Daniel Kroupa: Philosophie musste man während des Kommunismus zu Hause studieren

Daniel Kroupa, foto: David Sedlecký, Archiv des Tschechischen Rundfunks

In der kommunistischen Tschechoslowakei war die Beschäftigung mit Philosophie nur sehr eingeschränkt möglich. An den Universitäten wurde lediglich die marxistische Sichtweise unterrichtet. Dabei wurden Philosophen aus anderen Richtungen falsch interpretiert oder gleich ganz ignoriert. Wer Philosophie abseits der Ideologie hören wollte, suchte sich damals einen anderen Weg: Professoren, Studenten und Dissidenten verabredeten sich zu illegalen Seminaren in Privatwohnungen. Dies sei die beste Schule für das Leben gewesen, sagen viele der Teilnehmer heute rückblickend.

Daniel Kroupa, foto: David Sedlecký, Archiv des Tschechischen Rundfunks
Viele junge Menschen in der Tschechoslowakei durften nach der Niederschlagung des Prager Frühling nicht studieren. Der Grund: Sie hatten mit der Idee eines Sozialismus mit „menschlichem Antlitz“ sympathisiert. Auch eine ganze Reihe von reformorientierten Uni-Professoren musste nach 1968 ihre Stelle verlassen. Die Konsequenzen spürten die Betroffenen zumeist bis zur politischen Wende 1968: Sie konnten nur schlecht bezahlte Hilfsarbeiten verrichten und waren unter ständiger Kontrolle der Staatspolizei. In dieser Situation entschlossen sich einige der ehemaligen Professoren, ihre Studenten zu Hause zu unterrichten. Bei diesen informellen Seminaren wurden natürlich auch Themen diskutiert, die öffentlich tabu waren: zum Beispiel die Menschenrechte, Freiheit und Demokratie. Auch der Philosoph Jan Patočka hat damals solche Zusammenkünfte organisiert. Der Nachwende-Politiker Daniel Kroupa war einer seiner Studenten:

"Jan Patočka sagte einem nicht, was man denken sollte. Er lehrte, selbstständig zu denken."

„Wenn Patočka über einen Philosophen sprach, zeigte er auf, wie man dessen Gedanken aktuell auslegen könnte. Das machte seine Vorträge interessant. Anderseits muss ich sagen, dass er keine billigen Aktualisierungen lieferte. Er bemühte sich vor allem an die Ideen von Edmund Husserl, einem deutschen Philosophen mährisches Ursprungs, anzuknüpfen. Nicht nur ich brauchte ein paar Jahre, um zum Kern seiner Lehre vorzudringen. Was dabei wichtig war: Patočka sagte einem nicht, was man denken sollte. Er lehrte selbständig zu denken. Deswegen gab es unter seinen Schülern Persönlichkeiten unterschiedlicher Natur und jede ging später ihren eigenen Weg.“

Jan Patočka zählt zu den bedeutendsten tschechischen Philosophen des 20. Jahrhunderts. 1936 wurde er Professor an der Prager Karlsuniversität, in kommunistischer Zeit konnte er dort aber nur sehr kurz wirken. 1971 erteilte die Universität in Aachen Patočka ein Ehrendoktorat, die tschechoslowakischen Behörden verhinderten jedoch seine Ausreise. Später durfte er nicht einmal publizieren. Patočka war einer der Initiatoren der Petition Charta 77, die das Regime zur Einhaltung der Menschenrechte aufforderte. Im selben Jahr aber starb er, nach einem gewalttätigen Verhör durch die tschechoslowakische Geheimpolizei. Die von ihm geleiteten Hausseminare übernahm Daniel Kroupa.

„Patočka wurde üblicherweise eingeladen, Hausseminare bei jemandem zu veranstalten. Zu den Gastgebern zählte das Ehepaar Brazda, beide waren bildende Künstler. Dort hielt Patočka viele wichtige Vorträge, die später auch schriftlich erschienen sind. Illegal, versteht sich. Erst kurz vor seinem Tod organisierte Patočka Seminare in seinem eigenen Haus. Nachdem er gestorben war, machte ich mir Sorgen um sein intellektuelles Vermächtnis. Daher habe ich mich entschieden, Patočkas Gedanken an eine Gruppe von jungen Menschen weiter zu vermitteln. Auf dem Tisch standen eine große Teekanne und ein paar belegte Brötchen. Manchmal haben wir vier Stunden über eine Idee diskutiert.“

"Manchmal haben wir vier Stunden über eine Idee diskutiert."

Die Hausseminare von Daniel Kroupa besuchten innerhalb von 12 Jahren etwa 50 junge Menschen. Aus der Sicht der damaligen Machthaber handelte es sich um illegale Treffen. Daher wagten sich nur diejenigen dorthin, die wirklich großes Interesse hatten. Viele wurden später selbst Philosophen, zum Beispiel Filip Karfík. Er ist heute Professor an der Universität in Fribourg in der Schweiz. Unter den Teilnehmern waren aber auch Studenten der Geschichte, Medizin und anderer Fachgebieten. In den 1980er Jahren kamen auch Ausländer, die in der Tschechoslowakei studierten – Polen, Ungarn, einige Afrikaner und sogar ein Franzose. Sie alle gingen ein hohes Risiko ein. Wenn ihre Teilnähme aufgeflogen wäre, hätte dies wohl das Ende des Studiums bedeutet.

Geheimtreffen, Charta 77 (80 Jahre), Foto: Tschechisches Fernsehen
„Ich habe alle am Anfang gewarnt und auf dieses Risiko aufmerksam gemacht. Natürlich habe ich niemandem einen Vorwurf gemacht, wenn er sich entschieden hat, nicht mehr zu kommen. Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang an zwei interessante Fälle: der erste war ein Junge, der seine Teilnahme mit der Begründung beendete, dass er politisch exponierte Eltern hatte und ihnen und sich selbst keine Probleme machen wolle. Der zweite war ein Agent der Staatspolizei, den wir enttarnt haben. Für ihn waren die Seminare ganz offensichtlich langweilig. Erstens hat er die Philosophie gar nicht verstanden. Und zweitens hat er gesehen, dass wir wirklich gemeinsam gelernt haben, uns eine eigene Meinungen zu bilden und uns kritisches Denken anzueignen.“

Auch Daniel Kroupa stand während der kommunistischen Zeit unter Beobachtung. Die Erniedrigung durch das Regime hat er schon als Kind miterlebt: Durch Enteignung verlor Kroupas Vater seine Firma, die Familie wurde als „bourgeois“ bezeichnet. In der Schule bekam Daniel als einziger in der Klasse nicht das rote Pionierstuch, seine Mitschüler machten einen großen Bogen um ihn. Das Studium der Philosophie an der Prager Uni durfte er nicht abschließen, weil er sich kritisch über Marxismus geäußert hatte. Nachdem Kroupa 1977 die erwähnte „Charta“ unterschrieben hatte, übte er verschiedene Berufe aus. Er war Heizer, Fensterputzer, Sanitär im Krankenhaus. Kroupa schloss Freundschaft mit Vaclav Havel und anderen Dissidenten. Die ständige Überwachung durch die Staatspolizei gehörte für ihn zum Alltag. Die Emigration war jedoch keine Lösung für Kroupa: einerseits wollte er seine alten Eltern nicht verlassen, anderseits hätte eine Emigration für ihn den Sieg des Regimes bedeutet. Die Staatspolizei hatte ihn nämlich dazu aufgefordert:

Von rechts: Václav Havel, Daniel Kroupa, Pavel Bratinka und weitere (Foto: Post Bellum)
„Das war eine Aktion, deren Ziel es war, die Dissidenten aus dem Land zu vertreiben. Damals wollten viele Menschen nach Jugoslawien ausreisen und dort illegal die Grenze nach Österreich oder Italien überqueren - obwohl sie dabei auch erschossen werden konnten. Einmal wurde ich zu einem Verhör geladen. Etwa sechs Staatspolizisten saßen mir gegenüber. Sie legten ein komplett ausgefülltes Formular auf den Tisch. Es hatte nur zwei leere Spalten: Eine für das Land, in das ich expatriiert werden wollte, und eine für meine Unterschrift. In diesem Moment spürte ich ein sonderbares Gefühl der Überlegenheit. So konnte ich ihnen das Blatt leichten Herzens zurückgeben.“

"Es gab hier immer Menschen, die sich mit Philosophie befasst haben – wenn auch nicht offiziell auf akademischem Boden.“

Nach der „Samten Revolution“ 1989 wurde Daniel Kroupa Politiker. Viele Jahre lang war er Abgeordneter für die „Bürgerliche demokratische Allianz“ – eine Partei, die heutzutage nicht mehr existiert. Vor ein paar Jahren kehrte er jedoch zur Philosophie zurück, nun unterrichtet er an der Prager Karlsuniversität. Der Unterschied zu den früheren Hausseminaren sei groß, sagt Kroupa. Nur wenige Studenten interessierten sich wirklich für philosophische Fragen, den meisten gehe es nur um den Antrag ins Studienbuch. Doch insgesamt steht es um die Philosophie in Tschechien nicht so schlecht, meint Daniel Kroupa:

Daniel Kroupa, foto: Prokop Havel, Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks
„An den Universitäten gibt es Persönlichkeiten, denen ist es gelungen, die humanistischen Fächer wieder zu erwecken. Das ist für mich ein kleines Wunder. Man muss bedenken, dass es hierzulande 50 Jahre lang unmöglich war, ein selbständiges Denken zu entwickeln. Sowohl den Nazis, als auch den Kommunisten ging es darum, die Intelligenz zu vernichten, ja, den Menschen das Gehirn auszuwaschen! Wenn man aber heute in eine bessere Buchhandlung kommt, findet man dort neben viel Schund auch volle Regale philosophischer Bücher, oft sehr gut geschrieben oder übersetzt. Das ist auch eine Frucht dieser Hausseminare. Es gab hier immer Menschen, die sich mit Philosophie befasst haben – wenn auch nicht offiziell auf akademischem Boden.“