Gedenken an 1968: Präsident und Premier erinnern an Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen
Eines der traumatischsten Ereignisse der tschechischen Geschichte spielte sich vor genau 57 Jahren ab. Am 21. August 1968 stoppten die Sowjetunion und ihre Verbündeten die Reformbewegung Prager Frühling. Die Tschechoslowakei blieb danach für über 20 Jahre besetzt und musste sich wieder dem Joch Moskaus unterordnen. Vor dem Rundfunkgebäude in Prag erinnerte die Staatsführung am Donnerstag an den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen und seine Folgen.
Es sind die Parallelen zum heutigen Geschehen in der Ukraine, die tschechische Politiker immer wieder auf die Geschichte ihres eigenen Landes schauen lassen. Auch deswegen kamen am Donnerstag die höchsten Repräsentanten des Landes zum Gedenkakt vor dem Gebäude des Tschechischen Rundfunks im Prager Stadtteil Vinohrady.
Sie, weitere Politiker, Vertreter von Armee und Rundfunk sowie Zeitzeugen erinnerten bei einer feierlichen Stunde daran, dass am 21. August 1968 die Truppen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei einmarschierten. Obwohl die Bewohner des Landes damals nur gewaltfreien Widerstand leisteten, gab es zahlreiche Opfer. Am ersten Tag der Invasion kamen den heutigen offiziellen Daten nach 58 Menschen ums Leben, bis Ende des Jahres stieg die Zahl auf 108. In der Folge setzte eine neostalinistische Phase der kommunistischen Herrschaft in der Tschechoslowakei ein. Die sowjetischen Truppen blieben bis nach der Samtenen Revolution von 1989 im Land. Der letzte Besatzer ging erst im Sommer 1991.
Staatspräsident Petr Pavel wies in seiner Ansprache darauf hin, dass das Gedenken unter anderem deswegen so wichtig sei, um Fehler nicht zu wiederholen. Allerdings müsse dafür die historische Interpretation so objektiv wie möglich sein. Und genau das sei heute wie damals ein Problem:
„Russland sagt nicht, dass es einen aggressiven Krieg führe, um ein souveränes Land zu unterjochen. Sondern es handle sich nur um eine Spezialoperation, um Russen und die russischen Interessen zu schützen – egal wo. Im Fall des Jahres 1968 wurde der Einmarsch als internationale Hilfe bezeichnet, gegen eine Konterrevolution, die angeblich bei uns ausgebrochen war und das ganze sozialistische System bedrohte. Aufgrund dieser Auslegung der Geschichte hatte eine ganze Generation an Tschechen und Slowaken zumindest vorübergehend ein verdrehtes Weltbild. Aber unser Ziel sollte sein, dass unser Blick auf die Geschichte möglichst objektiv ist.“
In diesem Zusammenhang erwähnte der tschechische Präsident unter anderem einen aktuellen Film. Es handelt sich um eine Doku, für die der Regisseur drei tschechische Putin-Anhänger an die Front in der Ukraine mitgenommen hat. Sie sei eine Sonde in die Seele von Menschen, die einer alternativen Interpretation der Geschichte erlegen seien, so Petr Pavel.
Premier Petr Fiala – Spitzenkandidat des Wahlbündnisses Spolu bei der tschechischen Abgeordnetenhauswahl im Oktober – ging in seiner Rede konkreter auf die Ereignisse im August 1968 ein. Das Hauptgebäude des heutigen Tschechischen und damaligen Tschechoslowakischen Rundfunks sei damals zu einem Symbol geworden, so der Regierungschef. Und weiter:
„Vor genau 57 Jahren wurde ab den frühen Morgenstunden hier gekämpft. Der Kampf war ungleich und sicher auch nicht fair. Sowjetische Soldaten und Panzer waren gekommen, und ihnen standen nicht unsere Armee sondern normale Bürger gegenüber. Sie versuchten das Vorrücken der Okkupanten zu verlangsamen – und zwar mit allem, was sie in die Hände bekamen.“
In diesen Tagen allgemeinen Aufstandes hätten sich Gut und Böse leicht unterscheiden lassen, so Fiala...
„Es war einer der stärksten Momente unserer Geschichte, unter anderem deswegen, weil unser ganzes Volk bis auf einige Ausnahmen vereint war“, sagte der Premier.
Danach habe die Zeit der sogenannten Normalisierung jedoch die Gesellschaft stark belastet. Man habe das eine gedacht und das andere gesagt. Die Geschichte der 1960er bis 1980er Jahre zeigt dabei laut Fiala, dass die Zukunft des Landes davon abhänge, welche Werte die Menschen im Alltag vertreten:
„Jeder von uns hat die Möglichkeit zu entscheiden, ob er auf der Seite von Freiheit und Menschenwürde stehen will. Von Millionen kleinen Entscheidungen hängt etwas Großes ab. Nämlich ob wir auch in Zukunft unsere Souveränität, Unabhängigkeit und Freiheit erhalten können.“
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