Moskauer Protokoll: Kapitulation der Reformer

Alexander Dubček (Foto: ČT24)

Durch den Einmarsch in der Tschechoslowakei wurde vor 50 Jahren der Prager Frühling gewaltsam beendet. Doch wie sah die Zukunft aus? Darüber entschied das sogenannte Moskauer Protokoll. Ein Blick zurück ins Jahr 1968.

Alexander Dubček, Iva Janžurová und Marta Kubišová (Foto: YouTube)
Die Warschauer-Pakt-Truppen siegten am 21. August 1968 zwar militärisch, aber politisch war es eine Niederlage des Kremls. Die tschechoslowakische Bevölkerung leistete zivilen Ungehorsam, und das Politbüro der KPTsch sprach von einer Besetzung des Landes. Die damalige Stimmung gab unter anderem ein Aufruf der Schauspielerin Iva Janžurová wieder:

„Ich möchte gerne den jungen Menschen, zu denen ich mich auch zähle, sagen: Ich bin stolz auf ihren disziplinierten, weisen, witzigen und unermüdlichen Widerstand gegen die unsägliche Besetzung unseres Landes. Lasst Euch in Gottes Namen nicht ermüden! Verfallt nicht in Passivität, und gebt nicht auf! Ich denke, ein Kollaborateur ist noch schlimmer als ein Besatzer.“

Zu diesem Zeitpunkt sind der Parteivorsitzende Alexander Dubček und weitere Reformpolitiker bereits nach Moskau verschleppt. Der sowjetische Staats- und Parteichef Leonid Breschnew zwingt sie zu Verhandlungen. Deren Ergebnis ist das sogenannte Moskauer Protokoll. Es wird am 26. August unterzeichnet, nur der Vorsitzende des Politbüros der KPTsch, František Kriegel, nimmt all seinen Mut zusammen und verweigert seine Unterschrift. Oldřich Tůma ist Historiker an der tschechischen Akademie der Wissenschaften:

Oldřich Tůma (Foto: Marián Vojtek, Archiv des Tschechischen Rundfunks)
„Im Grunde verpflichteten sich Dubček und die anderen Politiker dazu, den bereits eine Woche dauernden Widerstand in der Tschechoslowakei zu bändigen. So sollte in gewisser Weise die Zensur eingeführt werden. Schweigend akzeptierten sie auch die Besatzungstruppen im Land. Damals glaubten sie daran, dass dies nur vorübergehend sein würde und sie einen Abzug der Soldaten aushandeln könnten.“

Die tschechoslowakischen Politiker kehren am 27. August nach Prag zurück. Das Moskauer Protokoll wird allerdings nicht veröffentlicht. Stattdessen hält KPTsch-Generalsekretär Dubček eine Ansprache im Rundfunk. Es ist die Rede eines gebrochenen Mannes, der seine Niederlage andeutet.

„In der schwierigen Lage bleibt uns nichts anderes übrig, als alle Kräfte zusammenzuraufen, um in unserer weiteren Arbeit Erfolg zu haben. Bitte vergeben Sie mir, dass sich in meine in großen Teilen improvisierte Rede an der einen oder anderen Stelle Pausen eingeschlichen haben. Ich denke, Sie werden verstehen, woher das kommt“, so eine Passage aus Dubčeks Ansprache.

Gustáv Husák (Foto: YouTube Kanal RetroTV CS)
An mehreren Stellen benutzt der Parteichef das Wort „Normalisierung“. Der Begriff wird in der Folge zum politischen Schlagwort. Es ist die Rückkehr zum Status quo ante – also zu einem moskautreuen Kurs in der Tschechoslowakei.

„Dubčeks Rede wirkte zwar menschlich, aber im Inhalt ging es um weitreichende Zugeständnisse an Moskau. Die Rede bedeutete den Umschwung. Am 27. August endete die Woche des heldenhaften Widerstandes, wie ich es nennen würde. Danach begann die Normalisierung.“, sagt Historiker Tůma.

Im Oktober 1968 billigen die tschechoslowakischen Abgeordneten einen Vertrag über die Anwesenheit der Besatzungstruppen. Die sowjetischen Soldaten werden erst nach der politischen Wende von 1989 wieder nach Hause geschickt. Dubček und die Reformer haben mit dem Moskauer Protokoll auch ihre eigene politische Entlassung unterschrieben. Im April 1969 übernimmt Gustav Husák die Führung der tschechoslowakischen Kommunisten. Damit sitzen die Hardliner wieder an den Schalthebeln der Macht.

Autor: Till Janzer
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