Kulinarisches aus Prag

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Nicht nur die Politik, sondern auch die tschechische Küche hat sich nach der Wende verändert. Vor allem die Zutaten sind leichter geworden. Anstelle von Gänse- und Schweineschmalz tritt zunehmend die Margarine. Ausserdem werden die Knödel luftiger zubereitet und haben nicht mehr die Ausmasse von Wagenrädern. Aber auch der kreative Einfluss anderer Küchen macht sich bemerkbar. Zum Beispiel beobachtet man zunehmend Elemente der französischen Cuisine. Frische und vielfältig zubereitete Salate, raffinierte Sossen und ungewöhnliche Kombinationen von Fleisch und Beilagen sowie das Aufkommen verschiedener Fischsorten sind dafür ein deutliches Zeichen.

Unweit des Altstädterrings, mitten im Herzen des Stadtzentrums in der Michalská-Gasse, findet sich ein Restaurant, das solche neuen Wege geht: "U modré kachnicky II" ("Zum blauen Entchen II" also). Zwei deshalb, weil es noch ein Restaurant gleichen Namens auf der Kleinseite gibt.

Das mit Plüschvorhängen, Leuchtern und Perserteppichen nobel eingerichtete Lokal mit freundlichen, aufmerksamen, aber nie aufdringlichen Kellnern vermittelt die passende, nie steif wirkende Atmosphäre für ein höchst erfreuliches Ess- Erlebnis. Allenfalls auf das Hintergrund-Geklimper des Pianisten könnte man verzichten.

Kalte und warme Vorspeisen stimmen uns auf die kommenden Genüsse ein: Originell zum Beispiel die Birne mit Blaukäse gefüllt, lecker das Wildragout oder Jakobsmuscheln mit Knoblauch.

Von den Hauptspeisen besonders empfehlenswert sind die Enten- und Wildgerichte sowie altböhmische Speisen, alle eben auf die vorher erwähnte kreative Weise zubereitet. So gibt es Ente mit Birnen und Kartoffelkroketten, eine Erpelbrust in Honig mit Rosinenreis oder eine Wildente a l'orange. Letztere zeugt besonders vom erwähnten französischen Einfluss. Von den Wildspezialitäten sind besonders zu empfehlen das Wildschweinsteak mit Pilzen, die Dammhirschmedaillons auf Wachholderbeeren und mit Borovièka (dem tschechischen Wachholderschnaps) flambiert oder der Wildhase in Sahnesosse. Und wer es altböhmisch mag, der versuche entweder den gespickten Schweinebraten, die Kaninchenkeule in Knoblauch mit Spinat und Kartoffelknödeln oder (für zwei Personen) den altböhmischen Fleischteller mit Ente, Kaninchen, Schweinefleisch und Geräuchertem. Natürlich gibt es auch Fischgerichte (zum Beispiel Flussforelle mit Dill) und Vegetarisches (zum Beispiel ein Waldpilzrisotto). Und wie wärs, wos doch gerade so schön ist und Ihnen, liebe Hörerinnen und Hörer, vielleicht schon ein bisschen das Wasser im Munde zusammen läuft, wie wärs zum Dessert mit einem flambierten Palatschinken oder einem Quarkstrudel mit Apfelmus oder einem Sorbet Campari?

Eine preislich ausgewogene und interessant zusammengestellte Weinkarte rundet das hervorragende kulinarische Angebot ab.

Und nach dem Essen, vor allem abends, gibt es nichts Schöneres, als die paar Meter zu Fuss zu gehen und den magisch erleuchteten Altstädterring zu geniessen.