Jubliäumsausstellung AVU 1800-2000

r_2100x1400_radio_praha.png

Was braucht man, um ein Künstler zu werden? Ist eine Begabung dafür ausreichend, oder auch eine Schule notwendig? Auch diese Frage möchten wir in unserem heutigen Kulturspiegel beantworten. Wir besuchen eine Ausstellung, die im August in dem neu renovierten Ausstellungssaal in der Reitschule des Waldstein-Palais´ auf der Prager Kleinseite eröffnet wurde. Die Retrospektive ist dem diesjährigen 200. Gründungsjubiläum der Akademie der bildenden Künste (AVU) in Prag, d.h. der ersten Kunstschule in den böhmischen Ländern überhaupt, gewidmet. Gute Unterhaltung beim Kulturspiegel wünschen Ihnen Lothar Martin und Marketa Maurova.

Die Akademie wurde auf Initiative der "Gesellschaft Patriotischer Kunstfreunde" durch ein kaiserliches Dekret vom 10. 10. 1799 gegründet und nahm im darauffolgenden Jahr 1800 ihre Tätigkeit auf. Anlässlich des 200jährigen Jubiläums ihrer Existenz wurde im vergangenen Jahr eine Reihe von Veranstaltungen vorbereitet. Die gerade laufende Ausstellung im Waldstein-Palais, die bis zum 28. Oktober zu sehen ist, stellt einen Höhepunkt davon dar. Wie sie gestaltet wurde, erklärte der Rektor der Akademie der bildenden Künste und Kurator der Ausstellung, Jiri T. Kotalik.

"Unser Anliegen war es, den Entwicklungssprung der 200 Jahre in bestimmten geschichtlichen Etappen vorzustellen. Wir haben uns entschieden, diese Etappen durch Werke ausgewählter Pädagogen zu charakterisieren, die an der Akademie wirkten, und darüber hinaus wollten wir ihre Werke präsentieren, die zur Zeit ihrer Tätigkeit an der Akademie entstanden sind. Damit haben wir gewisse Blocks geschaffen, die meiner Meinung nach auf eine sehr interessante Art und Weise die Atmosphäre der Schule in einzelnen Perioden andeuten. Und wenn wir die Namen der Studenten aus dem Almanach hinzufügen, können wir uns gut vorstellen, wie das alles zusammen funktionierte."

Prag ist nicht Paris, und es ist klar, dass begabte Künstler zu jeder Zeit eher nach Italien oder in die französische Hauptstadt strömten, um etwas zu lernen. Gab es aber trotzdem in der Geschichte der Prager Kunstakademie Phasen, in denen diese Schule eine bedeutende Rolle auch im europäischen Kontext spielte?

modernen bildenden Kunst um die Jahrhundertwende zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert spielte. Meiner Meinung nach stellt die von Jan Kotera gegründete Architekturschule ein wichtiges Kapitel in der Geschichte der Akademie dar, die auch im europäischen Kontext von Bedeutung ist. Ebenfalls ist das auch die vergessene Persönlichkeit Bohuslav Slanskys, der 1947 die Restaurierungsschule gegründet hat. Diese ist durch ihre Methoden bis heute von europäischer Bedeutung. Sonst handelt es sich natürlich um Persönlichkeiten, die eher in der einheimischen Szene eine wichtige Rolle spielten. Eine Ausnahme bildet der Sonderstatus von Frantisek Kupka, der Professor der Prager Akademie mit Sitz in Paris war. Er wurde von Prag bezahlt und hatte die Aufgabe, sich um die tschechischen Stipendiaten in Paris zu kümmern. Dieser Künstler gehörte zur absoluten Spitze der Weltkunst und es ist für uns eine große Ehre, dass Kupka zu unserem pädagogischen Körper gehörte."

Professor Kotalik hob die Architekturschule hervor. Worin ihre Bedeutung lag, sagte uns der Architekt Vladimir Jirout.

An der feierlichen Eröffnung der Ausstellung nahm auch der frühere Rektor der Akademie der bildenden Künste und derzeitige Direktor der Nationalgalerie, Milan Knizak teil. In seiner Rede unterstrich er bei diesem Anlass die komplizierte Geschichte dieser Schule, die voll von dramatischen Veränderungen gewesen sei. Für Radio Prag fasste er diese zusammen:

Die Prager Kunstakademie hat heute Fakultäten, die sich auf Malerei, Graphik, Bildhauerkunst, Architektur sowie die Restaurierungskunst spezialisieren und alle auch in der Ausstellung vorgestellt werden. Was bedeutete aber vor 200 Jahren die Gründung der Schule? Der Grund war damals nicht so stark künstlerisch, sondern eher praktisch geprägt.

"Die Schule ist eigentlich aus einem zeitlichen Bedarf entstanden. Die Gründung wurde durch die Gesellschaft patriotischer Kunstfreunde initiiert, die in der selben Zeit auch die Gemäldegalerie der späteren Nationalgalerie gegründet hat. Wir müssen in Betracht ziehen, dass es zu jener Zeit keine Photographien gab und die Grundlage stellte die Reproduktionskunst dar. D.h. es gab einen großen Bedarf an qualifizierten Kräften, die fähig waren, gut zu zeichnen und diese Zeichnungen in Graphik zu übertragen. Das war eigentlich der Hauptgrund, warum die Akademie entstanden ist."

1896, als die Schule verstaatlicht wurde, erweiterte sich ihr Spektrum um die Bildhauerei und später noch um Architektur und Graphik. In dieser Form bestand sie bis zum Ende der 1. Republik und bot sozusagen eine professionelle Vorbereitung für Interessenten der bildenden Kunst, ohne jede existenzielle Garantie. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde die offene Atmosphäre durch ein Dogma eingeschränkt, demnach nur derjenige Künstler ist, der dafür Papiere hat. Wer ein Künstler sein wolle, müsse an einer Kunstschule studieren, galt es. Von einem neuen Konzept der Kunstakademie in den letzten Jahren spricht, ihr Rektor Professor Jiri T. Kotalik.

"Wir haben uns bemüht, alles zur Normalität zurückzuführen. Wir sind uns nämlich dessen bewusst, dass jeder, der Energie, Kreativität, Talent hat und fähig ist, an sich zu arbeiten, Künstler sein kann. Unsere Schule ist hier nicht da, um Künstler zu erziehen oder zu produzieren, wie etwa die juristische Fakultät Juristen produziert. Wir wollen eher Hintergrund und Bedingungen dafür schaffen, dass außerordentlich talentierte junge Leute Chancen und Möglichkeiten haben, sich zu entwickeln. Ein weiteres Schicksal ihrer Begabung liegt schon in ihren Händen."