Jihlava/Iglau - Kindheit Gustav Mahlers

Marktplatz in Jihlava

Eine weitere Musikwanderung erwartet Sie in der nachfolgenden Touristensprechstunde. Gemeinsam mit Markéta Maurová besuchen Sie die südmährische Stadt Jihlava-Iglau. Und was ist daran aus musikalischer Hinsicht so interessant? Gerade in Iglau verbrachte der Komponist Gustav Mahler seine ersten 15 Lebensjahre.

Iglau war nicht die Geburtstadt des weltberühmten Komponisten und Dirigenten. Trotzdem spielte diese Stadt in seinem Leben eine wichtige Rolle. Gustav wurde am 7. Juli 1860 in Kaliste/Kalischt geboren, das heißt in einem kleinen Dorf auf der Böhmisch-Mährischem Höhe. Sein Vater entschloss sich noch im selben Jahr zu einem Umzug in eine Stadt und wählte Iglau. Die Familie Mahler traf in dieser deutschen Stadt, der damals zweitgrößten Stadt Mährens, die ideale Bedingungen für die geplanten Handelsaktivitäten bot, im Oktober 1860 ein. Der Vater erhielt zunächst eine Erlaubnis für das Hökergewerbe, aber später auch die Schankbewilligung für Bier, Schnaps und Wein und eröffnete in seinem Haus schließlich eine Schankstube.

Wie sah Iglau im Jahre 1860 aus, als die Mitglieder der Familie Mahler deren neue Bürger wurden? Ich fragte den Musikwissenschaftler des Iglauer Museums, Dr. Pavel Jirák danach:

"Wenn wir in Betracht ziehen, dass Bernard Mahler aus Kalischt nach Iglau kam, d.h. aus einem Dorf, dann ging er natürlich in eine große Stadt. Es war die ehemalige königliche Stadt, eine Stadt mit einem entwickelten Handel. Für die Juden, die bis zu jener Zeit nur beschränkte Möglichkeiten zu geschäftlichen Unternehmungen hatten, bedeutete die Stadt eine große Chance, sich in der Handels- und Marktwelt durchzusetzen. Das war wohl der Hauptgrund, warum der Vater nach Iglau ging. Es hatte jedoch auch für den jungen Gustav Folgen, der hier - wie man überall erzählt und schreibt - im Kindesalter, das meiner Meinung nach für die Entwicklung der Persönlichkeit entscheidend ist, Anregungen bekam, die ihn später prägten - sowohl positiv, als auch negativ."

Es wird sehr viel über die Einflüsse des Aufenthalts in Iglau auf das spätere Schaffen Gustav Mahlers gesprochen. Was ist damit aber eigentlich gemeint?

Marktplatz in Jihlava
"Ich meine damit die Anfänge der musikalischen Ausbildung, Impulse aus dem reichen musikalischen Leben Iglaus zu jener Zeit, aber auch die Wirkung der schönen Natur in der Umgebung von Iglau, auf die Mahler selbst später hingewiesen hat. Und auf der anderen Seite, war er natürlich durch die ziemlich komplizierte Beziehung der Eltern, durch die Tatsache, dass er in Iglau den Tod seiner Geschwister erlebte, stark beeinflusst."

Von großer Bedeutung für die musikalische Entwicklung des zukünftigen Komponisten war das Iglauer Musikleben. Wie konnte die Musikszene vor 140 Jahren in einer solchen Stadt aussehen?

"Die Lage war wohl ein bisschen anders, als wir uns das heute vorstellen können. An erster Stelle wäre da zu nennen, dass in Mahlers Jugend - als er etwa zehn Jahre alt war und zum ersten Mal in Iglau konzertierte - hier schon seit zwanzig Jahren ein städtisches Theater existierte. Es war eine sehr renommierte Bühne und man führte hier eine Reihe bedeutender Stücke auf, sowohl musikalische als auch Schauspiele, die in Wien gegeben wurden. Das war ein wichtiges Moment. Des Weiteren muss man in Betracht ziehen, dass Iglau als eine Garnisonsstadt eine sehr gute Militärkapelle hatte. Sie war aber anders als die heutigen militärischen Blaskapellen. Es spielten dort Musiker aus dem ganzen Spektrum der Musikinstrumente, d.h. die Militärkapelle präsentierte ernstere Kompositionen, nicht nur militärische Marsche. Und zudem kann man hier auf eine reiche Tradition der Meistersänger zurückblicken, die bis in die Renaissance zurückreicht. Im 19. Jahrhundert ging daraus die Tätigkeit des deutschen Musikvereins hervor, d.h. eines Männer-Gesangvereins."

Die weltliche Musik war nur ein Bereich, den Iglau dem talentierten Knaben bot. Gustav konnte sich aber auch mit der sakralen Musik vertraut machen. Schon ein flüchtiger Blick auf die Stadt und ihre Türme verrät uns, dass es dort viele Kirchen gibt, deren Gottesdienste sicher nicht ohne Musik zelebriert wurden.

St.-Jakob-Kirche (Foto: Suchac.fa.da2, CC BY-SA 3.0 Unported)
"Die musikalische Aktivität in den Iglauer Kirchen war sehr reich. Hier müssen wir darauf hinweisen, dass Mahlers Mitschüler Fischer einen Vater hatte, der als Regenschori in der St.-Jakob-Kirche wirkte. Und auch wenn wir kaum Belege dafür finden, gilt es als sehr wahrscheinlich, dass die beiden jungen Freunde in die Kirche kamen, wo sich der junge Gustav mit der musikalischen Seite der katholischen Liturgie bekannt machen konnte. Und letztendlich wissen wir, dass Mahler später zum Katholizismus konvertierte. Es wird über eine Bindung zu den Kindheitserlebnissen spekuliert, es handelt sich dabei aber nur um Vermutungen."

Bei dem kleinen Gustav kam schon in der frühen Kindheit eine außerordentliche Begabung zu Tage, um die sich zahlreiche Legenden ranken. Die eine erzählt davon, wie Gustav den Männerchor in der Iglauer Synagoge überschrie, dessen Gesang ihm nicht gefallen hat. Eine andere Geschichte schildert seine "Harmonika-Konzerte", die er als fünfjähriger Knabe für Frauen auf dem Iglauer Markt gab. Gustavs Fähigkeiten führten den ehrgeizigen Vater Bernard zur Überzeugung, dass sein Sohn ein großer Musiker wird. Er kaufte ein Klavier und besorgte ihm einen Musiklehrer. Zunächst gaben ihm jene Mitglieder der Stadtkapelle Klavierunterricht, die Mahlers Schenkstube besuchten. Später wurden renommierte Iglauer Musiker angestellt. Im Alter von nur 10 Jahren trat Gustav Mahler zum ersten Mal als Klavierspieler öffentlich auf. Sein erstes Konzert fand am 13. Oktober 1870 im Iglauer Theater statt.

Mahlers Haus in Jihlava (Foto: Google Maps)
"Heute benutzt man dafür den Terminus "Schüler-Vorspielabend", der in Musikgrundschulen veranstaltet wird. Ich bin nicht fähig, zu sagen, wie das Programm aussah, wie hoch das Niveau war. Allerdings die damalige Iglauer Zeitung mit dem Namen "Vermittler" bringt einen Bericht davon, dass der kleine Gustav auf eine entzückende Art gespielt habe. Der Autor äußert seine Hoffnung, dass man für weitere Konzerte ein Klavier besorgt, das dem Niveau der Leistung Mahlers entsprechen wird."

An den ersten Auftritt Gustav Mahlers erinnert seit dem Herbst letzten Jahres ein Denkmal im Foyer des Iglauer Theaters. Diese Glaspyramide ist aber nicht die einzige Erinnerung an Mahler in Iglau. Obwohl er lange Jahrzehnte eher verschwiegen wurde, findet man heute in Iglau ein Mahler-Museum. Vor kurzem wurde das Haus der Familie Mahler renoviert, eine Straße sowie das größte Hotel in der Stadt tragen Mahlers Namen. Im Kreisarchiv von Iglau findet man eine Reihe von Materialien, die den Aufenthalt Gustavs und der Familie Mahler dokumentieren. Seine Direktorin, Renata Piskova dazu:

Am 10. September 1875 verließ Gustav Mahler die Stadt seiner Kindheitsjahre. Er schrieb sich im Wiener Konservatorium ein und verbrachte nur die Festtage und Ferien bei seinen Eltern. Er setzte ein Fernstudium am Iglauer Gymnasium fort und gab Konzerte für die Iglauer Bürger. Der Ertrag eines solchen Konzerts wurde dem Gymnasium für den Einkauf von Unterrichtshilfsmitteln gewidmet. U.a. auch diese Großzügigkeit verhalf Mahler dazu, dass er 1877 - bei seinem zweiten Versuch - das Abitur ablegte. Danach wurden seine Besuche in Iglau seltener. 1889 ließ er ein großes Denkmal auf dem Grab seiner Eltern auf dem jüdischen Friedhof in Iglau errichten. Man kann annehmen, dass er auch später zumindest kurze Stopps in Iglau einlegte, von einem weiteren Aufenthalt gibt es jedoch keinen Beleg.

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