Jan Patocka - ein Philosoph, der Geschichte schrieb

Jan Patocka

Das Leben des bedeutenden tschechischen Philosophen Jan Patocka umfasste die Schrecken des 20. Jahrhunderts. Im Jahr 1907 geboren, erlebte er den Ersten und Zweiten Weltkrieg und weitere 30 Jahre kommunistische Vorherrschaft bis zu seinem Tod im Jahre 1977. Sein Schicksal ist beispielhaft für viele Intellektuelle, deren Leben und Arbeiten durch das Regime eingeschränkt oder unterdrückt wurde. Das Außergewöhnliche im Leben von Jan Patocka bestand darin, dass er es wagte, aus dem Schatten der Geschichte herauszutreten und die Verantwortung für den Lauf des Geschehens selbst zu übernehmen. Er wurde zum Philosophen, der Geschichte schrieb.

Wer war Jan Patocka? Vielfältig und facettenreich ist die Palette seines Wirkens und seiner Person. Das spiegeln auch die Antworten der heutigen Studenten an der ehemaligen Wirkstätte, der philosophischen Fakultät der Karlsuniversität in Prag wider:

"Er war ein großer tschechischer Philosoph, ein Professor, der erste Sprecher der Charta 77."

Jan Patocka wird vor 100 Jahren in dem kleinen ostböhmischen Städtchen Turnov geboren. Dort verbringt er seine Kindheit und Jugendzeit, umsorgt von einer ihn liebenden, musikalischen Mutter, einem gelehrten Vater, der aus einer tschechisch-deutschen Familie stammte, und drei Brüdern, die ebenso wie er akademische Karrieren einschlagen. Bereits der zehnjährige Jan, so schreibt Patockas Mutter dem Vater, zieht das Lesen philosophischer Bücher dem Aufräumen vor. Eine Begabung, die die Eltern fördern und die eine wissenschaftliche Laufbahn verspricht. Bereits in den 20er Jahren, also in der Ersten Republik, kann Patocka dank eines Stipendiums an der angesehenen Pariser Sorbonne das Studium der Philosophie vertiefen. Schicksalshaft wird dort für ihn seine erste Begegnung mit Edmund Husserl. Dessen Phänomenologie sollte von diesem Zeitpunkt an zu Patockas Lebensinhalt werden. Zu Beginn der 30er Jahre verbringt er sein Studium als Schüler von Husserl und dem Philosophen Martin Heidegger in Freiburg im Breisgau und in Berlin.

Mit 24 Jahren promoviert Jan Patocka, fünf Jahre später schließt er seine Habilitation ab. Die Laufbahn als Professor an der Universität steht ihm offen. Ivan Chvatik, Leiter des Patocka-Archivs, und sein langjähriger Schüler, erinnert sich:

"Ja, er war am meisten ein philosophischer Forscher, alles andere erforderte eigentlich nur die Situation."

Patocka gründet zusammen mit anderen Philosophen den "Philosophischen Zirkel" in Prag und beginnt zu publizieren. Der Zweite Weltkrieg unterbricht erstmals seine akademische Tätigkeit, er ist gezwungen, als Gymnasiallehrer zu unterrichten. Doch seine Kontakte zu den deutschen Philosophenkreisen zerbrechen daran nicht. Nach dem Krieg setzt er seine Laufbahn als Dozent an den Universitäten in Prag und Brno / Brünn fort. Das zweite Aus schockiert Patocka als Bürger des jungen demokratischen Europas zutiefst. Das Verbot der Lehrtätigkeit, das die kommunistischen Machthaber ihm von nun an regelmäßig auferlegen, löst tiefe Zweifel in ihm aus. In einem Brief im Dezember 1950 vertraut er sich seinem Freund, dem Kunsthistoriker Vaclav Richter, an:

"Ich habe den größten Teil meines Vertrauens in die Zukunft verloren. Und ich habe das Vertrauen in die Fähigkeit der westlichen Welt verloren, die Zügel in dieser Situation in den Händen zu halten oder diese zu lenken. Und darum geht es mir sehr elend und schlecht. Was hat diesen Vertrauensverlust ausgelöst? Vor allem, dass mich die westliche Politik so ersichtlich beeindruckt hatte."

Die neue Situation wird für den Familienvater von drei kleinen Kindern dadurch erschwert, dass er 40 Prozent seines Gehalts einbüßt und mit keiner stetigen Tätigkeit mehr rechnen kann. Statt einer aufsteigenden Universitätskarriere, wie sie ihm in Westeuropa offen gestanden hätte, muss Patocka seine Lehrtätigkeit fast 20 Jahre lang unterbrechen. Ungebrochen hingegen bleibt sein Wille, etwas zu hinterlassen, und er setzt seine Studien zur Phänomenologie fort, soweit es seine Kraft, Gesundheit und Zeit erlauben. Erst der Prager Frühling, im Jahr 1968, bringt den langen Frost kommunistischer Allmacht zum Schmelzen, und Patocka wird endlich als Professor der Philosophie an die Karlsuniversität in Prag berufen. Es folgen Aufenthalte, Vorlesungen und Konferenzen in ganz Europa; der Kontakt mit deutschen Philosophenkollegen wie Ludwig Landgrebe und Walter Biemel lebt auf. Doch die Blütezeit währt nur kurz.

Das dritte Verbot seiner Lehrtätigkeit, im Jahr 1972, ist der Beginn seines aktiven Engagements für die politische Opposition, die ihn schließlich zum gedanklichen Vorreiter und ersten Sprecher der Dissidentenbewegung Charta 77 macht. Ivan Chvatik beschreibt Patockas Bedeutung:

"Das Wichtigste am Ende seines Lebens war die Charta-Sache. Er hat eigentlich das Niveau der ganzen Charta 77 hochgehalten."

Vor allem sein Einsatz für die Mitglieder der Untergrund-Rockband "Plastic People of the Universe", die zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt werden, macht Patocka für viele Menschen zur moralischen Instanz, die sich nicht scheut, für die Wahrheit einzustehen. Patocka selbst, trotzdem er nach dem Tod seiner Frau Helena und zwei gescheiterten Liebesbeziehungen immer einsamer wird, entscheidet sich, die Geschichte nicht länger als gegeben hinzunehmen, sondern selbst die Verantwortung zu übernehmen. In einer der geheim gehaltenen Vorlesungen im Jahre 77 betont er:

"Wo ändern sich die Welt und die Geschichte? Im Innern, besser gesagt, im Leben des Einzelnen."

Ein Gedanke, den er bis zu seinem erschöpften Ende im Frühjahr 1977, mit Überzeugung an viele Menschen weitergibt. Patocka stirbt nach mehreren Verhören durch die Staatspolizei an einem Hirnschlag. An seinem Begräbnis nehmen trotz Überwachung und Kontrolle durch die Staatssicherheit über 1000 Trauernde teil. Hören Sie eine zeitgenössische Lesung des Nachrufes auf Patocka, in dem der Schriftsteller Ludivík Vaculik die besondere Einstellung des Philosophen festgehalten hat.

Professor Patocka hätte auch weiter mit seiner nichtstaatlichen Philosophie bescheiden leben können. Er hätte weiter im privaten Kreis seiner jungen Schüler und der ständig wachsenden Gruppe von Bewunderern wirken können. Er hätte Abschriften seiner letzten Arbeiten unterzeichnen können, die nicht tschechisch herauskommen durften. Der Philosoph Patocka aber tat damit dem Unrecht, was er als Bürger äußerte, dem fast sein ganzes Leben hindurch niemand das Wort erteilte. Deshalb entschied er sich schließlich, es selbst zu ergreifen. In seinen letzten Artikeln - geschrieben zur Verteidigung der Charta 77 - sagte er, und das äußerst taktvoll und gelassen, dass wir alle gleich sein wollen vor dem Gesetz, soweit es im Gesetz steht. Aber auch darüber hinaus: gleich in unserem natürlichen Recht auf eine verschiedene persönliche Entwicklung. Wir haben nicht nur das Recht auf Freiheit, sondern auch die schwere Verpflichtung zur Freiheit und Disziplin.

Patocka hat mit seinem persönlichen Einsatz den Stein der Geschichte ins Rollen gebracht. Die kommunistischen Machthaber konnten diesen noch zwölf lange Jahre festhalten, aufhalten ließ sich die Geschichte jedoch nicht mehr.