Klimawandel und verdichteter Boden: Neue Konzepte verbessern Baumbepflanzung in Prag

Prag

Prag wird in internationalen Vergleichen oft als eine Stadt mit viel Grün gerühmt. Dies verdankt die Moldaumetropole vor allem ihren großen Parkanlagen – wie etwa Petřin / Laurenziberg und Stromovka – oder aber dem Stadtwald Kunratice. Im Zentrum gibt es hingegen zahlreiche Straßen, in denen kein einziger Baum steht. Und wer die gerade abgeschlossene Umgestaltung des unteren Wenzelsplatzes verfolgt hat, wundert sich womöglich auch, warum dort so viele alte und Schatten spendende Bäume gefällt wurden. Die Antwort findet sich in einem neuen Pflegeleitfaden, nach dem der Prager Magistrat nun die Baumbepflanzung in der Stadt ausrichtet.

David Hora ist Arborist, also professioneller Baumpfleger. Er steht in einer Seitenstraße der Hauptverkehrsachse Veletržní im Prager Stadtteil Holešovice. Grünanlagen gibt es hier keine…

Messepalast | Foto: Štěpánka Budková,  Radio Prague International

„Diese Straße hier hätte sicher sechs oder sieben Bäume verdient. In der jetzigen Form kann ich mir gar nicht vorstellen, wie hier die Lebensqualität im Sommer ist. In dieser Straße will auch niemand leben. Alle gehen nur schnell durch, denn sie dient als Parkplatz. Dies ist einfach ein unangenehmer Ort, und das sowohl für den Aufenthalt als auch für das Durchlaufen dieser Straße. Vor allem für Ältere und für Kinder ist es in den Sommermonaten hier sogar gefährlich.“

Orte wie diese wolle der Prager Magistrat nun aufwerten, sagt Hora. Er leitet das dortige Team, das die Pflegestandards für die Prager Grünanlagen erstellt. Diese sehen unter anderem eine effektive Pflanzung von Bäumen im gesamten Stadtgebiet vor. Und mit Blick auf die zubetonierte Umgebung erläutert Hora weiter:

Lužická Straße in Prag Vinohrady | Illustrationsfoto: Jiří Vlček,  Tschechischer Rundfunk

„Ein wichtiger Aspekt, den wir in Zukunft stärken wollen, ist der Blick auf die Qualität und Funktion der Grünanlagen anstatt auf die Quantität. Wir meinen nicht unbedingt, dass es in jeder Straße mehr Bäume geben muss – an einer ganzen Zahl von Orten wollen wir die Baumreihen sogar ausdünnen. Es muss ja ein Kompromiss gefunden werden zwischen der Anzahl der Bäume, der Parkplätze und ähnlichem. Wenn es uns tatsächlich gelingt, bestimmte Bäume erfolgreich anzupflanzen und wachsen zu lassen, dann ist es egal, ob in einer Straße zehn oder nur fünf große und gesunde Exemplare stehen. Denn fünf solcher Bäume leisten eventuell bessere Dienste als zehn andere.“

Damit erklärt sich auch das neue Konzept am unteren Wenzelsplatz. Dieser wurde in den vergangenen Jahren zu einer Fußgängerzone umgewandelt. Derzeit wirkt er allerdings noch sehr kahl. Drei neue Baumreihen seien angelegt worden, schildert Hora. Und diese bräuchten nun aber erst einmal Zeit, um zu wachsen:

„Der Architekt Jakub Cigler hat eine starke Anordnung erdacht, die die Funktion der Bäume für das Ökosystem hervorhebt. Der untere Wenzelsplatz soll einmal an seinen Seiten von einem Kronendach gesäumt sein. Dafür wurden Linden ausgewählt, schließlich ist das der tschechische Nationalbaum. Im Gegensatz zu vorherigen Bepflanzungen sind die Bedingungen nun so gestaltet, dass die Bäume größer werden. Einige Linden auf dem oberen Wenzelsplatz sind fast 100 Jahre alt, und man sieht ja, in welchem Zustand und wie klein sie sind. Die neuen Bäume, die seit drei Jahre hier stehen, sind jetzt schon größer als die alten.“

Bisherige Pflanzpraktiken sind überholt

David Hora | Foto: Karolína Vránková,  Tschechischer Rundfunk

Wer einen der vergangenen, sehr heißen Sommer in einer Großstadt erlebt hat, kann die Bedeutung von Bäumen im Straßenbild einschätzen. Sie spenden nicht nur Schatten und dämpfen den Lichteinfall, sondern sorgen auch für Luftfeuchtigkeit und kühlen die Umgebung spürbar ab. In Zeiten des Klimawandels werden diese Funktionen immer wichtiger – viele Städte aber sind immer weniger grün. In Prag gebe es derzeit ungefähr 70.000 Bäume, berichtet Hora. Dies sei keine geringe Zahl, betont der Experte. Sie solle in den kommenden Jahren aber deutlich erhöht werden:

„Es muss vor allem im Stadtzentrum ein Netz an Baumreihen angelegt werden, die eine mikroklimatische Funktion erfüllen. Dies ist eine Antwort auf den Klimawandel. Um diese Funktion zu erfüllen, müssen die Bäume bis zu einer bestimmten Höhe wachsen können. Zudem muss ihr Laubwerk im Sommer auch extreme Temperaturen aushalten. Von jenen Pflanzpraktiken, die jahrzehntelang angewandt wurden, können wir das nicht mehr erwarten, denn die Rahmenbedingungen haben sich grundlegend geändert.“

Bäume in Prag | Foto: AramH,  Pixabay,  Pixabay License

Das meine nicht nur unregelmäßige Regenfälle und steigende Temperaturen, fährt der Arborist fort. Durch die intensive Bebauung und moderne Weganlagen werde der Boden in der Stadt stark verdichtet, sodass weniger Wasser und Sauerstoff darin gespeichert würden. Kann man da nicht auf Baumarten zurückgreifen, die diese Gegebenheiten besser vertragen? Hora ist skeptisch:

„So würde ich es nicht unbedingt angehen. Auf diese Weise hat man das Problem ja in der Vergangenheit betrachtet. Dabei wurde nach dem Superbaum gesucht, der die Veränderungen aushält. Wenn also die Linde nicht mehr wachsen wollte, hat man etwa eine Akazie versucht – und dann festgestellt, dass auch sie nicht gedeiht. Der Austausch der Arten ist nicht der richtige Weg. Vielmehr muss das Artenspektrum erweitert werden, damit die Grünanlagen der Stadt vielfältiger sind und auch belastbarer hinsichtlich globaler Veränderungen.“

Prag | Foto: Ondřej Tomšů,  Radio Prague International

Für die Umsetzung dessen, was David Hora und sein Team in den neuen Richtlinien für die Pflege von städtischen Grünanlagen zusammentragen, ist die Technische Verwaltung der Verkehrswege in Prag (TSK) zuständig. Das mag ungewöhnlich erscheinen, räumt Pressesprecherin Barbora Lišková ein:

„Die TSK kümmert sich um den gesamten öffentlichen Raum. Das sind nicht nur Gehwege und Straßen oder auch Brücken und Tunnel. Daneben gibt es das sogenannte Straßengrün, wie etwa die Baumreihen in den Straßen. Wir haben zudem das Mähen der Rasenflächen zur Aufgabe oder etwa das Anlegen neuer Blumenbeete. Weil dies alles sehr komplex ist, gibt es dafür eine eigene Abteilung, die vor drei, vier Jahren gegründet wurde.“

Barbora Lišková | Foto: Eva Dvořáková,  Tschechischer Rundfunk

Dort arbeitet Kristýna Hujerová als Abteilungsleiterin für die Grünanlagenverwaltung. Die beginnende Umsetzung der neuen Pflegestandards kommentiert sie so:

„Die größte Freude bereitet uns allen wohl die Tatsache, dass in Prag nun endlich wieder Bäume gepflanzt werden – dass sich also überhaupt wieder jemand darum kümmert. Früher wurde dies nur auf wenig professionellem Niveau getan. Jetzt gab es Ausschreibung für Fachunternehmen, die die vorhandenen Bäume beschneiden sollen. Dies wird geschehen anhand der Empfehlungen eines Teams aus den besten Baumexperten und Dendrologen, die wir bekommen konnten.“

Diese Arbeitsgruppe habe zunächst den bisherigen Baumbestand Prags analysiert, so Hujerová weiter:

„Dies bringt leider ein großes Abholzen mit sich. Früher hat man die Bäume einfach wachsen lassen – sie waren zwar groß, jedoch oft auch gefährlich. Jetzt säubern wir das etwas aus, was eben auch Fällarbeiten bedeutet. Es werden aber ebenso neue Baumreihen angepflanzt, häufiger allerdings nur einzelne Bäume.“

Foto: Miloš Turek,  Radio Prague International

Wurzelkorridore bieten mehr Platz

Gerade bei der Pflanzung von ganzen Baumreihen setzt David Hora eine Neuerung in Prag durch. Zunächst müssten deren Standorte natürlich in die vorhandene Infrastruktur eingepasst werden, so der Baumpfleger. Und weiter:

Janovského-Straße in Holešovice | Foto: Zeleň v Praze/TSK

„In einer Straße brauchen wir alles: Wasserleitung, Gasleitung und auch Bäume. Bisher wurde ein Baum in eine Lücke im Gehweg gesetzt. Er hatte also einen Quadratmeter Platz, und die Wurzeln sollten dann irgendwie ihren Weg ins Umfeld finden. Die Analysen, die wir für den neuen Prager Standard erstellen, zeigen aber, dass die Wurzeln es oft nicht schaffen, die verdichteten Erdschichten zu durchbrechen. Darum müssen nun gezielt Korridore für die Baumwurzeln angelegt werden.“

Ein Beispiel dafür sei die Janovského-Straße in Holešovice. Die Felsenbirnen, die hier ursprünglich wachsen sollten, hätten dem engen Wurzelraum und der Belastung durch den starken Autoverkehr nicht standgehalten, schildert Hora…

„Inzwischen stehen hier Hopfenbuchen. Sie sind in Prag nicht so üblich, und vermutlich ist dies die erste Straße, in der diese Art genutzt wird. Die klassische Methode der Einzelbepflanzung in einer Lücke im Gehweg wurde hier durch einen Pflanzgürtel ersetzt. Er verbindet die einzelnen Bäume. Ihre Wurzeln verwachsen miteinander, und die Bäume können miteinander kommunizieren. Zugleich haben sie mehr Bodenraum, der Wasser und Nährstoffe liefert.“

Die noch jungen Bäume sollen einst bis zu zwölf Meter hoch wachsen und dann für ausreichend Schatten sorgen, so der Plan. David Hora ist zuversichtlich, dass es in zehn oder zwanzig Jahren überall in Prag solche kühlenden Korridore geben wird:

„Die Qualität wird dann eine andere sein. Obwohl wir die Maßnahmen erst seit drei Jahren systematisch umsetzen, zeigt sich jetzt schon, dass die neuen Bäume effektiver wachsen und wirken. Für die Zukunft können wir also erwarten, dass es mehr funktionstüchtige Bäume gibt, die auch bei Hitze ihr Blattwerk behalten und nicht schon Anfang August gelb werden. Sie werden die Umgebung abkühlen, und das Wasser wird zu den Bäumen und nicht in die Kanalisation ablaufen. Damit wird die Stadt ein angenehmer Ort zum Leben sein. Denn im Endeffekt tun wir all dies ja für die Menschen und für die Lebensqualität in dieser Stadt.“

Autoren: Daniela Honigmann , Markéta Ševčíková | Quelle: Český rozhlas Plus
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