Karel Havlicek Borovsky - 150. Todestag des Gründers der tschechischen Journalistik, Satire und Literaturkritik

Karel Havlicek Borovsky

Der Schriftsteller und Journalist Karel Havlicek Borovsky gehört zu den wenigen Persönlichkeiten der tschechischen Geschichte des 19. Jahrhunderts, die bis heute nicht antiquiert wirken. Er ist in unserem Bewusstsein nicht nur bekannt, weil Denkmäler, Straßen, Plätze und Schulen nach ihm benannt wurden, sondern er gehört zu denen, von denen wir wissen, was sie gemacht haben und warum sie berühmt wurden. Über Havliceks Leben und seine aktuelle Bedeutung spricht Dana Martinova im heutigen Geschichtskapitel mit dem Historiker PhDr. Martin Sekera.

Karel Havlicek wurde am 31. Oktober 1821 in Borova bei Pribyslav als Kind einer ziemlich wohlhabenden Kaufmannsfamilie geboren. Sein zweiter Zuname Borovský ist vom Geburtsort abgeleitet. Er absolvierte das Gymnasium in der Stadt Nemecky Brod, die 1945 nach dem berühmten Schriftsteller in Havlickuv Brod umbenannt wurde. Im Jahre 1841 kam er nach Prag, um hier auf Wunsch seiner Mutter ein Priester-Studium aufzunehmen, doch schon nach zwei Jahren wurde er vom Seminar ausgeschlossen. Er begann jedoch zu begreifen, dass dieses Studium für ihn nicht das geeignete Milieu dafür war, um eine Volksaufklärung betreiben und das "System Metternich" reformieren zu können. Zum österreichischen Absolutismus, der auf Pressezensur, straffem Polizeiwesen und Denunziantentum basierte sowie nationale Kollektivrechte ignorierte, baute er ein sehr kritisches Verhältnis auf, das sich mit den Jahren noch verstärkte.

"In seiner Jugend machte Havlicek eine Reise nach Osteuropa. Die größte Erfahrung, die nur wenige seiner Zeitgenossen hatten, brachte ihm ein zweijähriger Aufenthalt in Russland ein, wo er in einer Professoren-Familie in Moskau als Erzieher wirkte. Wie andere Tschechen auch war Havlicek damals slawophil, also ein glühender Protagonist für ein Zusammengehen aller Slawen unter der Führung Russlands, um dem Deutschtum zu trotzen. Aber nachdem er seine eigenen Erfahrungen mit der damaligen Rückständigkeit Russlands gemacht hatte, ist er sich bewusst geworden, dass die kulturelle Mannigfaltigkeit unter den Slawen sehr groß und eine solche Verbindung völlig illusorisch ist. Und das ist der erste bezeichnende Charakterzug von Havlicek: Das Bemühen, alles Unwahre zu demaskieren und den Dingen, die keine praktische Bedeutung haben, kritisch zu begegnen."

Havlickuv Brod, foto: Thalion 77, Creative Commons 2.5
Nach der Heimkehr aus Russland wollte sich Karel Havlicek der literarischen Tätigkeit widmen. Er ging nach Prag, wo er im Jahr 1846 auf Fürsprache von Frantisek Palacky als Redakteur der Prager Zeitung eingestellt wurde. Diese Zeitung war damals das einzige Blatt, das in tschechischer Sprache erschien. Gleich nach seinem Einstieg hat sich der Stil der Zeitung radikal verändert. Der knochentrockene und wenig informative Lesestoff wich einer lebhaften, verständlichen und unterhaltsamen Berichterstattung, die im Sinne der tschechischen Patrioten antiösterreichisch ausgerichtet war. Und Havlicek wusste sich dabei besonders zu profilieren:

"Havliceks Einstieg in den Journalismus war ein Glücksgriff, denn er geschah in einer Zeit der großen Veränderungen. Die Revolution des Jahres 1848 hatte ganz Europa einschließlich Österreich erfasst. Noch vor dem Ausbruch der Märzrevolution in Deutschland gründete Havlicek seine eigene Zeitung, die so genannte ´Narodni noviny´ (Nationalzeitung). Als nun schon bedeutende Persönlichkeit wurde er zum Sprecher der nationalen Liberalen mit Frantisek Palacky an der Spitze. Aufgrund der Kürze der Revolution, die den österreichischen Vielvölkerstaat vor allem hinsichtlich seiner staatsrechtlichen Ordnung verändern sollte, fehlte ihm jedoch die Zeit, sich auch journalistisch weiter zu entfalten. Sein publizistisches Schaffen unter den freien Bedingungen, als die Zensur in Österreich aufgehoben war, beschränkte sich lediglich auf rund drei Jahre."

Karel Havlicek ist im Revolutionsjahr 1848 auch für kurze Zeit in die Politik gegangen, indem er als Abgeordneter in den Wiener Reichstag eingezogen ist. Aber bekannt dafür, ein äußerst energischer und agiler Mensch zu sein, wurde er der langwierigen Verhandlungen der Abgeordneten bald überdrüssig. Er kehrte zurück zur Journalistik, und er tat gut daran. Denn als Publizist war er viel besser in der Lage, seinen Landsleuten zu erklären, worum es im Reichstag zu Wien und später in Kromeriz / Kremsier überhaupt geht. Seine Aktivität war unübersehbar, so dass er natürlich zu einer Zielscheibe für seine politischen Gegner geworden ist. Unter den Tschechen geriet er besonders mit den radikalen Demokraten in Konflikt, die auf eine revolutionäre Lösung der österreichischen Frage setzten. Sie haben Havlicek zu viel Konformität vorgeworfen zu den Ansichten der Liberalen, die mit Frantisek Palacky und August Brauner an der Spitze in der tschechischen Gesellschaft den Ton angaben.

Kutna Hora
"In der politischen Auseinandersetzung zeigte sich Havlicek als messerscharf. Er düpierte seine Gegner mit seiner enormen Fähigkeit, logisch zu argumentieren, die tschechische Sprache ausgezeichnet zu beherrschen, und leidenschaftlich, aber nicht demagogisch zu diskutieren. Parallel dazu hat er sich auch mit den anderen Opponenten herumgeschlagen, besonders mit dem als Regierungszeitung geltenden Wiener Tagblatt. Dieses Blatt vertrat die konservative Meinung, Österreich wieder in seiner vorrevolutionären Ordnung zu stabilisieren und nur kleine Reförmchen zu genehmigen. In keinem Fall aber sollte Österreich nach einem staatsrechtlichen, historischen oder nationalistischen Prinzip geteilt werden. Und das Zentrum des Landes sollte in Wien verbleiben."

Mit der zunehmenden Unterdrückung der Revolution sowie der Festigung der österreichischen Regierung in den Ländern der böhmischen Krone, verkleinerte sich die Gruppe der Journalisten, die noch publizieren konnte. Havlicek blieb am Ende der Einzige, der es schaffte, die beschränkte Redefreiheit, die neuen Verordnungen und den Belagerungszustand in Prag im Jahre 1849 zu umgehen. Seine Popularität in der Öffentlichkeit war riesig, weil er es immer wieder geschickt verstand, die Wiener Regierung der eigenen Gesetzwidrigkeiten zu überführen.

"Im Jahre 1851 musste er aber dennoch die Nationalzeitung einstellen. Eine Art Asyl fand er in Kutna Hora / Kuttenberg, wo er begann, die Zeitschrift ´Slovan´ herauszugeben. Sie wurde allerdings oft konfisziert. Seine Position als freier Publizist konnte Havlicek jedoch behaupten. Das war damals keinem anderen Publizisten in ganz Europa gelungen, der sich als Folge der gescheiterten Revolution von 1848 vor einer so genannten Reaktion fürchten musste. Havlicek erwarb sich sogar den Respekt des mächtigen österreichischen Innenministers Alexander Bach. Der war sich nur zu gut bewusst, dass es nicht möglich ist, eine solch bedeutende Persönlichkeit so einfach zu vernichten. Dass hätte nämlich sofort den Ausbruch einer erneuten Revolution bedeuten können. Und der hat wirklich gedroht."

Brixen, foto: Franz Ley, Creative Commons 3.0
Zu einer radikalen Lösung griff die Wiener Regierung zu Beginn des Jahres 1851, indem sie Havlicek nachts in einer geheimen Polizeimission nach Brixen im Südtirol verbannen ließ. Es ist zwar nachgewiesen, dass Havlicek in Brixen materiell nicht gelitten, und er hier sogar seine Hauptwerke geschrieben hat, doch die Abgeschiedenheit von zu Hause und von seinen Freunden machte ihm ganz bestimmt zu schaffen.

"Im Mai 1855 kehrte er sehr krank aus Brixen nach Hause zurück, denn seine Tuberkulose war bereits im fortgeschrittenen Stadium. Seinen Plänen, sich ins Privatleben zurückzuziehen und seine literarische Tätigkeit fortzusetzen, machte der Tod am 29. Juli 1856 ein jähes Ende. Er starb in einer Zeit, als viele seiner ehemaligen Freunde schon Angst hatten, mit ihm in Kontakt zu treten."

Neben den nicht ganz objektiven Interpretationen von Havliceks Leben, die mit den Mythen und Legenden über sein Märtyrertum in Brixen verbunden sind, überdauerte bis heute vor allem der Personenkult, der um seine Person gemacht wird. Von den tschechischen Legionären wurde er zum Beispiel im Ersten Weltkrieg zum Symbol vieler positiver Eigenschaften erkoren. Und selbst in den 70er und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts galt er noch als Symbol einer festen Meinung und der Gedankenfreiheit, weshalb Jaroslav Hutka nach der Inhaftierung des Dissidenten Václav Havel das Lied ´Havlicku Havle´ geschrieben hat.

"Der Typ Journalist, den Havlicek mit seiner logischen Argumentation und der Achtung der Gesetze verkörpert hat, fand viele Nachfolger. Zu ihnen gehörte auch Ferdinand Peroutka, der neben den Brüdern Capek einer der bekanntesten tschechischen Journalisten des 20. Jahrhunderts war. Peroutka hat so auch bewusst an den überlegten und effektiven Stil von Havlicek angeknüpft."

Auch für den investigativen Journalismus der Gegenwart gilt Havlicek als Vorbild mit seiner Fähigkeit, zu analysieren und das Zeitgeschehen scharfzüngig zu kommentieren. Daher ist der Nachlass von Karel Havlicek auch für die heutige Generation lebendig und gegenwartsnah.