„Kein roter Teppich für Kriegsverbrecher!“ – Demo vor der russischen Botschaft

Mehrere Hundert Menschen trafen am Donnerstagabend vor der russischen Botschaft in Prag zusammen. Sie erinnerten an den 57. Jahrestag des Einmarsches der Warschauer-Pakt-Truppen in die Tschechoslowakei und brachten ihre Unterstützung für die von Russland angegriffene Ukraine zum Ausdruck.

Svitlana Reichelová | Foto: Archiv von Martina Schneibergová,  Radio Prague International

Bei der Demonstration auf dem Boris-Nemzow-Platz sang die ukrainische Sängerin Svitlana Reichelová das beliebte ukrainische Volkslied „Oj o luzi cervona kalina“. Viele der Teilnehmer brachten tschechische und ukrainische Flaggen sowie Transparente mit. Auf diesen stand beispielsweise „Putin ist ein Mörder“ oder „Putin, stoppe die Bombardierung der Zivilpersonen“. Als erster sprach der Zeitzeuge Jiří Kolda auf dem Podium. In der Nacht auf den 21. August 1968 war er gerade auf Arbeit im Verkehrsministerium, als sowjetische Soldaten reinmarschierten. Obwohl er nicht bewaffnet war, wurde er aus unmittelbarer Nähe angeschossen. Stundenlang wartete der Schwerverletzte auf eine provisorische Behandlung. Er überlebte, wenn auch mit schwerwiegenden Folgen. 57 Jahre später erklärte Jiří Kolda am Donnerstag auf dem Podium:

Jiří Kolda | Foto: Archiv von Martina Schneibergová,  Radio Prague International

„Ich habe damals unglaubliche propagandistische Lügen erlebt sowie den mangelnden Willen, Fehler zuzugeben. Dies steckt meiner Meinung nach leider in der Mentalität des russischen Volkes. Sie mussten wissen, dass sie logen, als sie behaupteten, ich hätte mit einer Waffe auf sie gezielt. Denn ich hatte die Hände in die Höhe gehoben. Diese Mentalität hält sich bis heute. Wir sehen die propagandistischen Lügen von Russland über die Ukraine. Seien wir wachsam, vergessen wir die Geschichte nicht und seien froh, dass wir in einem demokratischen Land leben.“

Seine Erfahrungen mit der russischen Propaganda machte auch der ehemalige russische Soldat Alexej Ženatý, der während des Dienstes in der Tschechoslowakei 1988 desertierte und dafür zum Tode verurteilt wurde.

Foto: Archiv von Martina Schneibergová,  Radio Prague International

„Kurz nachdem ich eingerückt war, wurde ich eines Abends in die Tschechoslowakei geflogen. In den Kasernen wurde uns erzählt, wir seien dort auf Einladung des tschechischen Volkes, unsere Armee werde hierzulande geliebt. Bald erfuhr ich jedoch, dass das nicht stimmte. Ich sprach mit den Tschechen, sie zeigten mir Fotografien von 1968. Dann entschied ich mich, zu desertieren. Denn ich wollte auf der Seite der Wahrheit stehen.“

Martin Ocknecht | Foto: Archiv von Martina Schneibergová,  Radio Prague International

Nach den beiden Zeitzeugen kamen Vertreter von Non-Profit-Organisationen zu Wort, die das Happening initiierten und die der Ukraine unter die Arme greifen. Martin Ocknecht von der Organisation Paměť národa (Memory of Nation) erinnerte zuerst an das Jahr 1968 in der Tschechoslowakei. Er erklärte, die historische Erfahrung verpflichte, auf der Seite derjenigen zu stehen, die ihr Land vor einer Aggression verteidigen und über die eigene Zukunft entscheiden wollen. Ocknecht betonte:

Foto: Archiv von Martina Schneibergová,  Radio Prague International

„Die Russen haben auch heute wieder in der Ukraine gemordet und Kriegsverbrechen begangen – beispielsweise in Lwiw, nicht weit von unserer Grenze entfernt. Für die Kriegsverbrecher sollte man keinen roten Teppich ausrollen, sondern das internationale Strafgericht in Den Haag vorbereiten.“

Seit dem Kriegsbeginn habe die Organisation Paměť národa medizinisches Material für die ukrainischen Verteidiger im Wert von 750 Millionen Kronen (30 Millionen Euro) ins Land transportiert, sagte Ocknecht.

„Anlässlich des 21. Augusts haben wir 21 Rettungsdrohnen für die Ukraine vorbereitet, die bei Pokrowsk oder Kupjansk Leben retten könnten. Wenn es Ihnen möglich ist, unterstützen Sie unsere Initiative!“

Außer dem Vertreter von Paměť národa stellten auch die Hilfsorganisation Člověk v tísni und der Verein Eine Million Augenblicke für die Demokratie ihre Hilfsprojekte für die Ukraine vor.

Das Happening war unter dem Motto „Jdi domů, Ivane“ – auf Deutsch etwa „Geh nach Hause, Iwan“ – einberufen worden. So hieß ein populäres Lied von 1968, in dem der Russe nach Hause geschickt wird. Zum Abschluss der Veranstaltung spielte die Band Rybičky 48, die vor den bevorstehenden Wahlen zum Abgeordnetenhaus vor den Populisten und Kommunisten warnte.

schlüsselwörter:
abspielen

Verbunden