Jenseits des Halali: Was Jäger außerhalb der Jagdsaison tun

Mit den Jägern auf "Hasenschau" im Jagdrevier Dubec bei Prag.

Europa ist grenzenlos, zumindest für Viren. Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis die Vogelgrippe auch in die Tschechische Republik "eingeflogen" wird. Verhindern lässt sich eine Ausbreitung nicht, einschränken aber sehr wohl: Daran sind auch die Jäger beteiligt, die durch ihre Arbeit in der Informationskette an erster Stelle stehen. Der Beruf des Jägers endet nämlich noch lange nicht mit dem letzten Halali. Sandra Dudek hat sich bei einem Ausflug in ein Jagdrevier persönlich davon überzeugt:

Mit den Jägern auf "Hasenschau" im Jagdrevier Dubec bei Prag.
Auf den Feldern in Dubec bei Prag herrscht vorzeitiges Frühlingserwachen. Ungeachtet der Kälte sind bei den Feldhasen heiße Verfolgungsjagden angesagt, die Paarungszeit beginnt. Viermal pro Jahr haben die Hasen Nachwuchs. Dass die Hasenpopulation, wie es im tschechischen Jägerjargon heißt, selbst nach einem so strengen Winter wie diesem und in einem doch relativ urbanen Gebiet ungehemmt ihren Trieben nachgehen kann, liegt nicht zuletzt am zuständigen Jäger Frantisek Horky: Als Bewirtschafter des Reviers Dubec bei Prag kümmert er sich tagtäglich um das Wild und ist damit für das Wohl der Tiere mitverantwortlich. Denn obwohl das Image der Jäger schon viel besser geworden sei, wüssten immer noch viele Menschen nicht, dass es in diesem Beruf das ganze Jahr etliche Aufgaben zu erledigen gebe, meint Jiri Silha, Pressesprecher des Böhmisch-Mährischen Jagdverbandes:

"Während des Jahres gibt es natürlich eine Menge Tätigkeiten. Es ist nicht nur die Jagd, die so verherrlicht wird, zum Jagdwesen gehören natürlich auch die Wildhege, die Beobachtung des Gesundheitszustandes der Tiere, die Kontrolle von Zuchtfarmen, also sämtliche Maßnahmen, damit das Wild bessere Bedingungen zum Überleben hat."

Zu diesen Maßnahmen gehört unter anderem die Zufütterung. Besonders in kalten Wintern ist sie für den Erhalt des Wildbestandes unerlässlich, aber auch andere Tiere profitieren von den eigens errichteten Futterstellen. Für die Feldhasen wiederum werden in der kalten Jahreszeit Apfelbaumzweige ausgelegt. Die weiche Rinde ist eine unter Hasen beliebte Spezialität, die außerdem auch ihre Gesundheit stärkt. Ohne Hilfe der Jäger könnten sie nie von den Vorteilen profitieren. In der Hege und Pflege des Wildes ist Kontinuität besonders wichtig. Viele der rund 100.000 tschechischen Jäger, die im Böhmisch-Mährischen Jagdverband Mitglied sind, sind tagtäglich in der Natur, um sich um das Wild zu kümmern und dabei auch dessen Gesundheitszustand zu beobachten. Daher ist es nicht verwunderlich, dass die Jäger hinsichtlich der Vogelgrippe eine der wichtigsten Positionen in der Informationskette einnehmen. Dazu Jaroslav Palas, Vorsitzender des Böhmisch-Mährischen Jagdverbandes:

"Der Böhmisch-Mährische Jagdverband und seine Mitglieder, die Jäger, führen ein Monitoring durch. Wenn sie in der Natur auf verendete Vögel stoßen, kontaktieren sie sofort die Staatliche Veterinäraufsicht. Diese Abmachung mit der Staatlichen Veterinäraufsicht besteht bereits und in diesem Sinne sind wir sozusagen der verlängerte Arm der Behörde."

Mit den Jägern auf "Hasenschau" im Jagdrevier Dubec bei Prag.
In der Tschechischen Republik ist die Vogelgrippe bisher noch nicht festgestellt worden, der Böhmisch-Mährische Jagdverband hat freilich bereits eine Richtlinie für die heimischen Jäger herausgegeben, in der neben Präventivmaßnahmen auch die Maßnahmen nach dem Auffinden toter Vögel angeführt sind. Auf EU-Ebene ist die Europäische Kommission für eine koordinierte Vorgangsweise zuständig. Als beratendes Organ versteht sich dabei die Europäische Föderation der Organisationen für das Jagdwesen und den Naturschutz, kurz FACE, bei dem auch der Böhmisch-Mährische Jagdverband seit zehn Jahren Mitglied ist. Nicht nur in Bezug auf die Vogelgrippe, sondern auch in anderen Bereichen sei die Zusammenarbeit mit den Jagdverbänden anderer Länder sehr gut, vor allem mit jenem der Slowakei und Österreichs. Ein grenzüberschreitendes Problem ist beispielsweise die Verbreitung mancher Tierarten, wie dem Schakal oder dem amerikanischen Nerz, die in europäischen Ländern nicht heimisch sind und außerdem noch eine große Gefahr für das Wild darstellen. Eine Lösung des Problems ist auf rein nationaler Ebene nicht möglich und erfordert daher eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit. Dabei wird dann auch der Stellenwert des Jagdwesens in den jeweiligen Ländern sichtbar. Während in der Tschechischen Republik, so wie in den meisten EU-Staaten, die Jäger in einem freiwilligen Verband zusammengeschlossen sind, ist die Struktur in Österreich eine ganz andere, wie Jiri Kasina, Chefredakteur der Verbandszeitschrift "Das Jagdwesen", näher erläutert

"Österreich ist das einzige Land, in dem die Jagdverbände die Funktion einer staatlichen Aufsichtsbehörde übernommen haben und in Bezug auf die Organisation des Jagdwesens als staatliche Behörde auftreten. Die Jagdverbände in den österreichischen Bundesländern geben Gesetze, Bestimmungen usw. heraus. Das heißt, sie haben andere Kompetenzen und andere Möglichkeiten, das Jagdwesen zu bestimmen."

Außerdem können dadurch in Österreich bei Übertretungen von Vorschriften rigorose Maßnahmen, vom Entzug des Waffenscheins bis hin zum Ausschluss aus dem Jagdverband, getroffen werden. Damit kann der Kompetenzmissbrauch im Jagdwesen wesentlich eingeschränkt werden. Auch in Ungarn drückt sich der höhere Stellenwert des Jagdwesens durch seinen Platz im Staatssystem aus: Hier gibt es seit 1989 neben dem Jägerverband auch eine eigene, vom Parlament genehmigte Jägerkammer. Dazu Jiri Kasina:

"Damit drückt das ungarische Parlament den Jägern sein Vertrauen aus, indem es das Jagdwesen als Bestandteil der Landwirtschaftsökonomie versteht. Im Gegenteil zur Tschechischen Republik und zu Polen wurde in Ungarn das Jagdwesen damit auf dasselbe Niveau gehoben wie der Tourismus, das Kurwesen, die Landwirtschaft und so weiter."

Jiri Silha (li.), Pressesprecher des tschechischen Jagdverbandes, berichtet beim Wildgulasch über die Aufgaben der Jäger.
Das Jagdwesen, so die einhellige Meinung, sei eben kein Hobby, sondern ein Lebensstil. Wenn ein Jäger seine Berufung ernst nimmt, dann gibt es das ganze Jahr genug zu tun. Die in der Öffentlichkeit häufig als einzige Tätigkeit verrufene Beschäftigung des Jägers, das Töten von Tieren, nimmt bei den sozusagen "echten" Jägern einen verschwindend geringen Teil ein. Denn diese, so Kasina, seien Jäger aus Leidenschaft und im Vordergrund stehe die Liebe zur Natur und den Tieren. Für ein schlechtes Image in der Öffentlichkeit sorgen mitunter auch die Ausländer, die zur Jagd nach Tschechien kommen. Bei ihnen sind besonders die Mufflon-Trophäen beliebt, aber auch Damwild wird gejagt und in Südmähren oder in den Waldgebieten bei Konopiste fahren sie auf gemeinsame Treibjagden von Fasanen. In Bezug auf die Finanzen zahlen sich diese Jagdausflüge für beide Seiten aus: Für die Ausländer sind die Trophäen in Tschechien günstiger als beispielsweise in Österreich oder Frankreich und für den tschechischen Jagdverband bedeuten diese Jagdbesuche einen zusätzlichen Gewinn. Dieser aber komme, so Kasina, direkt oder indirekt den Tieren zugute, indem beispielsweise Futter oder Arzneimittel für das Wild gekauft oder eine neue Einrichtung finanziert werde. Außerdem, so Kasina weiter, würden viele ausländische Jäger nicht wegen des "billigen Schießens", sondern aus ganz anderen Gründen nach Tschechien kommen:

Vladislav Pumr gibt auf seinem Waldhorn eine feierliche Fanfare zum Besten.
"Gerade die Klientel aus Deutschland, Österreich oder auch aus Frankreich, die hier zur Jagd kommt, schätzt die tschechische Jagdtradition. Das tschechische Jagdwesen ist dafür bekannt, dass bei den Jagden geblasen wird, dass es organisierte Jagdstrecken gibt, dass die Jäger richtig uniformiert und ausgerüstet sind und auch, dass es nach den Jagden gesellschaftliche Veranstaltungen gibt - das ist es, was den ausländischen Jägern bei uns gefällt."

Die Gemeinschaft der Jäger und das damit verbundene gesellschaftliche Leben wäre, so Kasina, in vielen tschechischen Dörfern die letzte aufrecht erhaltene und funktionierende Tradition. Dabei sei meistens die ganze Familie miteingebunden, wenn den Frauen, die mit einem Anteil von fünf Prozent im nationalen Jagdverband vertreten sind, auch hier eher die klassische Rolle zukommt. Neben der Organisation der alle fünf Jahre stattfindenden internationalen Ausstellung "Natura viva" gibt es auch eine Reihe von internationalen Wettbewerben, die vom Böhmisch-Mährischen Jagdverband organisiert werden oder bei denen tschechische Verbandsmitglieder als Landesvertretung teilnehmen. Traditionell wird in Tschechien beispielsweise der internationale Wettbewerb im Hornblasen veranstaltet, da die Jagdmusik hierzulande eine sehr große Tradition hat. Das Spielen der feierlichen Fanfaren muss dabei aber nicht unbedingt an eine Jagd und schon gar nicht an die Jagdzeit gebunden sein. Dies zeigt der Hornbläser Vladislav Pumr, der auch bei anderen Anlässen sein Können zum Besten gibt, wie zum Beispiel bei einem Besuch im Jagdrevier.





Folgende Hinweise bringen Ihnen noch mehr Informationen über den Integrationsprozess Tschechiens in die Europäische Union:



www.integrace.cz - Integrace - Zeitschrift für europäische Studien und den Osterweiterungsprozess der Europäischen Union

www.euroskop.cz

www.evropska-unie.cz/eng/

www.euractiv.com - EU News, Policy Positions and EU Actors online

www.auswaertiges-amt.de - Auswärtiges Amt

Autor: Sandra Dudek
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