mit den Siegern des ursprünglichen Wettbewerbs führen, warnte er.

Als Reaktion auf die Äußerungen der tschechischen Wettbewerbsbehörde stellte eine Gruppe von fünf Architekten Strafanzeige gegen unbekannte Täter wegen der unrechtmäßigen Projektauswahl. Kurz darauf bekam die Staatsanwaltschaft auch Post von Bibliotheksdirektor Vlastimil Ježek. Er zeigte unbekannte Täter in der Prager Stadtverwaltung an. Sie hätten der Bibliothek schweren wirtschaftlichen Schaden zugefügt, indem sie das Grundstück auf der Prager Letná nicht wie vom Stadtrat beschlossen an die Bibliothek verkauften. Vlastimil Ježek wies auch erneut auf die Dringlichkeit des Neubaus hin. Andernfalls drohe der Nationalbibliothek der Platz auszugehen und in drei, spätestens vier Jahren komme es erneut zum Kollaps.

Entwurf der Nationalbibliothek von Jan Kaplický
Hintergrund des bisher nicht erfolgten Grundstücksverkaufs durch die Stadt dürfte vor allem der deutliche Meinungsumschwung des Prager Oberbürgermeisters Pavel Bém sein. Hatte er im März 2007 bei der Vorstellung des Siegerprojektes den Entwurf Jan Kaplickýs noch ausdrücklich gelobt, bezeichnete der im Oktober desselben Jahres den Standort auf der Prager Letná-Höhe wörtlich als „unglücklich“.

Während auf der einen Seite die Befürworter von Kaplickýs „Krake“ Unterstützungsunterschriften sammelten, begann unter den Gegnern die Suche nach Alternativen. Von Milan Knížák, dem Leiter der Tschechischen Nationalgalerie, kam die Idee, das heutige Kongreßzentrum an der Nusle-Brücke zur Bibliothek umzubauen. Der ehemalige Kulturpalast – kurz PaKul – ist vielen wegen seiner Ausmaße und seiner kommunistischen Vergangenheit earchitektura/narodni_knihovna_blobin Dorn im Auge.

„Der PaKul ist ein hässliches Gebäude mitten in Prag. Er stört das Stadtbild enorm. Außerdem ist sein Betrieb sehr teuer und eigentlich ist er zu nichts zu gebrauchen. Wenn nun aber die Nationalbibliothek das Gebäude nutzen würde, dann schlagen wir zwei Fliegen mit einer Klappe. Auch wenn der Umbau sicher einiges an Geld kosten wird. Wir geben dem PaKul eine Funktion und an dem Platz steht etwas Vernünftiges. Damit würden wir nicht nur das Bibliotheks-Problem lösen, sondern auch das Stadtbild-Problem.“

So Knížák im April dieses Jahres in einer Talkshow im tschechischen Privatfernsehen „Prima“. Er gab sich überzeugt, dass Jan Kaplickýs Entwurf auf der Letná-Höhe niemals realisiert werde. Für einige Tage vermochte Milan Knížák mit seiner Idee frischen Wind in die festgefahrene Debatte um den Neubau der Nationalbibliothek zu bringen. Er traf auch mit dem Prager Oberbürgermeister Pavel Bém zu Gesprächen darüber zusammen. Doch schließlich verschwand der von Knižák selbst als „einfach genial“ bezeichnete Vorschlag sehr rasch in den Schubladen. Und damit wurde es für einige Wochen auch wieder still um das Bibliotheks-Projekt. Weder die Meinung der tschechischen Wettbewerbsbehörde über den unrechtmäßigen Verlauf des Architektenwettbewerbs noch Vlastimil Ježeks Anzeige gegen die Prager Stadtverwaltung konnten die öffentliche Debatte über den Neubau der Nationalbibliothek wieder voll entfachen.

Vlastimil Ježek (Foto: ČTK)
Bewegung in die unendliche Geschichte des Bibliotheksneubaus kam erst wieder, als Ende August dieses Jahres Gerüchte laut wurden, Bibliotheksleiter Ježek stehe vor der Abberufung. Zunächst kam noch ein Dementi aus dem Kulturministerium. Doch am Abend des 8. September verkündete ein Sprecher des Ressorts die Ablöse von Vlastimil Ježek. Kulturminister Václav Jehlička selbst nahm erst am Mitte der Woche zu seiner Entscheidung Stellung:

„Wir haben einige Rechtsgutachten bekommen, die klar sagen, dass der Architektenwettbewerb von Anfang an klar im Widerspruch zu den Gesetzen gestanden ist. Das hat das Fass nun zum Überlaufen gebracht.“

Vlastimil Ježek zeigte sich im Tschechischen Fernsehen wenig überrascht über seiner Abberufung:

„Nachdem in den vergangegen zehn Tagen schon eifrig über meine mögliche Ablöse spekuliert wurde, war das keine große Überraschung.“

Erstaunt war er allerdings über die Gründe für seine Abberufung. „Ich verstehe die Begründung nicht. Ich bin mir keiner Verfehlungen bewusst. Und auch die mir vorgehaltenen finanziellen Risken sehe ich nicht. Hinzu kommt, dass ich den Architektenwettbewerb mit Zustimmung des Ministeriums ausgeschrieben habe.“

Kulturminister Václav Jehlička (Foto: ČTK)
Wenige Tage vor seiner Abberufung hatte Vlastimil Ježek noch berichtet, er stehe mit einem privaten Grundstückseigentümer kurz vor der Einigung über einen Ankauf. Damit wollte Ježek einen neuen Anlauf zur Realisierung des Entwurfs von Jan Kaplický starten, wenn auch an einem anderen Standort.

„Ich hoffe wirklich sehr, dass meine Ankündigung, einen alternativen Standort für den Neubau gefunden zu haben, nicht als zu positive Meldung bewertet wurde“, spielt Ježek auf die Möglichkeit an, dass man durch seine Abberufung den Bau des „Blobs“ verhindern wolle.

Pikant an Ježeks Rauswurf ist auch, dass er in diesen Tagen seine Wahlkampagne startet. Er kandidiert mit Unterstützung der Christdemokraten für einen Sitz im Senat. Und Kulturminister Václav Jehlička ist Mitglied ebendieser Partei. Der Chef der Christdemokraten und Vizepremier Jiří Čunek kann Ježeks Abberufung nicht nachvollziehen

„Das war ein falscher Schritt. Ich sehe keinen Gründe dafür, den Direktor Ježek abzuberufen.“

Auch weitere christdemokratische Politiker reagierten mit Unverständnis auf die Entscheidung ihres Kulturministers. Indes wurde Pavel Hazuka mit der Leitung der Nationalbibliothek beauftragt. Bisher war er Vorstand des Denkmals des Nationalen Schrifttums. Hazuka kündigte an, an der Realisierung von Jan Kaplickýs „Krake“ festhalten zu wollen: „Dieses Projekt ist großartig. Es wäre schade, sich dafür nicht mehr zu interessieren.“

Es scheint ganz, als wäre das letzte Wort in dieser unendlichen Geschichte noch lange nicht gesprochen.