Jahrhunderte unter Wasser: Geheimnisse der ältesten Prager Brücken

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Die Stadt Prag, wurde an einer Kreuzung zweier wichtiger Handelswege gegründet. Seit ihrer Entstehung ist sie durch die Moldau in zwei Teile getrennt, jahrhundertelang stellte der Fluss eine Barriere dar. Das Leben der Stadt, der Handel sowie ihre Verteidigung hingen davon ab, diese Barriere zu überwinden. Daher musste eine Brücke gebaut werden, um die beiden Ufer zu verbinden. Die älteste Moldaubrücke war aus Holz. Im 12. Jahrhundert wurde sie dann durch eine Steinbrücke ersetzt, die nach der Königin Judith benannt wurde. 1342 fiel diese Brücke einem Hochwasser zu Opfer. Im Jahr 1357 gelang es dann, eine neue Steinbrücke zu bauen: Die Karlsbrücke dient den Pragern nun seit mehr als 600 Jahren. Sie hat in dieser Zeitspanne mehrere Kriege und viele Hochwasser überstanden. Anlässlich des 10. Jahrestags der verheerenden Hochwasserkatastrophe im Jahr 2002, die Prag heimsuchte, wurde im Prager Stadtmuseum eine Ausstellung eröffnet, die den beiden ältesten Prager Brücken gewidmet ist.

Bradáč-Kopf, foto: Martina Schneibergová
Wie die Karlsbrücke über dem Wasser aussieht, weiß fast jeder. Was sich aber unter dem Wasser verbirgt, haben noch vor kurzem nicht einmal die Denkmalschutzexperten gewusst. Bei archäologischen Forschungen, die während der Instandsetzung der Brücke durchgeführt wurden, konnten neue Erkenntnisse über die Karlsbrücke sowie über den erhaltenen Torso der Judith-Brücke gesammelt werden. Auch die Untersuchungen von Tauchern, die sich an der Befestigung der Fundamente von zwei Pfeilern der Karlsbrücke nach dem Hochwasser von 2002 beteiligten, förderten Neues zutage. Weitere Untersuchungen konzentrierten sich auf die Reste der Pfeiler der Judith-Brücke. Sie wird im ersten Teil der Ausstellung „Jahrhunderte unter Wasser“ beschrieben. Die Führung beginnt beim ältesten Wasserstandsmesser in Prag, bei einer Kopie des so genannten „Bradáč“. Das steinerne Gesicht eines bärtigen Mannes befindet sich auf der Altstädter Seite der Karlsbrücke. Archäologe Zdeněk Dragoun vom staatlichen Denkmalschutzamt beteiligte sich an den Forschungen des Torsos der Judith-Brücke und an der Zusammenstellung der Ausstellung.

„Von den dreidimensionalen Exponaten, die hier zu sehen sind, möchte ich auf die Pflastersteine aus Basalt aufmerksam machen. Sie stammen wahrscheinlich aus der Zeit nach 1282, als die Judith-Brücke nach einem Hochwasser repariert wurde. Von der ursprünglichen Konstruktion dieser Brücke werden hier Holzfragmente gezeigt. Dieses Stück Holz stammt konkret vom Fundament eines der Pfeiler, das im Flussbett versteckt war. Gefunden haben ihn die Taucher der tschechischen Polizei. Es wurde dendrochronologisch untersucht. Es zeigte sich dabei, dass der jüngste Jahresring aus dem Jahr 1156 stammt. Wir wissen also, dass es um ein Stück Holz geht, das wirklich mit dem Bau der Brücke zusammenhing. Es ist leider nicht der letzte Jahresring, denn diese sind nicht erhalten geblieben.“

Zdeněk Dragoun
Vergleicht man Judith-Brücke und Karlsbrücke, lässt sich erkennen, dass sie relativ ähnlich waren:

„Ich denke, dass die Karlsbrücke eine Art Replik der Judith-Brücke ist. Der Unterschied besteht darin, dass die Karlsbrücke viel höher ist. Es war eine Reaktion darauf, dass die Judith-Brücke während eines Hochwassers einstürzte. Die Bögen der Judith-Brücke waren nicht so groß und bei der Überschwemmung wurden sie durch das auf dem Wasser treibende Holz verstopft. Als sich das Wasser mit seiner vollen Kraft gegen die Brücke stemmte, stürzte die Brücke zusammen. Um dies zu verhindern, wurde die Karlsbrücke mit viel größeren Bögen erbaut. Wie wir jedoch aus der Geschichte wissen, hat es aber nicht gereicht.“

Nachdem die Judith-Brücke 1342 durch ein Hochwasser einstürzte, hat man sie durch eine neue Steinbrücke ersetzt, die später nach Karl IV. benannt wurde. Aber auch die Karlsbrücke wurde einige Mal bei Überschwemmungen beschädigt. Nach einem Hochwasser von 1784 mussten beispielsweise einige Brückenpfeiler repariert werden. Über dieses Hochwasser erfährt der Besucher in der Ausstellung eine Menge. Es sind Bilder erhalten geblieben, auf denen die Instandsetzung der Brücke nach dem Hochwasser detailliert dargestellt wird. Während der Arbeiten an der Brücke galten Sonderregeln für den Verkehr auf der Brücke. So war es damals, unter anderem, verboten, zu schnell über die Brücke zu fahren. Ondřej Šefců vom staatlichen Denkmalschutzamt hat die Dokumente für diesen Teil der Ausstellung zusammengetragen:

„Um den Verkehr in Prag aufrechtzuerhalten, wurde damals während der Reparaturarbeiten eine provisorische Pontonbrücke über die Moldau errichtet. Es sind hier auch Erlässe zu sehen, in denen die Bedingungen beschrieben sind, unter denen die Brücke genutzt wurde. So mussten die Reiter vom Pferd absteigen und es war genau beziffert, wie große die Last sein durfte, die transportiert wurde. Die Ponton-Brücke befand sich dort, wo sich heutzutage die Mánes-Brücke über die Moldau erstreckt.“

Die Karlsbrücke war schon immer ein beliebtes Motiv für Künstler: Im Museum ist eine Auswahl von Radierungen und Gemälden zu sehen, die die berühmte Prager Brücke in verschiedenen Zeitepochen darstellen. Ondřej Šefců macht besonders auf einen ausgestellten Stein aufmerksam:

„Dieses Exponat würde ich als Nr. 1 bezeichnen. Bei den Untersuchungen unter Wasser stellte man fest, dass sich dieser Stein aus den Fundamenten der Karlsbrücke gelöst hat. Was an dem Stein erstaunlich ist, sind die geschmiedeten Klammern. Sie sind nach etwa 600 Jahren im Wasser vollständig erhalten geblieben. Die Klammern verbanden die Steinblöcke miteinander, die ganz untern rund um den ganzen Pfeiler gelegt wurden. Sie stellten den ersten verlässlichen robusten Schutz gegen den starken Flussstrom dar.“

Foto: Martina Schneibergová
Nach der Karlsbrücke wurde erst im 19. Jahrhundert eine weitere Brücke über die Moldau in Prag erbaut. Keine der später errichteten Brücken ist jedoch so berühmt geworden wie die Steinbrücke, die Karl IV. erbauen ließ.

Im Museum der Hauptstadt Prag sind zudem zahlreiche unter dem Wasser geschossene Fotos der Brückenpfeiler zu sehen. Gezeigt werden auch zwei Dokumentarfilme, die die Untersuchungen der beiden Brücken unter Wasser sowie das Hochwasser in Prag beschreiben. Die Ausstellung mit dem Titel „Jahrhunderte unter Wasser“ ist im Hauptgebäude des Stadtmuseums in Prag – Florenc noch bis zum 4. November dieses Jahres zu sehen. Das Museum ist täglich außer montags von 9 bis 18 Uhr geöffnet.